471 | Um 6.40 Uhr werde ich wach.

, Zu Hause 2

Um 6.40 Uhr werde ich wach. Ich schalte den Wecker aus. Klara schläft. Atmet ganz ruhig und gleichmäßig. Ich lege meine Hand auf ihren Kopf. Streiche über ihr Haar. Es ist ganz wirr. Von der Nacht. Vom Schlaf.

Ich bleibe etwas liegen. Höre die Tür klappern. Einatmen und Ausatmen. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Öffne die Balkontür. Es ist trocken draußen. Die Sonne hat sich noch versteckt. Hinter den Wolken. Einatmen und Ausatmen.

Wie schnell er sich verändert. Der Zustand von Josef. Letzte Woche war der Tod so nah. Gestern so fern. Wie sollen wir es aushalten? Wie halte ich das aus? Die Angst. Die Freude. Das Glück. Die Sehnsucht nach einer Zukunft. Mit Josef. Mit Klara. Mit unseren Kindern. Unsere Familie. Das Leben im Heute.

An das Morgen denken. Immer auch an das Morgen. Und nicht zu viel verlangen. Von dem Morgen. Doch im Heute bleiben. Wie soll das gehen? Das Heute ohne das Morgen und Gestern. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe in Josefs Zimmer. Die Tür knarrt. Josef liegt in seinem Bett. Die Schwester steht bei ihm. Gibt ihm durch den Bauchschlauch Medikamente und Tee. Sie macht es ganz liebevoll. Zieht vorher die Luft aus dem Magen. Dann lässt sie den Tee und die Medikamente reinlaufen. Sie ist geübt.

Ich frage nach der Nacht. Es war eine ruhige Nacht, sagt sie. Lacht mich an. Vitalwerte waren im Normbereich. Kein Fieber. Keine Krämpfe. Das Sekret war weiß und schaumig. Gut, sage ich. Gut. Meine es so.

Die Schwester spült die Inhalette aus. Die Absaugbehälter. Tauscht aus. Zieht auf. Ich stelle mich zu Josef. Küsse ihn. Ganz sanft. Josef lautiert. Ganz selten höre ich es. Es ist ein: Oh oh. Es klingt ganz zauberhaft. Ganz sanft. Als würde Josef träumen. Mir laufen Tränen. Josef, mein Josef. Die Schwester verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Ich lasse die Tür zu Josefs Zimmer offen. Setze mich ins Wohnzimmer. Uli kommt zu mir. Wir trinken Kaffee. Tee. Erzählen. Ein wenig. Josef wird wach. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Nimmt ihn aus dem Bett. Ich decke den Frühstückstisch. Klara kommt.

Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Setze ihn in seinen Therapiestuhl. Wir frühstücken. Ich fühle mich fast wie eine normale Familie. Josef sitzt bei uns. Ich gebe ihm seinen Morgenbrei durch den Bauchschlauch. Medikamente. Tee. Nach dem Frühstück kuschelt Uli Josef ein. Fährt ihn an die Balkontür und öffnet sie. Frischlufttherapie. Der Vormittag vergeht. Der Mittag auch.

Gegen 13.00 Uhr ist Josef unruhig. Er dreht den Kopf nach rechts. Zuckt mit dem Kopf. Nach hinten. Ich nehme ihn. Küsse ihn. Vielleicht beruhigt dich das, mein Josef. Weiß doch, dass Küssen nicht hilft. Gegen Krämpfe. Ich lege Josef auf meine Knie. Sammele seine Arme und Beine ein. Halte seinen Kopf. Drücke mit meinem Daumen auf die Stelle zwischen seinen Augen.

Uli holt das Notfallmedikament. Kurz bevor er es Josef geben möchte. Hört Josef auf. Mit dem Krampfen. Einatmen und Ausatmen. Josef schläft ein. Ich lege ihn mir über die Knie. Streiche mit meinen Händen über seinen Rücken. Halte seine Hände. Küsse ihn.

Um 14.30 Uhr klingelt es. Eine Freundin. Mit ihrer Tochter. Wollen kurz vorbeischauen. Sind auf der Durchreise. Wir erzählen. Ihre Tochter ist etwas jünger als Josef. Es schmerzt. Zu sehen, wie Josef gewesen wäre. Wenn.

Gleichzeitig freue ich mich. Über das Mädchen. Wie sie läuft. Sich auf den Schoß ihrer Mutter windet. Bücher anschaut. Skeptisch ist. Uns gegenüber. Josef ganz selbstverständlich berührt. Dann fahren sie wieder. Wir umarmen uns. Bis bald. Bis bald. Danke für euren Besuch.

Josef, mein Josef. Unruhe breitet sich in Josef aus. Manchmal habe ich das Gefühl, genau zu spüren, dass es wieder los geht. Mit den Krämpfen. Wie eine Welle in Josef. Er dreht den Kopf wieder. Zuckt nach hinten. Seine Augen drehen sich. Sein Arm zuckt. Sein Bein auch. Ich gebe ihm das Notfallmedikament. Er schläft ein. Mein Josef. Einatmen und Ausatmen.

Ich lege Josef in sein Bett. Wir essen Abendbrot. Klara badet. Morgen ist ja Schule. Klara hat eine Zukunft. Das dürfen wir nicht vergessen. Kara hat sie. Die Zukunft. Dafür brauchen wir Platz in uns. Für ihre Zukunft. Sie zu begleiten. Sie nicht aus den Augen zu verlieren. Einatmen und Ausatmen.

Wir schauen fern. Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Er schläft. Ist ganz entspannt. Schlapp. Hat keine Körperspannung. Daran habe ich mich gewöhnt. Weiß, wie es sich anfühlt. Ich lege Josef wieder in sein Bett. Küsse ihn. Schalte den Monitor an. Herzfrequenz 112. Sauerstoffsättigung 96.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir erzählen. Vom Tag. Planen die Nacht. Gehen ins Bett. Schlafen. Unruhig.

Veröffentlicht am: 15. 03. 2019

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