596 | Der Wecker klingelt um 7.00 Uhr.

, Zu Hause 2

Der Wecker klingelt um 7.00 Uhr. Ich schalte ihn aus. Die Katze. Auf Ulis Sachen. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Die Eisschicht wird etwas dicker. Die Hoffnung mit jedem krisenfreien Tag etwas mehr. Ich sehe wieder mehr. Habe wieder etwas Orientierung. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Gehe auf den Balkon. Es wird ein schöner Tag heute. Der Himmel ist noch etwas bedeckt. Aber. Ich sehe, wie sich die Sonne zwischen den Wolken hervorschiebt. Ich gehe in Josefs Zimmer. Er schläft. Schlaf mein, Josef. Schlaf.

Herzfrequenz 110. Sauerstoffsättigung 96. Ich frage nach der Nacht. Die Nacht war ruhig, sagt die Schwester. Vitalzeichen waren im Normbereich. Kein Fieber. Keine Krämpfe. Sehr schlapp ist Josef, sagt sie. Das hat sich verändert. Seit der großen Krise. Ja, sage ich. Ja. Das stimmt. Wer weiß, sage ich. Wer weiß? Die Schwester streicht mir über den Arm. Es ist mir angenehm. Von ihr ist es mir angenehm.

Uli kommt zu uns. Wir reden noch. Über das Wochenende. Welche Pläne wer hat. Die Schwester verabschiedet sich. Josef wird wach. ich schalte den Monitor aus. Küsse ihn. Guten Morgen, mein Josef. Guten Morgen.

Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Josef ist deutlich schlapper. Er streckt seinen Körper seltener. Viel seltener. Kaum noch. Gar nicht. Was bedeutet das, mein Josef? Was bedeutet das? Keine Kraft? Keine Kraft mehr dich durch das Strecken zu zeigen?

Ich küsse Josef. Möchte nicht weinen. Und doch ist es wichtig. Auch das zu beweinen. Zu beweinen, dass Josef sich nicht mehr streckt. Sein Körper nicht mehr fest wird. Sondern ganz weich ist.

Und annehmen. Gleichzeitig annehmen. Das es jetzt so ist, wie es ist. Nicht zurückschauen. Nicht kämpfen. Nicht darum kämpfen, dass es vielleicht wieder so sein wird, wie es mal war. Kein Kampf. Josef. Dein Leben ist kein Kampf. Nein. Das ist es nicht. Kein Kampf.

Annehmen. Mitgehen. Mit dir. Einlassen. Auf dich. Ganz und gar. Sich nicht verlieren. Das ist schwer. Sich dabei nicht zu verlieren. Mir laufen Tränen. Nun doch. Da sind sie. Und brauchen ihren Raum. Raum, geweint zu werden.

Wir frühstücken. Klara im Schlafanzug. Ich halte Josef in meinem Arm. Wir planen. Die Ferien. Zu den Großeltern wird es für Klara gehen. Dann eine Woche Geschwistercamp.

Zehn Tage wollten wir zusammen verreisen. Mit Josef. Ob das geht? Wir entscheiden, nur fünf zu fahren. Ob das geht? Ob das nicht zu viel ist? Für Josef? Für uns? Wir werden sehen, sagt Uli. Werden dann sehen. Gut, sage ich. Gut.

Wir ziehen uns an. Wollen spazieren. Uli packt die Absauge, Medikamente und Tee zusammen. Ich trage Josef. Lege ihn in seinen Kinderwagen. Nächste Woche, mein lieber Josef, wird der Rehabuggy geliefert. Nächste Woche.

Klara fährt mit ihrem Fahrrad. Wir laufen. Gartenrunde. Heide. Park. Absaugen zwischendurch. Medikamente. Tee. Wir gehen Eis essen. Sind mutig heute. Mutig.

Auf dem Heimweg gehen wir ins Kinderhospiz. In den Garten. Die Geschwisterkinder sind da. Klara ist sofort verschwunden. Völlig absorbiert. Wie schön das ist. Ihre andere Welt. Die sie trägt. Hält. Heilt. Einatmen und Ausatmen.

Im Garten sind Besuchsgäste. Gäste mit ihren Eltern und Geschwistern. Sie machen Urlaub hier. In Berlin. Sind von weit angereist. Ich freue mich jedes Mal. Neue Gäste. Neue Kinder. Ich habe keine Berührungsängste mehr. Finde sie nicht befremdlich. In ihren Therapiestühlen. Liegen. Rollstühlen. Mit den Schläuchen im Bauch. Den Beatmungsmaschinen. Dem Piepen. Rauschen.

Ich bin neugierig, wie sie ihr Leben bewältigen. Wie ihre Geschichte ist. Dafür habe ich Platz gerade. Weil auch die Hoffnung auf Stabilität gewachsen ist. Dann kann ich den Blick weiten. Wenden. Das tut gut.

Am Abend wird gegrillt. Wir dürfen bleiben. Erzählen. Lachen. Es ist schön. Einfach schön.

Zu Hause. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich lege Josef über meine Knie. Damit das Sekret rauslaufen kann. Küsse ihn. Bin dankbar. Für die ruhige Zeit gerade. Ich lege Josef auf meine Brust. Wir atmen. Einatmen und Ausatmen.

Uli bringt Klara in unser Bett. Liest ihr vor. Macht das Hörspiel an. Die Katze springt durch unsere Wohnung. Macht sich bemerkbar. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 102. Sauerstoffsättigung 96.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir gehen ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 18.07.2019


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