477 | Es ist 7.00 Uhr. Ich schalte den Wecker aus.

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Es ist 7.00 Uhr. Ich schalte den Wecker aus. Klara schläft noch. Uli ist wach. Schaut mich an. Oder an mir vorbei. Wo ist er nur? Mein Uli. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee.

Auf den Schulhof ist es ruhig. Keine Kinder. Stille. Ich sehe nur einen Fuchs. Den Schulhoffuchs. Ich freue mich. Ich gehe in Josefs Zimmer. Die Schwester ist mir vertraut. Ich kenne sie aus dem Kinderhospiz.

Ich fühle mich leicht mit ihr. Es ist alles klar zwischen uns. Nicht so kompliziert. Wie, denke ich. Wie. Schicke den Gedanken weg. Möchte ihm keinen Raum geben. Möchte nicht nachdenken über die Tagdienstschwester.

Josef ist wach. Ich nehme ihn. Lege ihn auf meine Knie. Frage nach der Nacht. Keine Auffälligkeiten. Gute Diurese. Vitalwerte waren im Normbereich. Kein Fieber. Das Sekret ist etwas gelb. Gut, sage ich. Gut. Sie verabschiedet sich. Schlaf gut, sage ich. Danke.

Uli kommt zu uns. Vorsichtig setze ich mich mit Josef ins Wohnzimmer. Uli bringt mir den Kaffee. Klara schaut fern. Wir erzählen. Vom SPZ. Nochmal. Von der Zukunft. Vielleicht können wir wegfahren. Mit Josef. Sommerurlaub planen.

Wir überlegen, welche Hospize erreichbar wären. Für uns. Wohin könnte es gehen. Es darf nicht so weit sein. Hamburg? Leipzig? Am Montag werde ich telefonieren, sage ich. Josef schläft ein. Ich kuschele ihn ein. Höre, seine Atmung zieht.

Uli holt die Inhalette. Ich inhaliere Josef. Uli saugt Josef vorsichtig ab. Josef schläft weiter. Seine Atmung zieht immer noch. Ich lagere ihn vorsichtig um. Dann wird es besser. Mit seiner Atmung. Josef schläft. Oder nicht? Wo bist du, mein Josef?

Ich küsse ihn. Bist du weit weg, mein Josef. Wenn du so tief schläfst. Mein Josef. Nicht reagierst. Auf starke Reize. Dann habe ich das Gefühl, du bist weg. Weit weg. Schon. Auf Reisen. Nicht mehr da. Nicht mehr wirklich da. Nur noch ein Hauch bei uns. Nur noch ein Hauch. Ich spüre seine Atmung. Seine Wärme. Küsse ihn. Immer wieder.

Uli bereitet das Frühstück vor. Klara kommt im Schlafanzug. Ich gebe Josef vorsichtig seinen Morgenbrei. Tee. Medikamente. Dann wird Josef wach. Öffnet seine Augen. Ein wenig. Guten Morgen, mein Bär. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig.

Dann gehen wir spazieren. Eine Gartenrunde. Klara kommt mit ihrem Roller mit. Josef schlummert ein. Das Sekret läuft aus seiner Nase. Dann ist es gut, denke ich. Wenn das Sekret läuft. Sich nicht festsetzt. In der Lunge.

Zu Hause. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Wir spielen zusammen Karten. Josef liegt auf dem Schoß von Uli. Das ist schön. Hat etwas von Normalität. Wir spielen Karten. Ich gewinne. Klara hat schlechte Laune. Wir spielen noch einmal. Klara gewinnt. Wir spielen noch einmal. Klara gewinnt wieder.

Josef schlummert. Die meiste Zeit. Er befindet sich in einem Schwebezustand. So ist mein Gefühl. Als würde Josef schweben. Josef, mein Josef. Es ist ein ruhiger Samstag. Wir genießen es. Die Ruhe. Das Nicht-Aushandeln mit Schwestern. Das Nicht-Klingeln. Das Nicht-in-eine-Rolle schlüpfen. Das Nur-Sein genießen wir. Das Sein mit unseren Kindern.

Zum Abendbrot gibt es Nudeln. Uli macht eine Bolognese. Josef bekommt das Essen fein püriert durch den Bauchschlauch. Ganz vorsichtig. Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Klara sagt, sie ist traurig. Dass sie heute nicht zu dem Fest konnte.

Wir kuscheln uns zusammen. Ich küsse sie auf ihren Kopf. Sage, das verstehe ich. Du darfst traurig sein, meine Klara. Du musst kein Verständnis haben. Du darfst traurig und wütend sein. Du bist doch erst 7 Jahre, denke ich. Du darfst all diese Gefühle fühlen. Klara und Josef schlafen in meinem Arm ein. Ich bin glücklich. In diesem Moment. Durchströmt von Glück. Glück und Liebe.

Klara wird wach. Uli bringt sie in unser Bett. Liest ihr vor. Das Hörspiel macht er nicht mehr an. Sie ist eingeschlafen. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 126. Sauerstoffsättigung 96. Alles gut, denke ich. Bin dankbar für diesen Tag. Für diese Stunden.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir erzählen eine Weile. Lachen. Auch. Gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 21.03.2019


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