480 | Es klopft an der Tür.

, Zu Hause 2

Es klopft an der Tür. Mein Herz. Bis zum Hals. Es ist 3.00 Uhr. Ich wecke Uli. Sage, Josef. Stehe auf. Gehe zur Schlafzimmertür.

Die Schwester. Hat Josef im Arm. Ich nehme Josef. Küsse ihn. Seine Atmung zieht. Er ist angespannt. Wir gehen ins Josefs Zimmer. Sie sagt. Kurz vor 3.00 Uhr klappte Josef zusammen. Wie ein Taschenmesser. Aus dem Schlaf heraus. Er wurde blau. Atmete nicht. Sein Körper streckte sich. Und dann krümmte sich Josef.

Sie hat ihn auf die Seite gelegt und abgesaugt. Danach mit Salbutamol inhaliert. Ich küsse Josef. Lege ihn auf meine Knie. Uli holt das Notfallmedikament. Für Josef. Zur Beruhigung. Gibt es ihm über den Bauchschlauch. Ich küsse Josef wieder und wieder.

Sie hat ihn so noch nicht erlebt, sagt die Schwester. Deshalb hat sie uns geweckt. Okay, sage ich. Josef schläft ein. Ich lege ihn wieder in sein Bett. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 95. Er ist ganz entspannt. Ganz schlapp. Hat keinen Körpertonus. Wir bleiben noch eine Weile bei ihm. Die Schwester sagt, sie lernt Josef immer wieder neu kennen. Immer wieder neu.

Ja, sage ich. Wir auch. Wir als Eltern auch. Dann gehen wir ins Bett. Ich bin dankbar für diese Schwester. Für ihre Offenheit. Ihre Demut. Ich schlafe. Eine Stunde schlafe ich noch.

Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker. Ich stehe auf. Die Tür klappert. Ich warte. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch.

Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Ich küsse sie. Halte sie. Halte sie kurz fest. Uli kommt. Setzt sich zu Klara. Ich gehe in Josefs Zimmer. Josef schläft. Die Schwester steht an seinem Bett. Gibt ihm Tee und Medikamente. Herzfrequenz 125. Sauerstoffsättigung 96.

Er schläft noch, sagt sie. Vitalwerte waren in der Norm. Kein Fieber. Gut, sage ich. Gut. Dann reden wir über die Nacht. Sie sagt, sie schreibt es dem Team. Damit alle Josef kennenlernen. Ich frage, ob sie die Leitung übernehmen möchte. Von unserem Team. Gern, sagt sie. Gern. Sie wird die Pflegedienstleitung fragen.

Ich freue mich. Fühle mich sicher. Mit ihr. Sage es ihr auch. Klara geht los. Ich winke ihr. Bis ich sie nicht mehr sehe. Die Schwester räumt. Spült. Wechselt aus. Schlaf gut, sage ich. Danke.

Uli arbeitet. Im Schlafzimmer. Uli, arbeitest du? Still ist Uli. Still.

Um 8.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich rufe die Logopädin an. Sage den Termin heute ab. Rufe beim SAPV-Team an. Berichte. Sie kommen, sagen sie. Die Schwester. Ruft, Anne. Ich komme, sage ich. Ich komme. Josef ist in ihrem Arm. Ganz blau. Atmet nicht. Zusammengekrümmt. Ich nehme ihn. Sage, Absaugen. Inhalation.

Die Schwester saugt Josef ab. Er atmet wieder. Mit einem lautem Seufzer atmet Josef wieder. Die Schwester bereitet die Inhalation vor. Ich küsse Josef. Küsse nicht vergessen. Küsse. Ich inhaliere Josef. Er erholt sich. Erholt sich. Atmet.

Josef, atmen nicht vergessen. Ja. Atmen. Einatmen und Ausatmen. Ich bin ganz konzentriert. Ganz konzentriert. Ich lege Josef über meine Knie. Damit das Sekret rauslaufen kann. Ich bleibe heute bei ihm. Im Pflegezimmer. Die Schwester ist dabei.

Wir reden. Wenig. Über Josef. Ich sage, das sind die Krisen. Deshalb brauche wir dich und das Pfelegeteam. Allein ist es nicht zu schaffen, sage ich. Allein geht es nicht. Übersteigt unsere Kräfte. Wir haben keine Superheldenkräfte. Ja, sagt sie. Ich verstehe.

Um 13.00 Uhr klingelt es. Das SAPV-Team. Uli kommt dazu. Josef wird abgehört. Untersucht. Kein Infekt, sagt die Ärztin. Josef wird sterben, sagt sie. Mir laufen Tränen. Ich weiß, sage ich. Ich weiß.

Das Sterben, sagt sie, ist ein Prozess. Es kann Wochen, Monate und Jahre dauern. Das Sterben. Ich denke, Josef befindet sich in diesem Prozess.

Mein Körper ist ein einziger Schmerz. Mein Körper und meine Seele schmerzen. Ich halte Josef und küsse ihn. Und weiß doch, ich kann ihn nicht festhalten. Egal. Wie oft ich ihn küsse. Die Zukunft plane.

Aushalten. Das könne wir. Halten. Das können wir. Halten. Und jemand muss uns halten. Die Ärztin streicht über meinen Arm. Sagt, ich bin da. Wir sind da. Danke, sage ich. Danke. Einatmen und Ausatmen.

Uli holt Klara ab. Die Schwester verabschieden wir. Wollen für uns sein. Heute Nachmittag. Klara liest Josef und uns vor. Dann essen wir Abendbrot. Sind still heute. Ich halte Josef. Küsse ihn. Als müsste ich vorküssen. Wir schauen fern.

Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Josef liegt auf mir. Wir atmen zusammen. Einatmen und Ausatmen. Atmen, mein Josef. Atmen.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir erzählen vom Tag. Besprechen den Plan für die Nacht. Gehen ins Bett. Schlafen. Ein wenig.

Veröffentlicht am: 24.03.2019


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