578 | Der Wecker klingelt. 6.30 Uhr.

, Zu Hause 2

Der Wecker klingelt. 6.30 Uhr. Ich bin wach. Schalte den Wecker aus. Tränen laufen mir über das Gesicht. Laute Tränen. Uli nimmt mich in den Arm. Wir weinen. Beide.

Die Tür klappert. Ich warte. Stehe auf. Die Katze springt zwischen meinen Beinen. Ich muss aufpassen. Damit sie nicht aus dem Zimmer läuft. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Ich bin erschöpft. Erschöpfter. Am erschöpftesten.

Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Ich halte sie. Küsse sie auf den Kopf. Uli setzt sich zu ihr. Einatmen und Ausatmen. Ich gehe in Josefs Zimmer. Er wird gerade wach. Herzfrequenz 145. Sauerstoffsättigung 94.

Ich schalte den Monitor aus. Nehme Josef aus seinem Bett. Küsse ihn. Guten Morgen, mein Bär. Guten Morgen. Ich frage die Schwester nach der Nacht.

Josef geht es besser, sagt sie. Kein Fieber. Keine Krämpfe. Das Sekret ist wieder schaumig und hell. Gut, sage ich. Gut. Spüre einen Hauch Erleichterung. Ein Hauch Hoffnung. Auf etwas mehr Zeit. Einatmen und Ausatmen.

Klara geht los. Los in die Schule. Ich winke ihr. Bis ich sie nicht mehr sehe. Die Schwester inhaliert Josef. Uli kommt zu uns.

Wir sind still. Erst. Dann reden wir. Über das Gespräch gestern. Mit der Schwester. Über die Haltung. Josef reanimieren zu wollen, gegen unseren Willen. Fragen, wie die Haltung im Team ist. Josef gegenüber. Uns.

Die Schwester sagt, sie fragt nach. Sie ist unsere Teamleitung. Wird sich kümmern. Sagt, sie ist bei uns. Sie. Wird Josef nicht reanimieren. Sie wird uns wecken. Sie, sagt sie. Sie ist dankbar für unsere Klarheit. Und Offenheit. Sie sagt, sie. Hat großen Respekt vor unserer Entscheidung. Sie, sagt sie. Trägt sie mit. Unsere Entscheidung.

Mir laufen Tränen. Danke, sage ich. Danke. Ich weiß. Ich weiß, du bist bei uns. Ich nehme Josef. Küsse ihn. Die Schwester räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht auf. Wir verabschieden uns. Sie umarmt mich. Kurz. Das tut mir gut. Einatmen und Ausatmen.

Es klingelt. Die Schwester. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Küsse ihn. Sage ihr, lass uns gemeinsam mit dem SAPV-Team, dem Kinderhospiz und der Pflegdienstleitung sprechen. Über Josef. Über die EVN. Vielleicht hilft es uns? Die Schwester sagt, wenn ihr wollt.

Ich halte Josef. Küsse ihn. Die Schwester inhaliert Josef. Saugt ihn vorsichtig ab. Ist ganz behutsam. Ganz liebevoll. Josef und sie. Nur. Sie und ich. Wir sprechen eine andere Sprache. Finden nicht zueinander.

Es klingelt. Die Logopädin. Wir erzählen. Sie begrüßt Josef. Wellness heute, Josef. Wellness. Josef schlummert ein.

Es klingelt. Die Physiotherapeutin. Wir erzählen. Sie sagt, Josef stirbt nicht. Das würde ich spüren. Einatmen und Ausatmen. Sie dreht und wendet Josef. Legt ihn ins Bett.

Josef schläft. Ich küsse ihn. Merke. Mir geht alles zu schnell. Komme mit meinen Gefühlen nicht hinterher. Kann noch gar nicht begreifen, was passiert ist. Am Wochenende. Und nun Alltag. Wieder Alltag. Als wäre nichts gewesen.

Das Telefon klingelt. Der Sauerstoffmann. In einer Stunde ist er da. Es klingelt. Er steht vor der Tür. Die Tonne. Die Treppe runter. Zischen. Die Tonne wieder hoch. Trollt sich in die Ecke. Bis in drei Wochen.

Das Telefon klingelt. Das Jugendamt. Die Haushaltshilfe bekomme ich nicht. Die Krankenkasse ist zuständig. Ich solle dort angeben, ich sei psychisch krank. Ich sage, das bin ich nicht. Ich bin überlastet, weil mein Kind im Sterben liegt.

Das tut mir leid, sagt die Frau. Ich sage, ich möchte einen Bescheid. Damit ich Wiederspruch einlegen kann. Wenn sie wollen, sagt sie. Ja, möchte ich schreien. Möchte am liebsten nur schreien. Einatmen und Ausatmen.

Josef, mein Josef. Das Sekret läuft aus seiner Nase. Ich bin glücklich. Darüber. Das ich Glück mal damit verbinde. Mit laufendem Sekret aus der Nase. Ich hole Klara ab. Vom Hort. Zu Hause. Die Schwester verabschiedet sich.

Das SAPV-Team ruft an. Uli erzählt von Josef. Dann fragen wir nach einem gemeinsamen Termin. Mit unserem Pflegdienst. Sie kümmern sich, sagen sie. Mir laufen Tränen. Ich weiß nicht wohin. Gerade. Mit all dem. Wir gehen eine kleine Runde spazieren. Mit Klara und Josef.

Zu Hause. Gemeinsam Abendbrot. Brot. Zusammen. Kinderfernsehen. Josef liegt auf mir. Wir atmen zusammen. Einatmen und Ausatmen. Ich küsse Josef. Wo bist du? Mein Josef. Wo? Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Wo ist die Katze?

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 92. Wir gehen ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 30.06.2019


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