6.00 Uhr wache ich auf.

Es regnet nicht. Die Sonne scheint auch noch nicht. Ein unentschlossener Tag, denke ich. Ich pumpe Milch ab. Stehe leise auf. Möchte niemanden wecken. Gehe ins Bad. Wasche mich. Uli wird wach. Ich sage, bleib liegen, ich gehe zu Josef.

Dann gehe ich zu Josef. Vorher noch in den Gemeinschaftsraum. Stelle mich ans Fenster. Schaue in den Garten. Einatmen und Ausatmen. Es ist noch niemand da. Das ist schön. Diese Stille. Von Weitem höre ich es piepen. Überlege kurz zu welchem Kind dieses Piepen gehört. Verwerfe den Gedanken. Hole mir einen Kaffee.

Gehe zu Josef. Er schläft noch. In seinem Bett. Liegt auf seinem Bauch. So kann das Sekret am besten aus ihm herauslaufen. Der Pfleger kommt. Baden? Ja. Nachher. Wenn er wach ist. Er sagt, er hat Josef zusätzlich inhaliert. Mit Salbutamol. Sein Sekret ist etwas zäh und gelb. Nach der Inhalation ist Josef wieder eingeschlafen.

In dem Moment wird Josef wach. Als hätte er uns gehört. Ich schalte den Monitor aus. Nehme ihn sanft aus seinem Bett. Küsse ihn. Halte ihn. Mir laufen Tränen. Mein lieber Josef, ab und zu habe ich auch Tränen. Das gehört auch dazu. Zum Leben. Ich höre das Wasser in die Wanne laufen. Das Bad wird vorbereitet. Ich ziehe Josef vorsichtig aus. Begrenze ihn immer wieder mit meinen Händen. Fange alle seine Körperteile ein. Spreche mit ihm. Genieße es. Genieße es, fast mit ihm allein zu sein.

Dann bade ich Josef. Der Pfleger kommt zu uns. Der krisenerprobte Pfleger. Möchte einfach da sein. Reagieren können, falls was ist. Mit Josef. Wir sprechen über Josef. Lachen auch. Dann nehme ich Josef aus der Wanne. Trockne ihn ab. Ganz vorsichtig. Erzähle mit Josef. Bin ganz bei ihm. Küsse seine Brust. Spüre sein kleines Herz schlagen. Küsse seinen Bauch. Heute ist er etwas aufgeregt, mein Josef. Wahrscheinlich von der Inhalation.

Uli kommt zu uns. Gut geschlafen hat er, sagt er. Das ist gut. Ich öle Josef ein. Dann ziehe ich ihn vorsichtig an. Ganz vorsichtig. Wir gehen in den Gemeinschaftsraum. Klara schaut noch fern. Langsam werden die Gäste gebracht. Nach und nach. Die Eltern kommen. Pfleger und Schwestern. Eine Mutter reist heute mit ihrem Sohn ab. Sie sagt, sie ist traurig. Würde gern noch länger bleiben. Hier im Kinderhospiz. Das Leben geht ja weiter. Dort draußen. Will gelebt werden, das Leben. Auch außerhalb des Kinderhospizes.

Heute kommen keine Therapeuten. Es ist Feiertag. Tag der Arbeit. Nach dem Frühstück gehen wir in den Garten. Trauen uns keine längeren Spaziergänge zu. Josef mit seinem zähen Sekret. Wollen lieber in Sicherheit bleiben. Der Tag verfliegt. Fliegt dahin. Die Medikamente werden gebracht. Die Milch. Ich pumpe zwischendurch ab. Es ist schön, sich nicht kümmern zu müssen. Nur da zu sein. Klara ist mal hier. Mal dort. Liest uns was vor. Bastelt. Spielt Fußball mit einem Geschwisterjungen. Am Nachmittag wollen sie ins Therapiebad. Seine Mutter und ich gehen mit. Klara kann noch nicht gut schwimmen.

Uli zieht sich in Josefs Zimmer zurück. Hat Josef auf seinem Schoss. Liest.

Klara findet es wunderbar. Im Schwimmbad. Es ist warm. Es ist ruhig. Nach einer Stunde trocknen wir uns ab. Schließen alles wieder zu. Es war schön. Schön, etwas zusammen mit Klara zu machen. Sie lachen zu hören. Ganz bei ihr zu sein. Wenn sie sagt, schau mal Mama, was ich schon kann. Ich kann tauchen.

Zum Abendessen gehen wir in den Gemeinschaftsraum. Die Gäste werden gebracht. Wenige Eltern kommen. Schwestern und Pfleger. Josef liegt auf meinem Schoss. Ich gebe ihm seine Milch. Ganz vorsichtig und langsam. Plötzlich krümmt sich Josef zusammen. Wird ganz blau. Uli rennt los. Los in Josefs Zimmer. Holt die Absauge. Saugt Josef tief ab. Es wird nicht besser. Er saugt ihn noch mal ab. Dann wird es besser.

Die Schwester bereitet die Inhalation vor. Ich trage Josef in sein Zimmer. Inhaliere ihn. Er beruhigt sich. Atmet wieder gleichmäßig. Einatmen und Ausatmen. Nicht vergessen, mein Josef.

Uli geht wieder zu Klara. Sie albert mit dem Geschwisterjungen. Sie fragt, ob alles wieder in Ordnung ist. Ja, sagt Uli. Dann ist ja alles gut, sagt Klara. Ja. Dann kommen beide in Josefs Zimmer. Josef liegt auf meinem Schoß. Mit dem Kopf nach unten. So bekommt er besser Luft. Klara möchte fernsehen. Das darf sie. Im Elternzimmer. Die Schwester kommt zu uns. Wir reden. Sind alle ruhig. Erstaunlich ruhig. Mit diesen Krisen müssen wir wohl leben, sage ich. Wahrscheinlich schon, sagt die Schwester.

In mir ist es ganz ruhig. Keine Aufregung. Ruhe. Annehmen. So ist da. So ist das mit Josef. Das gehört zu ihm. Zu uns. Jetzt. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Er schläft erschöpft ein. Ich lege ihn in sein Bett. Schalte den Monitor ein. Seine Werte sind gut. Die Schwester ist die ganze Zeit bei uns.

Dann gehen wir ins Elternzimmer. Kuscheln mit Klara. Sie schaut fern. Sagt, es war ein schöner Tag. Ob wir morgen nochmal schwimmen wollen. Vielleicht, sage ich. Vielleicht. Ich pumpe Milch ab. Bringe sie zu Josef. Er schläft. Alles gut, sagt die Schwester. Ich gehe ins Bett. Schlafe ein.

Um 3.00 Uhr pumpe ich Milch ab. Bringe sie zu Josef. Die Schwester ist bei ihm. Er ist gerade eingeschlafen, sagt sie. Er hatte viel Sekret. Nun schläft er. Seine Werte sind gut. Sie streicht mir über den Rücken. Das tut mir gut. Gerade jetzt. Um 3.30 Uhr an Josefs Bett. Dann gehe ich in mein Bett. Schlafe.