407 | Samstag, der 10. Januar 2015

Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr. Ich habe durchgeschlafen. So erschöpft war ich. Müde und erschöpft. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Aus dem Wohnzimmer höre ich Josef. Seine laute und rauschende Atmung nach dem Aufwachen. Die Schwester spricht mit ihm.

Ich verstehe nicht, was sie sagt. Finde es schön, dass sie mit ihm spricht. Sie ihn als den kleinen Jungen Josef behandelt. Obwohl er nicht hört. Ist es schön, dass sie mit ihm spricht. Ich gehe ins Wohnzimmer. Josef liegt in ihrem Arm. Ich streichele seine schönen Locken. Frage die Schwester nach der Nacht. Sie lächelt. Sagt, seine Werte waren sehr gut. Kein Fieber. Keine Krämpfe.

Aber, sagt sie. Aber. Er hatte mehrere Sauerstoffsättigungsabfälle. Nach Absaugen und Umlagern wurde es besser. Okay, sage ich. Okay. Gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Ich höre Uli mit der Schwester sprechen.

Ich gehe wieder ins Wohnzimmer. Nehme Josef. Küsse ihn. Es schadet ja nichts. Das Küssen. Die Schwester spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich. Uli holt den Kaffee aus der Küche. Ich halte Josef in meinem Arm. Er schläft langsam wieder ein.

Klara kommt. Fragt, ob sie fernsehen darf. Ja, sage ich. Es ist ja Wochenende. Ich lege Josef in sein Bett. Uli deckt den Frühstückstisch. Schiebt Brötchen in den Ofen.

Ich bereite alles für den Tag vor. Den Tee für Josef. Mit dem Movicol. Die neuen Spritzen. Adapter. Die Behälter von der Absauge hat die Schwester schon ausgespült. Die Medikamente. Koche die Inhalette aus. Reinige die Schläuche. Es ist alles ganz selbstverständlich für uns. Gehört dazu. Zu unserem Leben. Mit unserem Josef. Einatmen und Ausatmen

Wir frühstücken. Im Schlafanzug. Draußen ist es kalt. Auf dem Feld ist es ganz weiß. Es sieht schön aus. Ruhig sieht es aus. Ganz ruhig. Josef schläft. Den Monitor habe ich angeschaltet. Zur Sicherheit. Herzfrequenz 115. Sauerstoffsättigung 92. Gut, denke ich. Gut.

Nach dem Frühstück wird Josef wach. Wird inhaliert. Abgesaugt. Ich gebe ihm seinen Morgenbrei. Medikamente. Tee. Dann ziehen wir uns an. Sind mutig. Wollen hinaus. In den hellen und kalten Tag. Die Luft durch uns durch strömen lassen. Uns spüren.

Ich ziehe Josef an. Küsse ihn. Ich creme sein Gesicht ein. Gegen die Kälte. Ich trage Josef. Uli die Absauge. Klara kommt mit. Hat ihren Roller dabei. Wir gehen eine Feldrunde. Die Sonne scheint. Ein Mann und eine Frau kommen uns entgegen. Mit ihrem Hund. Die Frau ist schwanger. Sie lächelt uns an. Ich bin verunischert. Lächele verkrampft zurück. Fürchte, es wirkt wie eine Grimasse. Einatmen und Ausatmen.

Ich bin froh, dass sie uns nicht angesprochen haben. Was hätten wir denn sagen sollen? Einer schwangeren Frau. Einer Frau voller Hoffnung. Was hätten wir sagen sollen? Einatmen und Ausatmen.

Zu Hause. Ich ziehe Josef aus. Er ist schön warm. Warm geblieben an meinem Körper. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Wir essen Kekse und gekauften Kuchen.

Der Nachmittag vergeht. Wir sind ruhig. Alle. Nicht aufgeregt. Es fühlt sich an, als würden wir Josef noch einmal neu annehmen. Noch mal wieder neu. Zulassen, dass es mit ihm ist, wie es ist. Wir ihn halten können. Ihm etwas geben können. Gegen die Schmerzen und die Krämpfe. Aber. Aber nicht heilen. Annehmen, dass wir ihn halten dürfen. Unseren Josef.

Ist allein das nicht schon ein Geschenk? Wir dürfen unseren Sohn halten. Bei uns haben. So fühlt es sich an. An diesem Januarmorgen. Wir sind genügsam mit unserem Josef. Genügsam, ihn küssen zu dürfen. Mit ihm spazieren zu dürfen. Einatmen und Ausatmen.

Josef ist stabil. An diesem Nachmittag. Keine Krämpfe. Kein Fieber. Keine Sauerstoffsättigungsabfälle. Wir wechseln uns ab. Beim Halten. Dann legen wir Josef auf das Sofa. Setzen uns vor das Sofa. Spielen mit Klara. Carcasonne. Klara gewinnt. Wir trinken Tee. Erzählen. Über die Schule. Über das normale Leben. Da draußen.

Zum Abendessen gibt es Nudeln. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Dann baden die Kinder. Klara mit ihrer Taucherbrille. Wir haben Kerzen angezündet. Es ist schön. Schön und schmerzhaft. Schmerzhaft schön.

Wir schauen zusammen Kinderfernsehen. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich bringe Klara in unser Bett. Lese ihr vor. Mache ihr das Hörspiel an. Josef schläft auf Uli ein. Vater und Sohn. Bauch an Bauch. Wie schön. Uli legt Josef in sein Bett. Herzfrequenz 115. Sauerstoffsättigung 93.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir gehen ins Bett. Schlafen.