558 | Um 2.30 Uhr klopft es an der Schlafzimmertür.

, Zu Hause 2

Um 2.30 Uhr klopft es an der Schlafzimmertür. Mein Herz. Bis zum Hals. Ich bin hellwach. Uli. Auch. Ich öffne die Tür. Josef liegt im Arm der Schwester.

Ich nehme ihn. Seine Atmung ist erschwert. Er ist ganz fest und zittert. Wir gehen in sein Zimmer. Sie sagt, gegen 1.45 Uhr wurde Josef aus dem Schlaf heraus obstruktiv. Sie hat inhaliert und abgesaugt. Auf ihrem Arm hat er sich zunächst beruhigt. Dann wurde er plötzlich wieder unruhig. Krampfte und zitterte. Seine Temperatur stieg an.

Ich halte Josef. Immer wieder streckt er sich. Seine Augen sind weit aufgerissen. Seine Hände und Füße zittern. Die Schwester gibt ihm ein Schmerzmedikament. Nach einer halben Stunde beruhigt sich Josef langsam. Ich küsse ihn. Immer wieder. Sage, Josef ich bin da. Papa ist auch da. Wir sind bei dir.

Die Schwester misst Josefs Temperatur. 39,0. Nach einer Stunde hat Josef 38,1. Er schläft ein. Ich lege ihn in sein Bett. Küsse ihn. Herzfrequenz 160. Sauerstoffsättigung 95. Wie kann Josef bei der Herzfrequenz schlafen, frage ich mich. Wir gehen ins Bett. Schlafen nicht mehr.

Um 6.30 Uhr schalte ich den Wecker aus. Die Tür klappert. Ich warte. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Am liebsten möchte ich schreien. Schreien und weinen. Etwas verändern. Aus dieser Situation ausbrechen. Aus der Wartesituation. Der Aushaltesituation. Möchte die Kontrolle gewinnen über das Heute und Morgen.

Und habe sie doch nicht. Weiß nicht, was heute oder morgen passieren wird. Weiß es nicht. Kann immer nur reagieren. Immer nur reagieren. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt. Sie kuschelt sich an mich. Weint. Sie schluchzt und weint. Ich nehme sie auf meinen Arm. Setze mich mit ihr. Halte sie. Frage, was los ist. Sie sagt, sie hat geträumt. Geträumt, Josef stirbt. Ich küsse sie. Halte sie in meinem Arm. Wollen wir zu ihm gehen, frage ich. Ja, sagt sie.

Zusammen gehen wir in Josefs Zimmer. Er liegt in seinem Bett. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 93. Sie streichelt Josef über seinen Kopf. Ich fahre das Pflegebett runter. So kann sie ihn küssen und berühren. Die Schwester sitzt auf dem Sofa. Lässt uns ungestört. Klara beruhigt sich.

Wir gehen ins Wohnzimmer. Uli ist da. Zusammen frühstücken sie. Ich gehe wieder in Josefs Zimmer. Die Schwester sagt, Josef hat kein Fieber mehr. Gut, sage ich. Gut. Er wird wach. Sie inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich nehme ihn. Küsse ihn. Gehe mit Josef zu Klara. Sie verabschiedet sich. Geht los. Los in die Schule. Wir winken ihr. Bis wir sie nicht mehr sehen. Einatmen und Ausatmen.

Die Schwester räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht auf. Verabschiedet sich. Danke, sage ich. Danke. Unsere Verbündete. Verbundene. Schlaf gut. Danke, sagt sie. Lächelt.

Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Küsse ihn. Immer wieder. Es klingelt. Die Schwester. Es klingelt. Der Tischler. Uli kümmert sich um den Tischler. Fenstergriffe müssen ausgetauscht werden. Das Zimmer von Josef lassen sie aus. Uli möchte nicht erklären. Möchte nicht. Möchte keine unangenehme Situation schaffen. Unangenehm für den Tischler und für uns.

Ich ziehe Josef vorsichtig um. Küsse ihn. Zeige der Schwester die PEG. Reizlos. Josef ist erschöpft. Schläfrig. Die Schwester nimmt ihn in den Arm. Liebevoll. Legt Josef auf ihren Schoß. Bettet ihn.

Ich weiß nicht wohin mit mir. Möchte gern Josef nehmen. Mit ihm sein. Dann spüre ich meine Erschöpfung. Meine Müdigkeit. Mein Alles. Brauche Abstand. Kurz Abstand. Die Schwester inhaliert. Saugt ab.

Uli sagt, lass uns laufen. Ich frage die Schwester, ob wir sie allein lassen dürfen. Ja, sagt sie. Nehmt das Telefon mit. Ja. Ja. Ja. Uli und ich wir fahren ein Stück mit dem Auto. Dann laufen wir. Laufen um den See. Laufen und laufen. Im Laufen begreifen.

Zu Hause. Josef schläft. Die Schwester sagt, die Logopädin war da. Das Essen hat Josef gut vertragen. Kein Fieber. Keine Krämpfe. Gut, sage ich, gut. Sie verabschiedet sich.

Uli holt Klara vom Hort. Ich halte Josef. Küsse ihn. Habe wieder etwas mehr Energie, mein Josef. Habe wieder ein wenig mehr. Josef schwebt in einem Dämmerzustand. Schwebst du davon, mein Bär? Schwebejosef. Wir trinken Tee. Kaffee. Essen zusammen Abendbrot. Schauen Kinderfernsehen.

Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich bringe Klara ins Bett. Lese ihr vor. Wir erzählen ein wenig. Ich frage, wie es ihr geht. Gut, sagt sie. Besser als heute Morgen.

Wir reden über das Sterben. Dass Josef sterben wird. Wann, wissen wir nicht. Klara kuschelt sich an mich. Schläft ein. Das Hörspiel mache ich ihr trotzdem an. Josef ist auf Uli eingeschlafen. Vater und Sohn wie schön.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Uli legt Josef in sein Bett. Herzfrequenz 130. Sauerstoffsättigung 96. Wir gehen ins Bett. Schlaf. Irgendwann. Schlaf.

Veröffentlicht am: 10.06.2019


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