547 | Der Wecker klingelt um 7.00 Uhr.

Die Atmung von Josef verändert sich. Plötzlich. Inhalation. Absaugen. Herzfrequenz 160. Sauerstoffsättigung 92. Temperatur 38,9. Ich gebe Josef ein Schmerzmedikament. Lege ihn mir auf meine Brust. Wir atmen. Zusammen. Irgendwann wird es besser.

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548 | Es klopft an der Tür. Es ist 0.10 Uhr.

Der Monitor piept. Die Sauerstoffsättigung ist bei 83. Ich schalte den Monitor auf Pause. Damit das Piepen aufhört. Es ist ein metallisches lautes Piepen. Fordernd. Unangenehm. Ich drehe Josef auf den Bauch. Ganz vorsichtig.

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549 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Ich sehe fahl aus. Müde und fahl. Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Dann. Laufen Tränen. Dann. Sind die Gefühle nachgekommen. Von gestern.

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550 | Der Wecker klingelt. Es ist 6.30 Uhr.

Die Ärztin sagt, Josef hört sich besser an. Viel besser. Möchte noch bei ihnen bleiben. Sie lächelt. Ja, sage ich. Ja. Gleichzeitig wird es mir schwer. Bei dem Gedanken und Gefühl. Dass er sich von uns entfernt. Fast nicht mehr bei uns war.

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551 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Klara, meine Klara. Sie ist die einzige mit einem normalen Leben. Nebenher. Ist unsere Verbindung nach draußen. Klara, unsere Klara. Wir müssen auf sie aufpassen, sage ich zu Uli. Ja, sagt Uli. Ja.

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552 | Der Wecker klingelt. Es ist 6.30 Uhr.

Aber, sagt die Schwester. Josef könnte sich noch entwickeln. Einatmen und Ausatmen. Wir haben uns entschieden, sage ich. Es ist gut so wie es ist. Wenn du meinst, sagt die Schwester. Wenn du meinst. Ich lasse sie allein.

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553 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Unseren Konflikt spricht sie nicht an. Nicht, wenn Uli dabei ist. Dann sagt sie nicht, was wir anders und besser machen sollten. Wie es richtig geht mit Josef. Mit einem schwerstkranken Kind.

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554 | Der Wecker klingelt. Um 6.00 Uhr.

Rufe Uli an. Er sagt, sie sind im Kinderhospiz. Im Garten. Ich bin da. Freue mich. Nehme Josef in den Arm Küsse ihn. Klara spielt mit den Geschwisterkindern. Sie bewerfen sich mit Wasserbomben. Gäste sind im Garten. Schwestern. Pfleger. Eltern.

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555 | Es klopft an der Schlafzimmertür.

Ich hätte ihr gern noch gesagt, dass ich dankbar bin. Dass ich weiß, wir können uns auf sie verlassen. Ihr vertrauen. Das ist wertvoll. Nicht selbstverständlich. Unser gegenseitiges Vertrauen.

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556 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Das Telefon klingelt. Die Schwester. Josef ist zyanotisch geworden. Ganz plötzlich. Sie hat ihn abgesaugt. Inhaliert. Herzfrequenz 150. Sauerstoffsättigung 95. Ich komme, sage ich. Komme.

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557 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Josef, mein Josef. Lebst du noch weiter? Oder wirst du sterben? Heute? Morgen? Das Leben läuft weiter und bleibt gleichzeitig stehen, mein Josef. So ist das. So ist das gerade mit uns. Was soll ich da fühlen?

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558 | Um 2.30 Uhr klopft es an der Schlafzimmertür.

Klara kommt. Sie kuschelt sich an mich. Weint. Sie schluchzt und weint. Ich nehme sie auf meinen Arm. Setze mich mit ihr. Halte sie. Frage, was los ist. Sie sagt, sie hat geträumt. Geträumt, Josef stirbt. Ich küsse sie.

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559 | Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr.

Wir reden. Ein wenig. Über dies und das. Es fällt mir schwer. Manchmal. Heute. Über dies und das zu sprechen. Weil ich doch alle Kraft brauche. Um mich zusammenzuhalten. Für Josef. Für Klara. Für Uli. Für mich.

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560 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Dann sagt sie, ich werde nicht mehr kommen. Ich traue es mir auf Dauer nicht zu. Mit Josef. Gut, sage ich. Gut. Danke, sage ich auch. Danke für deine Offenheit. Sie räumt auf. Spült. Wechselt aus. Zieht auf.

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561 | Der Wecker klingelt um 7.00 Uhr.

Josef, mein Josef. Wird blau. Atmet nicht mehr. Josef, mein Josef. Atmen nicht vergessen. Uli saugt Josef ab. Inhaliert. Dann atmet er wieder. Mit einem lauten Seufzer. Er ist angespannt. Sein Körper schreit. Temperatur 39,6.

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562 | Ich bin wach. Es ist kurz vor 7.00 Uhr.

Josef. Josef liegt in meinem Arm. Schlummert immer wieder ein. Ich küsse seinen Kopf. Seinen Hals. Seinen kleinen Leberfleck hinter seinem Ohr. Bin glücklich. Gerade. Über diese leichten Stunden.

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563 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Josef, mein Josef. In meinem Arm. Ich versuche meinen Ärger wegzuschicken. Wegzuatmen. Weg. Weg. Weg. Es gelingt mir nicht wirklich. Und ich ärgere mich darüber, mich zu ärgern.

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564 | Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr.

Das Fragen: Was kann ich für euch tun? Wie kann ich euch unterstützen? Was braucht ihr? Wahrscheinlich ist es das. Ich habe das Gefühl, Josef und wir werden gesehen. So wie es mit uns ist. Ich habe keine Sorge um meine Grenzen.

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565 | Um 6.30 klingelt der Wecker.

Auf dem Rückweg gehen wir in den Kinderhospizgarten. Wenige Gäste sind da. Schwestern. Pfleger. Eltern. Die Stimmung ist bedrückt. Ein Kind befindet sich im Sterben, sagt die Schwester. Wir kennen es. Kennen es gut.

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566 | Vor dem Weckerklingeln bin ich wach.

Gehe kurz raus. Gehe zum Kinderhospiz. Eine Kerze brennt nicht. Im Foyer. Es lebt, denke ich. Überlege. Soll ich hochgehen? Fragen? Oder nicht? Entscheide mich dagegen.

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567 | Wach. Wach. Ich schalte den Wecker aus.

Uli holt Klara ab. Von der Musiktherapie. Sie kommen wieder. Sagen. Die Kerze brennt. Josef wird wach. Ich zünde eine Kerze an. Wir sind still. Dann reden wir. Wir Vier. Über das Kind. Das Sterben. Tränen. Auch Tränen.

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568 | Ich bin wach. Schalte den Wecker aus.

Uli und ich. Wir reden. Leise. Über das Kind. Weinen. Lachen. Auch. Können uns gar nicht vorstellen, wie es sein soll. Ohne. Ihm nicht mehr zu begegnen. Das Kind nicht mehr zu hören. Im Kinderhospiz. Stille. Da wird Stille sein. Stille.

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569 | Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker.

Josef in meinem Arm. Ich küsse ihn. Er ist gar nicht wirklich da, denke ich. Schwebt. Seine Augen sind halb offen oder geschlossen. Ich küsse und küsse ihn. Wir fahren wieder los. Die kleine Katze auf Klaras Schoß. Klara ist glücklich.

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570 | Ich bin wach. Schalte den Wecker aus.

Es klingelt. Die Schwester. Ich kenne sie nicht. Sie ist als Springer bei uns. Ich frage sie, was sie weiß. Was sie braucht für ihren Dienst. Heute bei uns. Sie erzählt. Kurz. Die Diagnosen. Sonst hofft sie auf uns. Weiß, dass wir da sind.

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571 | Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr.

Die kleine Katze. Was sie alles kann. Trinken. Laufen. Rennen. Schnurren. Atmen ohne Anstrengung. Das kann sie alles. Sie ist 6 Wochen alt. Josef kann das nicht. Kann das alles nicht, was die Katze kann.

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572 | Ich bin wach. Es ist 6.30 Uhr.

Kein Infekt, sagt die Ärztin. Ich weiß, was es bedeutet. Kein Infekt. Das ist der Sterbeprozess. Das weiß ich. Es schmerzt. Tief. Wir können nicht viel machen. Nur inhalieren. Absaugen. Flüssigkeit geben. Josef beobachten. Bei ihm sein.

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573 | Der Wecker klingelt. Es ist 6.30 Uhr.

Die Pflegedienstleitung sagt, in der anderen Familie sieht es noch schlechter aus. Einatmen und Ausatmen. Gut, sage ich gut. In meinem Kopf kreist es. Schlecht. Schlechter. Am schlechtesten. Sterbend. Sterbender. Am sterbendsten.

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574 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Das Telefon klingelt. Die Pflegedienstleitung. Sagt, heute kann die Schwester nicht kommen. Uli, das haben wir auch schon gemerkt. Die Pflegedienstleitung, Sonntag kann sie vielleicht einen Pfleger schicken.

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575 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Um 15.30 Uhr klingelt mein Telefon. Uli. Sagt, Josef. Ihm geht es schlecht. Ganz plötzlich. Bitte komm. Das SAPV-Team hat er schon angerufen. Ich komme, sage ich. Mein Herz überschlägt sich. Ich renne. Aus dem Seminar. Zum Bahnhof.

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576 | Ich bin wach. Schalte den Wecker aus.

Josef wird abgehört. Die Ärztin sagt, sie denkt, er wird sterben. In den nächsten Stunden. Ob wir uns das schon gedacht hätten, fragt sie. Nein, sage ich. Ich fühle es nicht. Tränen.

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577 | Gegen 2.00 Uhr wird die Atmung von Josef gleichmäßiger.

Wenn Josef nicht mehr atmet. Ich mit ihm allein bin, werde ich ihn reanimieren. Den Notarzt holen. Einatmen und Ausatmen. Das wollen wir nicht, sage ich. Wir wollen es nicht. Das ist mir egal, sagt die Schwester.

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