528 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 2

Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker. Ich bin wach. Schon lange wach. Ich stehe auf. Die Tür klappert. Ich warte. Gehe ins Bad. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Einatmen und Ausatmen.

Mir laufen Tränen. Ich habe das Gefühl, dass. Was für ein Gefühl ist das? Nicht gefühlt vorher. Das. Das Schweben von Josef. Das Schweben. Das Gefühl von Verselbständigung. Von Prozessen, die ablaufen. Sich meinem Einfluss entziehen.

Auf die ich mich einlassen MUSS. Sie nicht anhalten kann. Verlängern. Das Sterben kann ich nicht aufhalten. Einlassen. Das kann ich. Halten. Josef halten. Küssen. Halten. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Ich küsse sie. Die Sonne scheint heute. Ein Sonnenmaitag.

Das Leben nicht vergessen, denke ich. Klara lebt. Wir leben. Josef lebt. Auch wenn er sich im Sterben befindet. Auch wenn er schwebt. Er lebt. Wir leben. Einatmen und Ausatmen.

Klara schiebt sich auf ihren Stuhl. Isst ihre Cornflakes. Uli kommt. Wir gehen zusammen in Josefs Zimmer. Er ist wach. Liegt im Arm der Schwester. Ganz eingekuschelt.

Ganz gemütlich sieht es aus. Im Arm der Schwester. Das Sekret läuft aus seiner Nase und seinem Mund. Seine Augen. Halboffen. Josef, mein Josef. Halboffen.

Ich frage nach der Nacht. Die Vitalwerte waren stabiler. Gegen 2.00 Uhr ging plötzlich seine Sauerstoffsättigung auf 78 runter. Die Herzfrequenz ging hoch. Josef brauchte lange, um sich zu beruhigen. Er hat viel Stuhl abgesetzt, sagt sie. Kein Fieber. Okay, sage ich. Okay.

Ich nehme Josef. Küsse ihn. Er hat kaum Körperspannung. Schwebejosef, denke ich. Schwebejosef. Die Schwester räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht auf. Schlaf gut. Danke.

Klara sehe ich über den Hof laufen. Sie dreht sich kurz um. Ich winke ihr zu. Mit Josef im Arm.

Es klingelt. Die Schwester. Einatmen und Ausatmen. Ich ziehe Josef langsam um. Zeige ihr die PEG. Reizlos. Küsse Josef. Erzähle von der Nacht. Von den schwankenden Werten. Sie ist still.

Ich inhaliere Josef. Sauge ab. Josef schlummert ein. Ich lege ihn in sein Bett. Sage, bitte hole mich. wenn Josef wach ist. Ja, sagt die Schwester. Das mache ich.

Ich rufe bei der Krankenkasse an. Servicecenter. Frage. Ist im Computer, sagt die Frau. Und, frage ich. Was ist damit? Sie gibt der Krankengeldstelle Bescheid, sagt sie. Dann sind sie jetzt die Dritte oder Vierte. Bisher rief kein Mensch zurück. Mehr kann sie auch nicht machen, sagt sie.

Mir schießen Tränen in die Augen. Vor Wut. Ich bin wütend. Machtlos und Ausgeliefert. Das bin ich. Die Schwester ruft: Anne, Josef ist wach. Gleich, sage ich. Gleich.

Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Soll mich so nicht sehen. Die Schwester. Sonst, denke ich. Sonst, heißt es: die Mutter ist schwach. Schafft sie das überhaupt? Ist sie nicht völlig überfordert? Die Mutter?

Das möchte ich nicht. Möchte nicht bewertet werden. Und, denke ich. Und. Es ist doch normal. Eigentlich. So zu reagieren. Sich so zu fühlen. In dieser Situation. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe zu Josef. Nehme ihn in den Arm. Küsse ihn. Die Schwester inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich gebe ihm den Morgenbrei. Tee. Medikamente. Wir packen seine Sachen zusammen. Machen uns auf den Weg. Zur Osteopathin.

Die Schwester kommt mit. Wir fahren mit der S-Bahn. Bus. Sind da. Kommen gleich ran. Die Schwester wartet vor der Tür. Wir erzählen. Leise. Sind still. Die Osteopathin berührt Josef. Legt ihre Hände um seinen Kopf. Josef schläft ein. Ich halte ihn in meinem Arm. Tee. Medikamente. Wir vereinbaren einen neuen Termin. Weil er uns gut tut. Der Termin bei ihr.

Wir verabschieden uns. Fahren nach Hause. Josef schläft die ganze Fahrt. Wir erzählen. Nicht.

Zu Hause. Die Schwester inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich gebe Josef seinen Mittagsbrei. Ganz vorsichtig. Dann hole ich Klara ab. Vom Hort. Ihre Freundin ist nachher auf dem Spielplatz. Ob sie auch? Ja, sage ich. Ja. Wir kommen mit. Mit Josef.

Die Schwester verabschiedet sich. Dann gehen wir alle raus. Auf den Spielplatz. Die Mutter ist da. Von ihrer Freundin. Sagt, geht ruhig spazieren. Mit Josef. Wir laufen. Mit Josef. Sind in Bewegung. Das tut gut. Josef, mein Josef. Seine Augen sind halb offen. Das Sekret läuft. Worauf sollen wir auch warten?

Zu Hause. Mein Josef. Worauf? Gegen 18.00 Uhr sind wir auf dem Spielplatz. Nehmen Klara mit. Nach Hause. Bedanken uns. Bei der Mutter.

Zu Hause. Inhalation. Absaugen. Abendbrot. Medikamente. Tee. Ich bringe Klara ins Bett. Lese ihr vor. Wir kuscheln eine Weile. Mache das Hörspiel an. Josef liegt auf Uli. Vater und Sohn. Bauch an Bauch. Wie schön.

Josefs Augen sind halb auf. Das Sekret läuft aus seiner Nase und seinem Mund. Ein gutes Zeichen, denke ich. Ein gutes Zeichen.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Uli legt Josef in sein Bett. Herzfrequenz 140. Sauerstoffsättigung 93. Die Schwester inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Die Werte werden besser. Wir gehen ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 11. 05. 2019

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