517 | Der Wecker klingelt. Es ist 6.30 Uhr.

Dann gehen wir zusammen ins Kinderhospiz. Es ist vertraut. Fast wie unsere zweites Zuhause. Josef hat das Zimmer oben. Hinten. Ganz rechts. In mir breitet sich Ruhe aus. Ich habe das Gefühl, abgeben zu können. Von der Verantwortung. Der Schwere.

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518 | Um 6.00 Uhr bin ich wach. Bleibe liegen.

Klara ist es, die mich erdet. Zeigt: hier ist das Leben. Josef auch. Josef holt mich zurück. In das Leben. Das ist mein Leben. So ist mein Leben. Weit weg von dem, was ich mir vorgestellt habe. Unendlich weit weg. Davon. Einatmen und Ausatmen.

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519 | Es ist 6.40 Uhr. Ich bin wach.

Vor einem halben Jahr haben wir seinen Geburtstag gefeiert. Da ging es ihm besser. Deutlich besser. Er war die ganze Zeit dabei. Jetzt schafft er es nicht mehr. Jetzt nicht mehr.

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520 | Um 7.30 Uhr werde ich wach.

Manchmal stockt mir der Atem. Manchmal bleibt mir das Herz stehen. Manchmal erstarre ich. Dann muss ich mich bewegen. In Bewegung kommen. Atmen. Einatmen und Ausatmen. Für die Kinder. Für Uli. Für mich.

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521 | Der Wecker klingelt. Es ist 6.30 Uhr.

Ich lächele. Hoffe, sie sieht meine Anspannung nicht. Hoffe, sie sieht mich in der Rolle: gefasste, kompetente Mutter. Fürchte sonst Gespräche. Rechtfertigungen. Möchte ich nicht. Keine Kraft dafür. Reicht gerade für meine Rolle.

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522 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Josef ist groß geworden. Kleidergröße 86. Und kann sich nicht bewegen. Nicht greifen. Nicht stehen. Nicht sitzen. Nicht krabbeln. Nicht drehen. Nicht robben. Nicht. Nicht. Und doch. Josef atmet. Du musst nicht, Josef. Du musst nicht. Gar nicht.

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523 | Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr.

Manchmal weiß ich nicht. Weiß ich es einfach nicht. Aber. Es geht nicht um das Wissen, denke ich. Um das Gefühl. Das Gefühl, Josef fühlt sich wohl. Josef, wie fühlst du dich, wenn du dich wohlfühlst?

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524 | Um 6.30 klingelt der Wecker.

Wann bald, frage ich. Ich warte schon sehr lange. Ich brauche einen Bescheid. Die Miete muss bezahlt werden. Dann beantragen sie doch Wohngeld, sagt der Mann. Er kann mir jetzt nicht helfen, sagt er auch.

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525 | Der Wecker klingelt. Es ist 6.30 Uhr.

Erzählen. Mit den Pflegern. Schwestern. Eltern. Nur ein Gast kann sprechen. Mit den anderen Gästen nehmen wir Kontakt durch kurzes Berühren auf. Wenn sie es uns und ihre Eltern uns erlauben.

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526 | Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker.

Uli und ich. Wir warten. Auf was warten wir, Uli? Auf was? Ich lege mir Josef auf meine Brust. Wir atmen zusammen. Das Sekret läuft aus seiner Nase und seinem Mund. Das ist gut. Josef ist blass. Blass und erschöpft.

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527 | Es klopft an der Tür. Ich bin wach.

Wir sprechen noch eine Weile. Über Josef. Über sie. Über uns. Dass wir froh sind. Miteinander. Froh über das Vertrauen. Froh nicht allein zu sein. Weder sie. Noch wir. Sie verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

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528 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Soll mich so nicht sehen. Die Schwester. Sonst, denke ich. Sonst, heißt es: die Mutter ist schwach. Schafft sie das überhaupt? Ist sie nicht völlig überfordert? Die Mutter?

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529 | Der Wecker. Klingelt. Um 6.30 Uhr.

Einen Bescheid. Mh, sagt sie. Alle Abteilungsleiter sind zu einer Besprechung. Sie notiert es und schickt es uns zu. Uli sagt, wir bleiben hier sitzen. So lange. Bis wir einen Bescheid bekommen. Das geht nicht, sagt die Frau. Doch, sage ich.

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530 | Vor dem Weckerklingeln bin ich wach.

Es läuft gut mit dem Pflegedienst. Ich kann arbeiten. Ob der Mitarbeiter mir ansieht, dass ich lüge? Ich lüge. Will nicht lügen. Wir brauchen das Arbeitslosengeld. Für die Miete. Für das Leben. Er sagt, gut. Dann melde ich sie wieder an.

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531 | Der Wecker klingelt. Es ist 7.00 Uhr.

Wir setzen uns in die Schaukel im Garten. Gäste sind da. Eltern. Wir erzählen. Ein wenig. Genießen die Sonne. Ab und zu piept ein Monitor. Absaugen rauschen. Tee wird durch Bauchschläuche gegeben. Medikamente werden gebracht.

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532 | Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker.

Nach dem Kino gehen wir schnell nach Hause. Brauchen nicht lang. Klara erzählt von dem Film. Fragt, was ich lustig fand. Ich kann ihr gar nicht antworten. Sage, alles. Ich fand alles lustig. Klara schaut mich an. Sagt, schon gut, Mama. Schon gut.

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533 | Der Wecker klingelt. Es ist 6.00 Uhr.

Auch das bin ich. Ich bin nicht nur Mutter. Nicht nur pflegende Mutter. Nicht nur Mutter eines gesunden Kindes. Nicht nur Mutter eines sterbenden Kindes. Nicht nur. Nicht nur.

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534 | Der Wecker klingelt. Ich bin wach.

Was darf ich sein? Was erlaube ich mir? Was wird erwartet? Stopp, denke ich. Nicht die Erwartungen der anderen Menschen als Maßstab nehmen. Nicht die vermeintlichen Erwartungen der Anderen. Es ist unser Leben. Unser. Nicht das der Anderen.

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535 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Klara fragt, was ist los? Josef, sage ich. Hat wahrscheinlich einen Infekt. Die Ärztin kommt nachher. Stirbt er, fragt Klara? Einatmen und Ausatmen. Das weiß ich nicht, sage ich. Wir holen dich, sage ich. Du bist nicht allein, meine Klara.

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536 | Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr.

Wie machst du das nur, mein Josef? Wie ein Schalter. Plötzlich ist seine Atmung wieder ruhig. Ich verstehe es nicht. Einatmen und Ausatmen. Annehmen. Es ist besser. Gerade ist es besser. Mit der Atmung. Josef, mein Josef.

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537 | Es klopft an der Tür. Mein Herz. Bis zum Hals.

Danke, dass du zu uns kommst. Bleibst, wenn es schwierig wird. Aushältst. Danke. Schon gut, sagt sie. Schon gut. Nein, sage ich. Es ist nicht selbstverständlich. Ich danke dir dafür. Wir danken dir. Sie lächelt. Es ist ihr unangenehm.

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538 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Er kümmert sich. Wir werden einen festen Ansprechpartner bekommen. Es tut ihm aufrichtig leid. Aufrichtig. Einatmen und Ausatmen. Danke, sage ich. Ich möchte. Dass sie kommen. Möchte, dass sie sehen, wie es ist. Mit unserem Josef. Kommen sie?

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539 | Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr.

Du vertraust uns nicht, sagt die Schwester. Einatmen und Ausatmen. Wir möchten es einfach nur wissen, sage ich. Und wenn ich schnell reagieren muss, fragt sie. Du nicht da bist? Was dann? Einatmen und Ausatmen.

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