468 | Der Wecker klingelt. Es ist 6.30 Uhr.

Der Wecker klingelt. Es ist 6.30 Uhr. Das Licht der Schule. Ich stehe auf. Spüre eine innere Unruhe. Die Tür klappert. Ich warte. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe ins Wohnzimmer. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Fühle mich schwer. Heute. So eine Schwere. Einatmen und Ausatmen.

Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Ich küsse sie. Auf ihren Kopf. Uli kommt. Setzt sich zu Klara. Ich gehe in Josefs Zimmer. Josef ist wach. Liegt im Arm der Schwester. Ganz eingekuschelt. Seine Augen sind halb geschlossen. Seine Atmung rauscht. Knistert und zieht nicht mehr.

Ich setze mich auf den Boden. Küsse Josef. Streichele seine Locken. Frage die Schwester nach der Nacht. Gut, sagt die Schwester. Gut. Sie lächelt. Sie hat Josef nur noch alle drei Stunden inhaliert. Die Vitalwerte waren im Normbereich. Kein Fieber. Keine Krämpfe.

Gut, sage ich. Gut. Werde leichter. Innerlich. Ruhiger. Lasse die Schwere und Unruhe los. Einatmen und Ausatmen.

Ich nehme Josef. Spüre seinen Körper. Das Beben seiner Atmung. Josef, mein Josef. Du atmest mit dem ganzen Körper. Die Schwester räumt auf. Ihr Pflegezimmer. Spült die Inalette aus. Die Absaugbehälter.

Sagt, sie hat die Schläuche ausgetauscht und die Filter. Alles dokumentiert. Schön, sage ich. Die Bestellung hat sich auch fertig geschrieben. Ob wir sie haben wollen. Ja, sage ich. Das macht Uli.

Klara geht los. Ich winke ihr. Mit Josef im Arm. Lache. Klara, meine Klara. Kannst du mein Lächeln sehen? Es ist für dich. Uli geht los. Los zur Arbeit.

Die Schwester verabschiedet sich. Die Tagschwester kommt. Sie treffen sich im Hof. Ich sehe, wie sie miteinander sprechen. Es klingelt. Ich öffne. Die Schwester. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Lasse mich nicht stören. Von den Blicken. Ich spüre es, wenn Blicke prüfen. Beobachten und werten. Einatmen uns Ausatmen.

Josef schlummert wieder ein. Ich gebe Josef der Schwester. Wir reden ein wenig. Plaudern. Fast. Über dies und das. Nicht über Josef. Nicht über die Situation gestern. Die Frage, ob wir in die Klinik fahren wollen. Darüber sprechen wir nicht. Ist ja noch mal gut gegangen. Josef hat sich erholt. Erholt sich noch. Von der Krise. Krise. Krise. Krise.

Um 13.00 Uhr klingelt es. Das SAPV-Team. Ich freue mich. Es fühlt sich vertraut an. Sie in unserer Wohnung. Bei Josef. Bei uns. Sie gehen mit uns. Neben uns. Halten uns, wenn wir stolpern. Die Ärztin hört Josef ab. Besser, sagt sie. Besser. Das Inhalationsschema wird verändert. Cortison gibt es weiter.

Dann sprechen wir. Josef und die Schwester sind dabei. Ich sage, wir wollen gern an die Ostsee. Vielleicht zwei Tage. Eine Nacht. Mit dem Pflegedienst. Kann das gehen? Ja, sagt die Ärztin. Wenn Josef transportfähig ist. Fahren sie, sagt sie. Fahren sie. So lange es geht.

Ja, sage ich. In diesem Frühjahr. Das wäre schön. Wichtig. Wichtig und wichtig. Weil wir ja nicht wissen, sage ich. Wir wissen doch nicht. Ja, sagt die Ärztin. Ja. Die Schwester vom Pflegedienst ist still. Das SAPV-Team verabschiedet sich.

Ich rufe die Pflegedienstleitung an. Frage, ob es vielleicht eine Schwester gibt, die mit uns eine Nacht. An die Ostsee. Fährt. Sie fragt, sagt die Pflegedienstleitung. Danke, sage ich. Danke. Wir bezahlen auch. Alles, sage ich. Zwei Tage am Meer. Mit den Kindern. Das wäre so wichtig. Ja, sagt die Pflegedienstleitung.

Josef schlummert immer wieder. Wird inhaliert. Abgesaugt. Die Schwester ist bei ihm. Sorgfältig ist sie mit Josef. Liebevoll. Ich komme mir überflüssig vor. Ein wenig. Aber, denke ich. Froh muss ich doch sein. Froh. Sie ist liebevoll mit Josef. Hat keine Angst. Trotzdem fühlt es sich komisch an. Einatmen und Ausatmen.

Ich hole Klara vom Hort. Kakao. Tee. Kaffee.

Um 15.00 Uhr klingelt es. Die Familienbegleitung. Klara freut sich. Sie ziehen sich in Klaras Zimmer zurück. Ich bekomme wenig mit. In der alten Wohnung habe ich gehört, wie sie gelacht haben. Hier nicht. Hier bekomme ich es nicht mit.

Um 16.00 Uhr geht die Schwester. Josef schläft in seinem Bett. Er wird wach. Inhalation. Absaugen. Auf die Knie legen. Das Sekret aus der Lunge streichen. Aus dem Fenster schauen. Es wird Frühling. Josef, mein Josef. Dein zweiter Frühling. Wer weiß, mein Josef. Wieviel du noch erleben wirst? Ich küsse ihn. Spüre seinen warmen Körper auf meinen Knien.

Uli kommt nach Hause. Es ist 18.00 Uhr. Er ist still. In sich gekehrt. Die Familienbegleitung verabschiedet sich. Wir umarmen uns. Sie lässt etwas da. Von ihrer Energie. Das tut uns gut. Lässt uns besser atmen. Uli bereitet das Abendbrot vor. Brot gibt es. Brot.

Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Josef liegt auf meiner Brust. Atmet. Gleichmäßig. Das Sekret läuft und läuft. Das ist gut, mein Josef. Das ist gut. Mir laufen Tränen. Leise Tränen.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 125. Sauerstoffsättigung 94. Wir erzählen. Mit der Schwester. Gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 12. 03. 2019