469 | Es klopft an der Tür. Ich bin wach.

, Zu Hause 2

Es klopft an der Tür. Ich bin wach. Hellwach. Mein Herz. Bis zum Hals. Es ist 0.30 Uhr. Ich wecke Uli. Stehe auf. Gehe an die Tür.

Josef ist ganz unruhig, sagt die Schwester. Ich nehme ihn. Zusammen gehen wir in sein Zimmer. Uli kommt. Josef atmet schwer. Er streckt sich. Immer wieder. Stöhnt. Herzfrequenz 150. Sauerstoffsättigung 96.

Ich küsse ihn. Meinen Josef. Seine Augen sind weit geöffnet. Aus dem Schlaf heraus war Josef unruhig, sagt die Schwester. Sie kann ihn kaum beruhigen. Umgelagert hat sie Josef. Inhaliert. Abgesaugt. Im Arm gehalten. Ein Schmerzmedikament gegeben.

Ich küsse Josef. Lege ihn auf meine Knie. Sammele seine Arme und Beine ein. Er dreht seinen Kopf immer wieder nach rechts. Josef, mein Josef. Einatmen und Ausatmen.

Uli holt das Notfallmedikament. Gibt es Josef. Zur Beruhigung. Ich halte Josef in meinem Arm. Küsse ihn. Immer wieder. Dann schläft er ein. Entspannt sich. Wir sind still. Alle. Miteinander. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 126. Sauerstoffsättigung 96. Wir gehen ins Bett.

Es ist 2.00 Uhr. Schlafen. Irgendwann.

Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker. Ich bin müde. Unruhig. Was erwartet mich? Was erwartet uns noch, mein Josef? Was? Ach was, denke ich. Ach was. Ich stehe auf. Die Tür klappert. Ich warte. Gehe dann ins Bad. Wasche mich.

Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Ich halte sie heute. Fest. Küsse sie auf ihren Kopf. Einatmen und Ausatmen.

Uli kommt. Zu uns. Setzt sich zu Klara. Wir reden. Nicht. Ich gehe in Josef Zimmer. Josef liegt in seinem Bett. Herzfrequenz 129. Sauerstoffsättigung 96. Seine Augen sind halb offen. Halb zu. Ich weiß es nicht. Weiß nicht, wo du gerade bist. Mein Josef. Wo bist du gerade?

Die Schwester. Sagt. Gegen 5.00 Uhr war Josef wieder unruhig. Herzfrequenz bis 150. Es war kaum Sekret abzusaugen. Dafür kam viel Sekret gegen 6.30 Uhr. Wie ein Sturzbach, sagt sie. Kein Fieber. Kein Fieber. Jetzt hat sich Josef beruhig und schlummert ein. Gut, sage ich. Gut. Meine es nicht so. Das Gut.

Die Schwester räumt auf. Spült. Wechselt aus. Zieht die Medikamente auf. Uli und Klara gehen los. Los zur Arbeit. Los in die Schule. Die Schwester verabschiedet sich. Mir laufen Tränen.

Ich spüre. Etwas verändert sich. Ganz deutlich spüre ich die Veränderung. Und weiß doch nicht, was. Weiß es nicht. Spüre nur. Spüre dich, mein Josef. Weiß nicht, wo du bist. Wo bist du nur, mein Bär?

Um 8.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich erzähle ihr von der Nacht. Josef schläft. Schlaf, mein Josef. Schlaf. Ich gehe aus dem Zimmer. Sage, hole mich, wenn Josef wach wird. Ja, sagt die Schwester. Ja. Ich setze mich ins Wohnzimmer.

Schaue auf die Schule. Wie ruhig es ist. Erste Stunde. Gerade eben war der Schulhof voll. Voll mit Kindern. Und dann. Plötzlich ist er leer. Der Schulhof. Wie das so ist im Leben. Plötzlich ist es ganz anders.

Die Schwester öffnet die Tür. Sagt, Josef ist wach. Ich nehme Josef aus seinem Bett. Die Schwester inhaliert ihn. Saugt ihn ab. Ich ziehe Josef um. Ganz vorsichtig. Gebe ihm seinen Brei. Tee. Medikamente. Die Schwester nimmt Josef. Kuschelt ihn ein. Ich mach mir in der Wohnung zu schaffen.

Um 13.40 Uhr klingelt es. Die Physiotherapeutin. Zu spät. Ich muss aufhören, darauf zu achten, denke ich. Aufhören, mich zu ärgern. Annehmen, annehmen, dass sie oft zu spät kommt. Es ist wie es ist. Sie dreht und wendet Josef. Ist ganz bei ihm. Josef beruhigt sich bei ihr.

Sie hat eine Ausstrahlung, die Josef beruhigt. Josef schläft ein. Sie legt ihn ins Bett. Verabschiedet sich. Ich hole Klara vom Hort. Tee. Kakao. Kaffee. Die Schwester mag nichts. Hat alles mit. Wir reden. Langsam. Miteinander. Finden wieder Worte. Reden über dies und das. Nicht über Josef.

Josef wird wach. Wird inhaliert. Abgesaugt. Ich nehme ihn, meinen Josef. Gebe ihm Tee. Medikamente. Die Schwester verabschiedet sich. Klara geht los. Los ins Kinderhospiz. Heute hat sie Musiktherapie.

Josef und ich bleiben zu Hause. Ich lege Josef auf meine Knie. Helfe ihm beim Atmen. Ich spüre meine Anspannung. Meine Unruhe. Das Gefühl in jeden Moment, kann es kippen. Kann es Josef schlecht gehen. Ohne Vorwarnung. Einatmen und Ausatmen. Ach, könnte ich diese Anspannung einfach weg atmen. Ach.

Uli kommt nach Hause. Ich ziehe Josef an. Wir gehen zusammen ins Kinderhospiz. Klara abholen. Erzählen mit dem Musiktherapeuten. Lachen zusammen. Das tut mir gut. Tut uns gut. Das Lachen.

Zu Hause. Abendbrot. Zusammen fernsehen. Uli bringt Klara in unser Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Josef liegt auf mir. Atmet laut und gleichmäßig. Das Sekret läuft. Zum Glück läuft das Sekret.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir sprechen über den Tag. Die Nacht. Besprechen einen Plan. Für die Nacht. Wir gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 13. 03. 2019

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