, Zu Hause 2

Es klopft an der Tür. Es ist 0.10 Uhr. Mein Herz. Donnert. Bis zum Hals. Ich springe auf. Gehe zur Tür. Uli steht hinter mir. Die Schwester sagt, Josef kommt nicht zur Ruhe. Wir gehen zu ihm.

Ich nehme ihn in den Arm. Er hat Atemaussetzer. Sehr lange. Seine Herzfrequenz geht bis 150 hoch. Die Sauerstoffsättigung bis 60 runter. Zwischen den Atemaussetzern gibt es kaum Pausen. Uli ruft das SAPV-Team an. Josef bekommt eine höhere Dosis von dem Notfallmedikament. Nach 10 Minuten fällt er in meinem Arm zusammen. Hat kaum noch Körperspannung. Als lebe er nicht mehr. Herzfrequenz 130. Sauerstoffsättigung 95.

Ich lege Josef in sein Bett. Küsse ihn. Wir sind still. Josef, mein Josef. Um 2.00 Uhr gehen wir ins Bett. Irgendwann schlafe ich ein. Halte das Aushalten so schwer aus. Ohne Perspektive auf Besserung.

Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker. Ich schalte ihn aus. Mein Kissen ist nass. Ich habe im Schlaf geweint. Ich wusste gar nicht, das das geht. Im Schlaf weinen. Wusste so Vieles nicht. So vieles. Wusste nicht, was es bedeutet. Aushalten. Wusste es nicht. Durchspüre es nun. Es ist zäh. Anstrengend. Schmerzhaft. Traurig.

Voller Liebe. Das auch. Weil ich nichts verlange. Von Josef. Nichts verlange. Er nur sein muss. Ich bin glücklich. Ihn halten zu dürfen. Er bei uns ist. Zu Hause. Hier. Bei uns. Welch ein Glück, mein Josef. Welch ein Glück.

Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Gehe in Josefs Zimmer. Er schläft. Herzfrequenz 110. Sauerstoffsättigung 97. Die Schwester steht an seinem Bett. Gibt ihm Medikamente und Tee über den Bauchschlauch.

Ich streichele seine schönen Locken. Küsse ihn. Frage nach dem Rest der Nacht. Josef schlief durch, sagt sie. Kein Fieber. Gut, sage ich. Gut. Sie verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke. Uli kommt.

Wir setzen uns zu Josef. Mit unserem Kaffee. Ich öffne das Fenster. Sommerluft, mein Josef. Sommerluft. Wir sind still. Uli und ich. Im Aushalten sind wir still. Josef wird wach. Ich schalte den Monitor aus. Nehme Josef aus seinem Bett. Küsse ihn. Guten Morgen, mein Josef.

Josef atmet nicht mehr. Stille. Seufzer. Er atmet weiter. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Auch dabei setzt immer wieder seine Atmung aus. Ich gebe Josef das Medikament. Er fällt in sich zusammen. Ich lege Josef wieder in sein Bett. Ach, Josef. Mein Josef.

Gegen 10.30 Uhr wird Josef wieder wach. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich ziehe ihn vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Küsse ihn. Überall hin. Hoffe, es hilft ihm. Wobei auch immer. Wobei auch immer.

Um 11.00 Uhr klingelt es. Die Logopädin. Ich setze Josef in seinen Therapiestuhl. Küsse ihn. Sie begrüßt ihn. Streicht über seine Arme. Beine. Arbeitet sich bis zu seinem Mund vor. Josef dreht seinen Kopf nach rechts. Sie verabschiedet sich. Ich bin froh, dass sie kommt. Das sie da ist. Auch wenn, es keinen Fortschritt gibt. Im Sinne von. Wohin auch mit dem Fortschritt? Wohin sollen wir denn schreiten? Fortschreiten. Wohin?

Es klingelt. Das SAPV-Team. Es ist schön. Sie sind da. Die Atmung von Josef setzt wieder aus. Er ist unruhig. Ich nehme ihn in meinen Arm. Er wird ruhiger. Uli holt das Medikament. Gibt es Josef. Er fällt in sich zusammen.

Wir sprechen lange. Über Josef. Die Situation. Ein neuer Medikamentenplan wird besprochen. Ich fühle mich gestützt. Gehalten. Aufgefangen. Sie verabschieden sich. Warm und herzlich.

Am Nachmittag gehen wir spazieren. Weil wir es jetzt so machen. Jeden Nachmittag drehen wir unsere Runde. Mit Josef. Im Kiez. Weil wir sonst verrückt werden. Vom Aushalten und warten. Meine Augen sind immer auf Josef gerichtet. Er schwebt. In anderen Welten. Oder nicht? Bist du jetzt ganz da und wir sehen es nur nicht?

Zu Hause. Es gibt Nudeln. Nudeln mit Pesto. Josef bekommt seinen Abendbrei. Tee. Medikamente. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn. Ich lege ihn auf meine Brust. Wir atmen. Nicht mehr zusammen. Josef atmet anders. Aushalten. Annehmen.

Das Telefon klingelt. Klara. Heute waren sie wandern. Auf einen Gipfel. Oben gab es ein Eis. Baden waren sie auch. Sie vermisst uns. Wir dich auch, sage ich. Wünsche ihr eine gute Nacht.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 130. Sauerstoffsättigung 95. Wir gehen ins Bett. Schlaf.

Veröffentlicht am: 12.08.2019


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