Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr.

Ich muss mich orientieren. Klara liegt neben mir. Atmet ganz ruhig. Ich spüre ihre Körperwärme. Das beruhigt mich. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Dabei lasse ich die Tür einen kleinen Spalt auf.

Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Es ist dunkel draußen. Dann gehe ich ins Schlafzimmer. Wecke Klara. Küsse sie. Sie ist noch so müde, sagt sie. Ich weiß, sage ich.

Trotzdem. Wir kuscheln. Kurz. Dann steht sie auf. Es fühlt sich merkwürdig an. Ohne Josef. Ohne Uli. Ohne den Trubel. Gleichzeitig genieße ich die Ruhe. Genieße es, die Badezimmertür auflassen zu können. Im Schlafanzug durch die Wohnung zu gehen. Im Schlafanzug zu frühstücken. Ich backe Klara ein Brötchen auf. Für die Schule.

Dann geht sie los. Los zur Schule. Ich winke ihr nach. Bis ich sie nicht mehr sehe. Ich rufe Uli an. Er sagt, ich bin gerade bei Josef. Es geht ihm nicht gut. Josef hat hohe Herzfrequenzen und gerade gekrampft. Nun schläft er wieder.

Okay, sage ich. Sollen wir kommen? Aber wie sollen wir kommen? Klara muss doch in die Schule. Muss doch. Muss. Lass uns abwarten, sagt Uli. Später telefonieren. Gut, sage ich. Gut. Später. Nachher. Ja. Mir ist es schwer.

Ich fühle mein Herz. Ganz zerrissen. Wir müssen doch zu Josef. Klara und ich. Zu Josef und Uli.

Das Telefon klingelt. Mein Herz. Bis zum Hals. Es ist nicht die Telefonnummer von Uli. Ich gehe ran. Die Pflegedienstleitung vom anderen Pflegedienst. Sie hat schlechte Nachrichten. Sie findet kein Personal. Kein Personal, das sich Josef zutraut. Es tut ihr leid.

Schon gut, sage ich. Danke, sage ich auch. Lege auf. Kein Personal, das sich Josef zutraut. Zutraut. Einatmen und Ausatmen.

Welch ein Montag, denke ich. Welch ein blöder Montag. Ich rufe Uli an. Erzähle von der Absage des Pflegedienstes. Es ist wie es ist, sagt Uli. Ja. Es ist wie es ist. Wie lange ertragen wir diesen Zustand, alles nur zu ertragen? Nichts tun zu können? Wie lange?

Uli sagt, ich habe den Makler angerufen. Von der Wohnung. Er schickt uns den Mietvertrag. Ab November. So schnell, sage ich. So schnell dann doch. Das ist gut, oder Uli? Ist das gut so? Ich weiß es nicht, sagt Uli. Einatmen und Ausatmen.

Wir müssen organisieren: Pflegedienst. Therapeuten. Schule für Klara. Das schaffen wir, sagt Uli. Ja, sage ich. Das schaffen wir. Das können wir schaffen.

Ich ziehe mich an. Gehe los. Einkaufen. Für Klara und mich. Überlege, was wir tun können. Ob wir Klara aus der Schule nehmen können. Für ein paar Tage. Nach dem Einkauf hole ich Klara ab. Von der Schule. Zum Karate wollte sie heute nicht. Ihre Ruhe wollte sie. Das ist gut, meine Klara. Ruhe ist gut.

Am Nachmittag ruft Uli an. Sagt, es ist ein wenig besser mit Josef. Nur ein wenig. Sollen wir kommen, frage ich? Klara muss doch zur Schule, sagt Uli. Ich kümmere mich, sage ich. Wir legen auf.

Ich schreibe eine lange Mail. An die Klassenlehrerin. Frage, ob wir Klara zwei Tage aus der Schule nehmen dürfen. Ob das geht. Vielleicht. Ich bekomme sofort eine Antwort. Natürlich. Keine Frage.

Wie gut das tut. Dass es keine Frage ist. Selbstverständlich. Mit einem Josefbruder. Wir nicht erklären müssen. Eigentlich.

Zum Abendessen holen wir uns eine Pizza. Von unten. Aus dem Restaurant. Klara bekommt noch einen Lutscher. Wir schauen zusammen Kinderfernsehen. Essen Pizza dabei.

Ich rufe Uli an. Erzähle. Wir können Mittwoch schon kommen. Auch früher. Die Lehrerin ist bei uns. Das ist gut, sagt Uli. Ich weiß, sage ich. Josef hat noch einmal gekrampft, sagt Uli. Jetzt schläft er. Wir vermissen euch, sagt Uli. Wir euch auch, sage ich. Wir vermissen uns. Klara telefoniert mit Uli.

Dann legt sie auf. Ich bringe Klara ins Bett. Lese ihr vor. Wir kuscheln. Ich mache ihr das Hörspiel an. Stehe noch einmal auf. Telefoniere mit Uli. Sprechen über eine neue Schule. Über den Pflegedienst. Über den möglichen Umzug. Was zu tun ist. Was nicht. Ob wir das schaffen. Ob Josef das schafft. Den Umzug.

Vor lauter Sprechen und Denken fühlen wir gar nicht. Wie sich das anfühlt, in diese Wohnung zu ziehen. Irgendwann legen wir auf. Ich sitze eine Weile allein im Wohnzimmer. Es ist still. Ich setze mich an das Bett von Josef. Es ist leer. Sein Bett. Ich streiche über die Decke in seinem Bett. Mir laufen Tränen. Dann gehe ich ins Bett. Klara atmet gleichmäßig. Sie ist ganz warm. Sie zu spüren beruhigt mich. Ich schlafe ein.