Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Ich höre es aus dem Wohnzimmer blubbern. Das Blubbern der Sauerstofftonne. Mein Herz schlägt bis zum Hals.

Ich wasche mein Gesicht mit kaltem Wasser. Gehe ins Wohnzimmer. Neben dem Bett von Josef steht die Sauerstofftonne. Die Schwester inhaliert Josef. Mein Josef hat die Augen halb geöffnet. Er sieht erschöpft aus. Herzfrequenz 140. Sauerstoffsättigung 96.

Ich frage die Schwester nach der Nacht. Er war sehr unruhig. Hatte Schwierigkeiten mit dem Sekret. Die Herzfrequenz war teilweise bei 150. Temperatur 37,6. Seine Ausatmung ist verlängert. Seit Mitternacht bekommt er Sauerstoff.

Ich frage, ob sie mit Salbutamol inhaliert hat? Nein, sagt sie. Warum nicht, frage ich? Sie sagt nichts. Wir haben doch einen Plan, sage ich. Einen Notfallplan. Er hängt genau über dem Bett. Sie spült die Inhalette aus. Einatmen und Ausatmen.

Klara kommt. Ich gehe mit ihr in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch.

Ich bin aufgewühlt. Warum hat sie Josef nicht inhaliert? Warum hat sie ihm kein Rectodelt gegeben? Warum Sauerstoff? Sauerstoff soll doch nur im Notfall gegeben werden. Im äußersten Notfall.

Ich verstehe es nicht. Verstehe es nicht. Uli kommt in die Küche. Fragt. Ich sage, gleich. Klara geht los. Los in die Schule. Uli winkt ihr nach. Die Schwester möchte sich verabschieden.

Ich sage, bleib bitte noch kurz. Ich schalte den Monitor aus. Nehme Josef aus seinem Bett. Lege ihn auf meine Knie. Mit dem Kopf nach unten. Damit das Sekret besser ablaufen kann. Seine Atmung zieht. Ich bitte die Schwester die Inhalette fertig zu machen. Salbutamol und Atrovent dazu.

Ich frage sie, warum sie Sauerstoff gegeben hat. Damit er sich entspannt, sagt sie. Wir haben doch den Plan, sage ich. Sie sagt nichts. Dann sagt sie, ich habe die Situation so eingeschätzt. Er brauchte Sauerstoff zur Entspannung.

Einatmen und Ausatmen. Ich werde das SAPV-Team anrufen, sage ich. Damit sie sich Josef anschauen und anordnen können, was er braucht. Schlaf gut, sage ich. Sie geht.

Mir laufen Tränen. Ich verstehe es nicht, sage ich zu Uli. Ich verstehe es nicht. Wir haben doch so oft darüber gesprochen. Sogar zusammen mit dem SAPV-Team. Was ist bloß los? Was ist bloß los?

Uli saugt Josef ab. Seine Atmung klingt etwas freier. Ich rufe das SAPV-Team an. Die Schwester sagt, sie kommt. In einer Stunde ist sie da. Danke, sage ich. Uli meldet sich krank heute. Bei seinem Arbeitgeber. Kann nicht arbeiten. Heute. Josef, mein Josef. Ich küsse ihn. Ziehe ihn vorsichtig um.

Uli inhaliert Josef noch einmal. Saugt ihn ab. Es wird etwas besser.

Um 9.30 Uhr klingelt es. Die SAPV Schwester und die Palliativärztin. Ich bin aufgewühlt. Alles aufgewühlt. In mir.

Sie sind ruhig mit uns. Ganz ruhig. Hören zu. Helfen, zu sortieren. Josef wird abgehört. Die Lungenspitzen sind obstruktiv. Josef soll inhaliert werden. Alle zwei Stunden. Mit Salbutamol und Atrovent. Zusätzlich bekommt er Prednisolon. Bewegt soll Josef werden. Umgelagert. Mindestens alle 2 Stunden.

Ich fühle mich sicher. Mit ihnen. Sicher. Sie sind bei uns. Bei Josef. Dann sprechen wir. Über Josef. Seinen Zustand. Dass es sein kann. Dass er sich verabschiedet. Von uns. Mein Herz wird schwer. Ganz schwer. Einatmen und Ausatmen.

Josef, mein Josef. Einatmen und Ausatmen. Das Atmen nicht vergessen. Hörst du? Sie verabschieden sich. Ich gebe Josef seinen Morgenbrei.

Um 11.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich inhaliere Josef. Sauge ihn ab. Er schläft ein. Ich lege ihn in sein Bett. Schalte den Monitor an. Herzfrequenz 140. Sauerstoffsättigung 96. Ich bin aufgewühlt. Schwer.

Ich frage die Schwester, ob wir kurz spazieren gehen dürfen. Sie es sich zutraut, mit Josef allein. Für eine halbe Stunde? Ja, sagt sie. Nehmt das Telefon mit. Ja. Uli und ich gehen. Eine Feldrunde. Die Sonne scheint nicht. Es ist kühl. Frühherbstkühl.

Wir laufen. Was ist los, Uli? Ich verstehe es nicht. Warum hat die Schwester nicht nach Plan gehandelt? Sollen wir die Pflegedienstleitung anrufen? Dann fühlt sie sich vorgeführt. Schon wieder. Das möchte ich nicht, sage ich. Es ist so schon schwierig.

Einatmen und Ausatmen. Wir sprechen heute Abend mit ihr. Vorsichtig. Vorsichtig. Immer vorsichtig sein. Umsichtig sein. Mit den Anderen. Wir brauchen sie, ja. Die Anderen. Brauchen sie.

Zu Hause. Josef schläft. Immer noch. Seine Werte sind stabil. Die Schwester inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ist ganz konzentriert. Erzählt heute nicht so viel, weil sie so konzentriert ist. Bei Josef ist. Das ist gut.

Um 14.00 Uhr klingelt es. Die liebe Physiotherapeutin. Ich nehme Josef aus einem Bett. Sie begrüßt ihn mit ihren Händen. Streicht die Rippenbögen entlang. Spürt nach dem Sekret. Kann es etwas lösen.

Sie tut mir gut. Ganz konzentriert ist sie bei Josef. Bei uns. Nimmt Josef ernst. Uns ernst. Morgen kommt sie wieder, sagt sie. Streicht mir beim Abschied über den Arm. Danke, sage ich. Danke.

Josef, mein Josef. Wird inhaliert. Abgesaugt. Bekommt seine Medikamente. Seinen Brei. Um 18.00 Uhr klingelt es. Klara. Kommt vom Karate. Wir essen Abendbrot. Brot. Die Schwester verabschiedet sich.

Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Ich lege Josef in sein Bett. Lager ihn auf dem Bauch. Den Kopf nach unten geneigt. Damit das Sekret gut ablaufen kann. Herzfrequenz 127. Sauerstoffsättigung 98. Alles gut.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir sprechen mit ihr. Sagen ganz in Ruhe, was sie Ärztin gesagt hat. Sind behutsam mit ihr. Haben Angst, sie kommt sonst nicht mehr. Gehen ins Bett. Schlafen. Unruhig.