414 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 1

Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker. Ich stehe auf. Leichter ist es mir. In Bewegung kommen, denke ich. In Bewegung. Das hilft. Ich gehe ins Bad. Höre aus dem Wohnzimmer die Inhalette. Alles nach Plan. Alles nach Plan. Ich gehe ins Wohnzimmer.

Josef schläft. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 90. Die Schwester steht an seinem Bett. Hat ihre Hand auf seinem Arm liegen. Spricht ihm leise zu. Das ist schön.

Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Gehe wieder ins Wohnzimmer. Frage die Schwester nach der Nacht. Josef hat durchgeschlafen. Keine Besonderheiten. Seine Vitalwerte waren sehr gut. Sie freut sich. Ich mich auch. Uli kommt.

Ich packe meine Sachen zusammen. Für das Seminar. Unterlagen. Tee. Einen Apfel. Die Schwester verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Josef, mein Josef schläft. Ich küsse ihn sanft. Streiche mit meiner Hand über seinen Lockenkopf. Sage, bis heute Abend. Uli umarmt mich. Dann fahre ich los. Mit dem Fahrrad zum Bahnhof.

Der Zug kommt pünktlich. Wie er das nur macht? Der Zug. Immer pünktlich zu fahren an den Samstagen und Sonntagen, wenn ich Seminar habe. Die Sonne geht langsam auf. Es ist ein kalter Tag. Weiß ist es draußen. Kein Schnee. Ich fühle mich leicht. Immer noch. Bewegung, denke ich. Bewegung. Nur so sortieren sich die Dinge. In der Bewegung.

Im Seminar. Ein Platz wurde für mich freigehalten. Das ist schön. Hier einen Platz zu haben. Hier sein zu dürfen. Nicht nur Mutter zu sein. Sondern. Auch. Lernen zu dürfen. Ich lasse mich ein. Auf das Thema. Es geht um Ängste. Therapie bei Ängsten. Wie passend, denke ich. Wie passend.

In der Mittagspause rufe ich zu Hause an. Alles gut, sagt Uli. Die Schwester ist da. Josef schläft. Ganz entspannt. Das EKG hat er schon weggebracht. Abgegeben. In der Klinik. Mit Klara möchte Uli am Nachmittag einen Ausflug machen. Sie wollen mich danach abholen. Heute Abend. Schön, sage ich. Schön.

Der Nachmittag im Seminar zieht sich. Wird lang und länger. Müdigkeit breitet sich aus. Noch eine Pause. Anruf bei Uli. Sie sind unterwegs, sagt Uli. Sie wollen in ein naturwissenschaftliches Mitmachmuseum. Ich freue mich. Für Klara und Uli. Dass sie in Bewegung sind.

Dann ist das Seminar vorbei. Uli und Klara warten vor der Tür. Schnell fahren wir nach Hause.

Josef ist wach. Liegt im Arm der Schwester. Ich nehme ihn. Sofort. Küsse ihn. Frage die Schwester. Sie sagt, es war super heute. Seine Werte waren sehr gut. Keine Besonderheiten. Sie freut sich. Ich mich auch.

Es ist leichter, wenn es Josef besser geht. Es keine Besonderheiten gibt. Dann fühlt es sich leichter an. Die Schwester spült die Inhalette aus. Wechselt die Behälter der Absauge. Räumt die gebrauchten Katheter weg. Das ist schön. So muss ich es nachher nicht machen. Sie verabschiedet sich.

Ich gebe Uli seinen Sohn. Ziehe mich um. Nehme Josef wieder. Uli deckt den Tisch. Wir essen zusammen. Brot. Ich halte Josef in meinem Arm. Gebe ihm seinen Abendbrei. Tee. Medikamente. Klara erzählt von dem Museum. Sie ist ganz begeistert. Ich freue mich, dass sie einen so schönen Tag hatte. Freue mich, dass Josef stabil war. Es möglich war, dass Uli Zeit für Klara hatte. Nur für sie.

Wie wichtig das ist. Zeit zu haben. Für jedes einzelne Kind. Josef, denke ich. Du bist ein großartiger Bruder. Du weißt, wann Klara Zeit braucht mit ihren Eltern. Das machst du gut, mein Josef. Ich küsse Josef.

Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Josef liegt in meinem Arm. Ist ganz wach. Zusammen bringen wir Klara in unser Bett. Uli liest uns vor. Klara hält Josef in ihrem Arm. Gibt ihn mir dann doch. Zu schwer sagt sie. Und den Schnodder findet sie eklig. Ich schmunzele. Bin froh, dass sie sich traut. Sicht traut, zu sagen, was sie denkt und fühlt. Welch ein Geschenk.

Klara kuschelt sich in unser Bett. Uli macht das Hörspiel an. Wir gehen mit Josef wieder ins Wohnzimmer. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich lege ihn mir auf meine Brust. Er schläft ein. Mit jedem Atemzug entspannt sich sein Körper. Ich lege Josef in sein Bett. Schalte den Monitor ein. Herzfrequenz 116. Sauerstoffsättigung 94. Alles gut. Alles gut.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir gehen ins Bett. Schlafen. Ruhig.

Veröffentlicht am: 17. 01. 2019


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