Ich werde wach. Es ist 6.30 Uhr.

Ich spüre Klara neben mir. Sie atmet ganz gleichmäßig. Schläft ganz fest. Uli auch. Ich bleibe liegen. Atme. Einatmen und Ausatmen.

Mir laufen Tränen über das Gesicht. Heimliche Tränen. Keiner sieht sie. Keiner hört sie. Die Tränen. Lautlos kann ich weinen. Das habe ich gelernt. In den letzten Monaten. Lautlos weinen. Ich atme noch einmal tief ein und aus. Höre auf. Zu weinen.

Ich stehe auf. Langsam. Möchte niemanden wecken. Draußen ist es grau. Herbstlich. Grau. Ich gehe ins Bad. Wasche mich. Ich schleiche mich aus dem Zimmer.

Im Gemeinschaftsraum treffe ich die Hauswirtschaftskraft. Sie legt ihren Arm um mich. Sagt, Anne. Du musst mehr essen. Das geht so nicht weiter. Ja, sage ich. Du hast ja recht. Erstmal einen Kaffee. Ich hole mir eine Tasse. Nehme mir einen Kaffee. Wir erzählen noch ein wenig. Lachen. Sie tut mir so gut. Diese weise Frau.

Uli kommt dazu. Ist doch schon wach. Der Uli. Er nimmt sich auch einen Kaffee. Dann gehen wir zu Josef. Den Gang entlang. Rechts. Er schläft noch. Herzfrequenz 108. Sauerstoffsättigung 98. Ich streichele seinen schönen Kopf. Setze mich zu ihm.

Die Schwester kommt. Sie sagt, die Nacht war ruhig. Er hat durchgeschlafen. Sie bleibt eine Weile bei uns. Dann geht sie. Sagt, gebt Bescheid, wenn ihr was braucht. Ja, sagt Uli. Ja. Wir sind still. Schauen auf den Monitor. Wie die Zahlen hin und her springen.

Josef wird langsam wach. Seine Atmung wird lauter. Uli bereitet die Inhalette vor. Ich schalte den Monitor aus. Nehme Josef vorsichtig aus seinem Bett. Küsse ihn. Guten Morgen, mein Josef. Ich lege Josef auf Ulis Schoß. Uli inhaliert ihn.

Ich gehe ins Pflegebad und lasse das Wasser in die Wanne. Aus dem Zimmer gegenüber höre ich den Jungen. Ganz laut. Schön. Er ist auch schon wach. Uli saugt Josef ab. Ich ziehe ihn vorsichtig aus. Trage ihn ins Pflegebad. Uli lässt Josef ins Wasser gleiten. Er genießt es. Mein Josef.

Uli nimmt Josef aus der Wanne. Ich trockne ihn vorsichtig ab. Küsse ihn. Öle ihn ein. Massiere seine Füße. Hände. Streiche über seinen Rücken. Ich ziehe Josef vorsichtig an. Ganz vorsichtig.

Wir gehen in den Gemeinschaftsraum. Heute sind wir die ersten. Der Tisch wird gedeckt. Ich setze Josef in seinen Therapiestuhl. Uli holt Klara. Nach und nach werden die Gäste gebracht. Pfleger kommen. Schwestern. Eltern. Ich gebe Josef vorsichtig seinen Morgenbrei. Therapeuten schwärmen aus. Verabreden sich. Zu Josef wird die Physiotherapeutin um 11.00 Uhr kommen. Die Logopädin zieht sich mit einem Gast in die Ecke hinter dem Aquarium im Gemeinschaftsraum zurück. Ab und zu piept es.

Es rauscht eine Absauge. Spritzen werden an die Tischkante geklopft. Es stört mich nicht mehr. Normal ist es geworden. Für mich. Für uns. Das Unnormale ist für uns normal geworden. Die Geschwisterbetreuung kommt zu Klara. Fragt, ob sie in den Park gehen wollen. Spazieren. Klara, sagt ja. Dann gehen sie.

Nach dem Frühstück ziehen wir uns in Josefs Zimmer zurück. Die Physiotherapeutin kommt. Sie legt sich Josef auf ihren Schoß. Dreht und wendet ihn. Er schläft ein. Sie legt ihn vorsichtig in sein Bett. Herzfrequenz 130. Sauerstoffsättigung 98. Wir bleiben bei Josef. Er schläft nicht lange. Uli inhaliert ihn. Saugt ihn ab. Seinen Josef.

Wir gehen mit Josef in den Gemeinschaftsraum. Setzen uns mit ihm ans Fenster. Reden. Miteinander. Darüber was die nächsten Schritte sind. In ein besseres Leben mit Josef. Was heißt besser, Uli? Was bedeutet es? Das bessere Leben? Mit Josef und Klara. Das müssen wir finden. Herausfinden.

Klara kommt. Sie ist etwas durchgefroren. Die Hauswirtschaftsfrau macht ihr einen Kakao. Es tut so gut. Wie sich alle kümmern. Ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Wir einfach nur Sein dürfen. Die Schwester kommt zu uns. Fragt, ob sie Josef nehmen darf. Ja, sage ich. Ja.

Wir haben gleich den Termin mit der Psychotherapeutin. Ich bin etwas aufgeregt. Das spüre ich. Die anderen Geschwisterkinder kommen. Mit ihren Eltern. Heute schon mal früher. Es gibt ein großes Hallo. Klara verschwindet mit ihnen im Jugendzimmer. Die Psychotherapeutin verspätet sich etwas. Uli und ich warten auf sie im Gemeinschaftselternzimmer.

Dann ist sie da. Wir erzählen ihr. Von der Wohnung. Wir nicht wissen, wie wir uns entscheiden sollen. Dann sagt sie. Stellen sie sich vor, wie sie sich fühlen werden, wenn sie in der Wohnung sind. Plötzlich ist es klar. Diese Wohnung wird nicht unsere Wohnung. Es fühlt sich nicht gut an. Danke, sagen wir. Danke. Danke für die Hilfe beim Sortieren. Einatmen und Ausatmen.

Im Gemeinschaftsraum ist Josef. Mit anderen Gästen. Pflegern und Schwestern. Eine Mutter ist da. Bei dem Jungen ist ein Mann. Er kommt jeden Freitag zu dem schönen Jungen. Schon über Jahre. Ehrenamtlich. Es ist schön die Beiden zu sehen. Ganz vertraut.

Zum Abendessen kommen auch die anderen Gäste. Pfleger und Schwestern. Eltern. Heute gibt es Pizza. Klara kommt. Mit den Geschwisterkindern. Sie sind ganz verschwörerisch miteinander. Schmieden Pläne. Für heute. Für morgen. Übermorgen. Schön ist das. Schön. Ich gebe Josef vorsichtig seinen Abendbrei. Wir essen Pizza.

Nach dem Abendessen inhaliert Uli Josef. Saugt ihn ab. Ich ziehe Josef um. Lege ihn auf meine Brust. Wir atmen zusammen. Einatmen und Ausatmen. Bis er eingeschlafen ist. Mein Josef. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 117. Sauerstoffsättigung 98. Wir sagen der Schwester Bescheid. Klara schaut mit den Kindern ein Film. Im Jugendzimmer. Sie kommt danach zu uns, sagt sie.

Uli und ich ziehen uns ins Elternzimmer zurück. Reden. Was nun? Weitersuchen, sagt Uli. Ja, sage ich. Weitersuchen. Klara kommt. Sie ist müde. Uli liest ihr vor. Wir schlafen ein.