445 | Vor dem Weckerklingeln bin ich wach.

, Kinderhospiz

Vor dem Weckerklingeln bin ich wach. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Langsam versammeln sich die Kinder auf dem Schulhof. Wie gut es tut. Den springenden und hüpfenden Kinder zuzusehen.

Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Ich küsse ihren Kopf. Wie tapfer sie ist, meine Klara. Sich in eine neue Klasse einlebt. Neue Wege geht. Sich auf neue Kinder einlässt. Wie tapfer sie ist. Wie stark. Meine Klara. Unsere Klara.

Uli kommt in die Küche. Schaltet das Licht aus. Möchte nicht beobachtet werden. Zum Glück ist es nicht mehr so dunkel am Morgen. Klara geht los. Los in die Schule. Ich winke ihr aus Josefs Zimmer nach. Dann sehe ich sie über den Schulhof laufen und in der Schule verschwinden.

Wir gehen zu Josef. Sind um 8.00 Uhr bei ihm. Josef ist wach. Er liegt im Kinderwagen. Ist bei einem anderen Kind im Zimmer. Ich frage die Schwester nach der Nacht. Keine Besonderheiten, sagt sie. Sie ist gerade mit dem anderen Kind beschäftigt. Gut, sage ich.

Wir nehmen Josef mit. Baden ihn. Ja, sagt sie. Danke, sagt sie auch. Uli lässt die Wanne ein. Ich ziehe Josef vorsichtig aus. Küsse ihn. Morgen, mein Josef. Morgen ziehst du nach Hause.

Uli badet Josef. Er ist entspannt. Das Sekret läuft gut aus seiner Nase. Das ist gut. Es ist immer gut, wenn das Sekret läuft. Uli nimmt Josef aus der Wanne. Ich trockne meinen Josef ab. Küsse ihn. Öle ihn ein. Ziehe Josef vorsichtig an.

Dann gehen wir in den Gemeinschaftsraum. Die Gäste kommen. Pfleger. Schwestern. Eltern. Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Josef liegt entspannt in meinem Arm. Die Therapeuten kommen. Verbreden sich. Wir fragen die Physiotherapeutin, ob sie auch zu uns nach Hause kommen kann.

Ja, sagt sie. Das kann sie einrichten. Sie würde dann entweder nach den Kinderhospizterminen kommen oder davor. Diese Woche kann sie Donnerstag und Freitag kommen. Wir freuen uns, sagen wir. Und danke. Nach dem Frühstück übernimmt die Schwester Josef.

Uli und ich fahren los. Los in unsere alte Wohnung. Zur Übergabe. Der Hausverwalter ist da. Pünktlich. Schaut sich die Wohnung an. Sagt, es muss gemalert werden. Das war die Wohnung bei uns nicht, sagt Uli. Trotzdem muss die Wohnung gemalert werden, sagt der Hausverwalter.

Wir haben Interessenten für die Wohnung, sagt Uli. Das ist mir egal, sagt der Hausverwalter. Ab Mai werde er die Wohnung vermieten. Bis dahin müssen wir die Miete noch zahlen. Mir wird schlecht. Ganz schlecht. Der Verwalter geht. Wir bleiben in der Wohnung. Wie sollen wir das machen, Uli? Wie sollen wir die Miete zahlen? Die hohe Miete der neuen Wohnung und die Miete hier? Einatmen und Ausatmen.

Wir fahren wieder los. Die Sonne scheint. Als wolle sie uns trösten. Die Sonne.

Zu Hause. Wir holen Klara ab. Vom Hort. Sie gibt mir einen Zettel. Mit der Telefonnummer von der Mutter des Mädchens. Ich spreche kurz mit der Hortnerin. Klara fügt sich gut ein, sagt sie. Gut, sage ich. Gut. Denke, oh je. Einfügen. Aufpassen müssen wir, denke ich. Auf Klara. Dass sie sich nicht zu sehr einfügt. Gefügig macht. Für uns. Für die Anderen.

Wir gehen nach Hause. Dann gemeinsam ins Kinderhospiz. Eine Schwester vom Pflegedienst ist da. Sie wird Nachtdienste bei Josef machen. Sie ist ruhig. Freundlich. Bei Josef. Mit ihren Fragen. Das ist schön. Josef ist entspannt.

Die Schwester hält Josef vorsichtig im Arm. Sie vergewissert sich bei uns, ob sie ihn richtig hält. Fragt, was Josef mag. Wie er ist. Die Schwester ist mir sehr sympatisch. Innerlich halte ich mich zurück. Mit meiner Begeisterung. Wer weiß, denke ich. Wer weiß, wie sie in Krisen ist. Wer weiß, wie lange sie bei uns bleibt. Nicht zu viel Energie reingeben. Nicht so viel Energie. Abstand halten.

Wir lassen Josef bei der Schwester. Ich küsse Josef. Wünsche ihm eine gute Nacht. Meinem Josef. Wir gehen nach Hause. Essen Abendbrot. Schauen Kinderfernsehen.

Ich bringe Klara ins Bett. Lese ihr vor. Wir kuscheln eine lange Weile. Ich mache ihr das Hörspiel an. Gehe zu Uli. Ins Wohnzimmer. Uli sagt, er hat mit dem Eigentümer telefoniert. Von unserer alten Wohnung. Hat ihm von Josef erzählt. Von uns. Der Eigentümer sagt, es tut ihm leid. Wenn wir einen Nachmieter haben, kommen wir aus dem Mietvertrag. Einatmen und Ausatmen.

Ich bin leicht. Leicht und leicht. Wir sitzen lange zusammen. In unserer Wohnküche. Erzählen. Leise. Weil wir es so gewohnt sind. Irgendwann gehen wir ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 17. 02. 2019


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