Der Wecker klingelt. Es ist 6.00 Uhr.

Ich bleibe kurz liegen. Einatmen und Ausatmen. Stehe auf. Fühle mich getrieben. Wohin nur, frage ich mich. Wohin getrieben?

Ich gehe ins Bad. Wasche mich. Höre die Inhalette rauschen. Nach Plan, denke ich. Nach Plan. Alles nach Plan. Ich gehe ins Wohnzimmer. Josef schläft. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 84. Die Schwester gibt Josef einen Hub Sabutamol. Dann bessern sich die Werte von der Sauerstoffsättigung. Steigen auf 93. Josef schläft dabei. Ganz tief und fest.

Wo bist du mein Josef? Wo bist du? Du bist schon wieder unterwegs, oder? Einatmen und Ausatmen. Ich frage die Schwester nach der Nacht. Josef schlief durch, sagt sie. Ab und zu hatte er Sättigungsabfälle. Sie hat ihn umgelagert. Dann ging es meist besser. Temperatur 36,8. Gut, sage ich. Gut. Meine ich es auch so? Dieses gut? Gut. Gut. Gut.

Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt. Sie umarmt mich. Ich küsse sie auf ihren Kopf. Wie gut sie riecht, meine Klara. Ich höre Uli. Er ist bei der Schwester. Bei Josef. Ich bleibe bei Klara. Möchte sie nicht allein frühstücken lassen. Nicht allein lassen, meine Klara.

Uli kommt in die Küche. Ich gehe wieder ins Wohnzimmer. Josef schläft. Die Schwester spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich. Schlaf gut, sage ich. Danke. Klara geht los. Los in die Schule. Ich winke ihr nach. Bis ich sie nicht mehr sehe.

Josef wird langsam wach. Öffnet seine Augen. Ich nehme ihn vorsichtig aus seinem Bett. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Küsse ihn. Immer wieder. So weit weg bist du, mein Josef. Wo bist du nur? Mir laufen stille Tränen. Heute sind sie still. Meine Tränen.

Ich halte Josef. Gebe ihm seinen Morgenbrei. Tee. Medikamente. Uli ruft das SAPV-Team an. Sagt, kein Fieber mehr. Sollte sich der Zustand von Josef verschlechtern, melden wir uns. Hausbesuch morgen reicht uns. Wir kommen zurecht, höre ich Uli sagen. Was sollen sie auch tun, denke ich. Wir kommen zurecht. Irgendwie kommen wir zurecht. Den Schmerz kann uns Keiner nehmen. Die Trauer auch nicht. Wir kommen zurecht.

Um 13.00 Uhr klingelt es. Die liebe Physiotherapeutin. Ich freue mich so. Ich ziehe Josef vorsichtig unter der Wärmelampe aus. Überlasse ihn ihren warmen Händen. Josef ist erschöpft. Bekommt heute eine „Wellnessbehandlung“. Wellness, wie schön das klingt. Heute wird Josef nicht gefordert. Heute gibt es Massage. So soll es sein, mein Josef. So soll es sein. Nicht immer nur fordern und wollen. Nur Sein, mein Josef. Nur Sein.

Josef genießt es. Das leichte Schütteln und Rütteln. Es ist schön. Ich lächele, weil es schön ist. Für Josef. Für mich. Die liebe Physiotherapeutin verabschiedet sich. Wir umarmen uns. Ich fühle mich gestärkt. Wie gut das tut. Von ihr umarmt zu werden.

Um 14.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich gebe Josef seinen Mittagsbrei. Ganz vorsichtig. Er schläft ein, mein Josef. Ich lege ihn in sein Bett. Uli und ich gehen los. Los zum Hort. Einatmen und Ausatmen.

Wir laufen. Die kühle Luft tut gut. Es ist diesig. Passend, denke ich. Es ist diesig. Wir wissen nicht, wohin es geht. Wohin es mit Josef geht. Hat er die Krise überstanden, Uli? Hat er oder hat er nicht? Wer weiß, sagt Uli. Wer weiß das schon? Klara kommt gleich mit. Wir gehen vorn entlang. Sie hüpft und springt. Welch ein Glück! Welch ein Glück! Sie hüpft und springt. Hat es noch nicht verlernt.

Zu Hause. Josef liegt im Arm der Schwester. Er hat wieder Fieber, sagt sie. 38,6. Uli gibt Josef ein Medikament. Ich halte Josef. Uli macht Kakao und Kaffee. Klara. In ihrem Zimmer. Hört Hörspiel. Uli ruft das SAPV-Team an. Berichtet. Die Ärztin ist am Telefon. Der Plan wird besprochen.

Um 21.00 Uhr soll Josef Cortison bekommen. Inhalation regelmäßig. Schmerzmedikation. Ob wir zurecht kommen, fragt sie. Bis morgen. Oder ob sie kommen sollen? Jetzt? Nein, sagt Uli. Wir kommen zurecht. Wenn nicht, rufen wir an. Gut, sagt die Ärztin. Sie machen das so gut. Danke, sagt Uli. Wir haben ja keine Wahl. Oder haben wir die? Die Wahl?

Zum Abendbrot gibt es Brot. Josef in meinem Arm. Ist wach. Fiebrig da. Wach und fiebrig. Ich mache ihm Wadenwickel. Die Schwester verabschiedet sich. Wir schauen Kinderfernsehen. Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Gehalten. Waden werden gewickelt. Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege den schlafenden Josef ins Bett. Herzfrequenz 144. Sauerstoffsättigung 95. Temperatur 37,6. Wir gehen ins Bett. Schlafen unruhig.