385 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Aus dem Wohnzimmer höre ich die Inhalette. Alles nach Plan, denke ich. Alles nach Plan.

Ich gehe ins Wohnzimmer. Josef liegt in seinem Bett. Die Schwester steht davor. Mit dem Rücken zu mir. Herzfrequenz 135. Sauerstoffsättigung 94. Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch.

Klara kommt. Sie kuschelt sich an mich. Das war so schön gestern, sagt sie. Ja, sage ich. Das war schön. Sie schwärmt von den Crepes. Von dem Programm. Vom Kinderschminken. Sie sprudelt vor Glück. Ich freue mich darüber. Sehr.

Klara öffnet ihren Adventskalender. Gummibärchen. Sie isst ihre Cornflakes. Uli setzt sich zu ihr.

Ich gehe ins Wohnzimmer. Josef schlummert. Seine Augen sind halb geöffnet. Herzfrequenz 135. Sauerstoffsättigung 94. Ich frage die Schwester nach der Nacht. Bis 3.00 Uhr hat Josef geschlafen. Dann war er sehr unruhig. Hatte 38,8. Ein Schmerzmittel hat sie ihm gegeben.

Wahrscheinlich eine Impfreaktion, sagt sie. Das Sekret war durchsichtig. Etwas zäh. Gut, sage ich. Gut. Die Schwester spült die Inhalette aus. Wünscht uns ein schönes Weihnachtsfest. Bis bald, sagt sie. Bis bald, sage ich. Ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch, sage ich auch. Dann ist sie weg.

Klara geht los. Los in die Schule. Uli winkt ihr nach. Bis er sie nicht mehr sieht.

Um 8.30 Uhr wird Josef wach. Uli inhaliert ihn. Saugt ihn ab. Ich nehme Josef. Küsse ihn. Guten Morgen, mein Bär. Zusammen gehen wir in die Küche. Öffnen den Adventskalender. Am Fenster. Es sieht schön aus. Wie sich das Bild langsam vervollständigt. Es ist schön und bunt. Dieses Bild. Uli liest uns vor.

Um 9.00 Uhr klingelt es. Die liebe Physiotherapeutin. Es ist schön, sie zu sehen. Ich ziehe Josef langsam aus. Räume Josefs Bettzeug weg. Dann beginnt sie. Begrüßt Josef. Dreht ihn nach links und rechts. Spricht mit ihm. Ganz vertraut.

Josef macht gut mit. Schläft bei der Atemtherapie ein. Das darfst du, mein Josef. Wir verabschieden die liebe Physiotherapeutin. Josef schläft. Ich lasse ihn. Schlaf, mein Josef. Schlaf.

Uli telefoniert mit dem Versorger für den Sauerstoff. Sagt, wir brauchen wieder eine Sauerstofftonne für das Kinderhospiz. Heiligabend wollen wir dort sein. Kein Problem, sagt die Frau. Kein Problem.

Josef wird wieder wach. Uli inhaliert ihn. Saugt ihn ab. Ich ziehe Josef vorsichtig an. Gebe ihm verspätet seinen Morgenbrei. Tee. Medikamente. Messe seine Temperatur. 39.0. Ich gebe ihm ein Schmerzmittel. Er liegt in meinem Arm. Mein Josef. Atmet schnell. Dann schläft er ein. Auf meinem Arm.

In letzter Zeit wagen wir uns gar nicht mehr raus mit unserem Josef, Uli. Trauen uns nicht mehr. Haben wir keine Kraft dafür? Sind wir ängstlich geworden? Einatmen und Ausatmen. Isolieren wir uns. In unsere Dachwohnung. Über den Dächern der Kleinstadt. Einatmen und Ausatmen.

Vermeiden Blicke. Worte. Fragen. Sind wir bequem? Ich weiß nicht, sagt Uli. Es ist doch auch Winter. Ja, sage ich. Es ist ja auch Winter. Heute Nachmittag nehmen wir Josef mit. Gut, sagt Uli. Gut. Josef schläft. Ich lege ihn in sein Bett. Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Heute krampft er nicht. Nicht so. Dass wir es direkt sehen.

Gegen 14.00 Uhr ziehen wir Josef an. Ich trage ihn. Ganz dicht an meinem Körper. Uli trägt die Absauge.

Im Briefkasten ist ein Brief. Von meinem Arbeitgeber. Der Aufhebungsvertrag. Zum 20.1.2015 wird das Arbeitsverhältnis aufgehoben. Was dann, frage ich Uli. Was dann? Einatmen und Ausatmen.

Im Hort. Klara freut sich. Freut sich, dass ihr Bruder mit dabei ist. Sie kommt gleich mit. Hüpft und springt. Das ist schön. Ihr Springen und Hüpfen.

Zu Hause. Uli saugt Josef ab. Es gibt Kaffee und Kakao. Plätzchen dazu. Ich rufe bei der Bundesagentur für Arbeit an. Bekomme einen Termin für den 23.12. Einatmen und Ausatmen.

In meinem Kopf dreht es sich. Wie soll es nur werden? Können nicht arbeiten. Wovon sollen wir leben? Wie soll es gehen? Mit unserem Josef. Unserer Klara. Einatmen und Ausatmen. Vielleicht. Wenn wir umgezogen sind. Vielleicht dann?

Der Nachmittag verfliegt. Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Bekommt Medikamente. Tee. Er hat kein Fieber mehr.

Zusammen essen wir Abendbrot. Brot. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich gebe ihm seinen Abendbrei. Wir schauen Kinderfernsehen. Josef liegt auf Uli. Vater und Sohn. Atmen. Gemeinsam. Ich bringe Klara in unser Bett. Lese ihr vor. Merke, wie meine Gedanken wegschweifen. Sich in Sorgen verwandeln. Größer werden. Ich mache Klara ihr Hörspiel an. Einatmen und Ausatmen. Uli legt Josef in sein Bett. Herzfrequenz 125. Sauerstoffsättigung 93.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir gehen ins Bett. Schlafen. Sehr unruhig.

Veröffentlicht am: 19. 12. 2018