366 | Der Wecker klingelt. Es ist 6.30 Uhr.

Es gibt viele Geschenke. Für Josef. Er geht von Arm zu Arm. Er ist ganz entspannt. An seinem Geburtstag. Die Kinder spielen im Garten. Es ist kalt. Zum Aufwärmen kommen sie rein. Essen eine heiße Suppe. Kuchen. Schokopudding.

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367 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Ich fühle mich erfüllt. Es war gut, Uli. Es war gut, dass wir gefeiert haben. Dass wir an Josefs Geburtstag nicht immer nur an die Stille denken. Sondern auch an das schöne Fest. An das rauschende Fest.

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368 | Der Wecker klingelt.

Wie ein kleines gesundes Kind. Mein Josef. Wäre da nicht der Bauchschlauch. Der Monitor. Die Absauge. Die Inhalette. Die Spritzen. Der Geruch von Sterilium. Die Handschuhe. Die Sauerstofftonne. Der Therapiestuhl.

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369 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Ein tolles Bett hat der Josef, sagt sie. Sie möchte auch so eins. Ich küsse sie. Sage, das geht wohl nicht. Meine Klara. Ich mache ihr das Hörspiel an. Ich bin dankbar. Für ihren Blick. Den anderen Blick auf das Pflegebett.

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370 | Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr.

Im Hier sein, denke ich. Nicht ins letzte Jahr weggleiten. Hier bleiben, Anne. Bleib hier. Ich küsse Josef. Um mich zu vergewissern, dass wir nicht mehr im letzte Jahr sind. Josef lebt. Atmet. Allein atmet. Atmen, Josef. Das Atmen.

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371 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Wir packen Sachen zusammen. Für den Ausflug. Heute gibt es eine Fahrt mit dem Schiff. Für Familien mit Josefkindern. Wir wollen es wagen. Eine Weihnachtsschifffahrt. Gäste aus dem Kinderhospiz werden auch dort sein.

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372 | Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr.

Heute sind wir allein, sage ich. Es kommt keine Schwester. Okay, sagt Klara. Dann schläft sie schon. Wir gehen auch ins Bett. Mit Josef. Uli legt ihn in die Mitte. Josef in unserer Mitte. Welch ein Glück.

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373 | Um 0.00 Uhr klingelt der Wecker.

Wir schaffen es nicht ohne Pflegedienst. Schaffen es nicht. So gerne würden wir es ohne Pflegedienst schaffen. Schaffen es nicht. Es geht nicht. Ohne diese vielen Menschen in unserer Wohnung. Ohne sie geht es nicht.

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374 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Wir reden lange. Über Josef. Seinen Zustand. Seinen Weg. Über das Sterben. Das Leben im Sterben. Das Leben. Solange Josef lebt. Lebt er. Und wir leben. Klara lebt. Wir leben alle.

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375 | Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr.

Diese Anspannung, Uli. Hört sie auf? Diese Anspannung? Irgendwann? Im Kinderhospiz, sagt Uli. Da gibt es doch Momente. Ja, sage ich. Ja. Nur zu Hause. Nur zu Hause. Nicht. Da tragen wir die Verantwortung. Allein. So fühlt es sich an.

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376 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Dann fahren wir los. Los in die Stadt. Zur Supervision. Dort. Sortieren wir. Sortieren uns zurecht. Beschließen. Wir ziehen dorthin, wo es die beste Versorgung für Josef gibt.

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377 | Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr.

Wir reden. Reden. Und reden. Wägen ab. Wie wäre es für Klara? Ein Umzug. Eine neue Schule? Dafür wären wir immer da. Auch wenn Josef ins Kinderhospiz zieht. Für eine Weile. Die Ärzte wären schneller bei uns.

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378 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Welch eine Kraft du hast, mein Josef. Gerade spüre ich sie. Deine Kraft. Manchmal schwindet sie. Ich weiß, mein Josef. Ich weiß.

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379 | Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr.

Erwische mich. Wie meine Gedanken weggleiten. Nach Hause gleiten. Bei den anstehenden Veränderungen sind. Es sich gut anfühlt. Unser Mut, etwas verändern zu wollen.

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380 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Uli kommt dazu. Er ist immer noch sehr wütend. Sagt, du kannst ihm doch nicht einfach einen Löffel Brei in den Mund geben. Josef kann nicht schlucken. Er kann daran ersticken. Es war doch nur ein bisschen, sagt sie. Einatmen und Ausatmen.

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381 | Es ist 6.00 Uhr.

Immer aufpassen, denke ich. Wie ich was wem sage. Kontrolliert sein. Die Meta-Ebene mitdenken. Im Moment sein. Gleichzeitig aus der Situation gehen. Die Situation von außen betrachten. Innen und gleichzeitig außen sein. Geht das denn?

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382 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Josef bekommt Teig in die Hand. Mehl. Ausstechformen. Zum Fühlen. Den Kopf hat er meist zur Seite gelegt. Auf seine linke Seite. Es duftet in der ganzen Wohnung nach Plätzchen. Welch ein süßer und tröstender Duft.

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383 | Vor dem Weckerklingeln bin ich wach.

Weihnachtsgeschenke kaufen. Für Klara. Für Josef. Weihnachtsgeschenke. Uli, hätten wir das gedacht? Das wir noch ein Weihnachten haben werden mit Josef? Vielleicht?

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384 | Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr.

Es war ein ziemlicher Kampf mit Josef, sagt sie. Einatmen und Ausatmen. Dann mach Feierabend, sage ich. Überlege kurz, ihr zu sagen, dass Josef nicht mit ihr kämpft. Lasse es sein. Lass es einfach so stehen.

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385 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Klara kommt. Sie kuschelt sich an mich. Das war so schön gestern, sagt sie. Ja, sage ich. Das war schön. Sie schwärmt von den Crepes. Von dem Programm. Vom Kinderschminken. Sie sprudelt vor Glück.

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386 | Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr.

Das fühlt sich gut an, sage ich zu Uli. Es wird einen Weg geben. Bin erstaunt über meine Zuversicht. Wo die wohl herkommt? Egal, denke ich. Egal, wo sie herkommt. Sie ist da. Diese Zuversicht. Soll ruhig bleiben. Eine ganze Weile.

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387 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Vor einem Jahr atmete Josef allein. 20 Stunden schon. Jetzt atmet Josef schon ein Jahr und 20 Stunden allein. Welch ein Glück. Welch eine Kraft unser Josef hat. Welch eine unglaubliche Kraft und Liebe. Unser Josef.

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388 | Der Wecker klingelt. Es ist 6.00 Uhr.

Die Weihnachtsmusik rauscht an uns vorbei. Uli und ich. Sind nicht wirklich da. Sind ganz woanders. Wo nur, Uli? Wo? Die Weihnachtswelt so unwirklich. In diesem Jahr. Wie schon im letzten Jahr.

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389 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Es ist leer in der Agentur für Arbeit. Ein Weihnachtsbaum steht im Foyer. Ich melde mich arbeitsuchend. Lege meinen Ausweis hin. Lege den Aufhebungsvertrag vor. Bekomme einen neuen Termin. Beim Vermittler. Im neuen Jahr.

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390 | Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr.

Es tut mir leid, sagt er. Kommen sie später, sagt er auch. Uli spricht mit ihm. Zeigt auf Josef. Auf uns. Dann schiebt er uns in die Kirche. Hinten links ist noch Platz. Wir setzen uns. Mir laufen Tränen. Die ganze Zeit.

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391 | Um 7.15 Uhr werde ich wach.

Abwechselnd halten wir Josef. Legen ihn uns auf die Knie. Wechseln die nassen Tücher aus. Küsse Josef. Sind leise. Spüren nach. Spüren vor. Geht das denn? Das Vorspüren? Spüren, wie könnte es sein. Das nächste Jahr.

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392 | Es ist 6.00 Uhr. Ich bin wach.

Es klopft an der Tür. Klara und die Geschwisterkinder. Sie haben sich verkleidet. Klara als Engel. Ein Weihnachtsmann und ein zweiter Engel sind auch dabei. Sie verschenken Kekse. Sie haben für jeden Gast Kekse gebacken.

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393 | Um 7.00 Uhr bin ich wach.

Klara sagt, ich hatte Angst. Das erste Mal hatte ich Angst. Dass Josef stirbt und ihr seid nicht da. Nur ich. Ganz allein. Uns laufen Tränen. Ich sage, das tut mir leid. Wir wollten dich nicht allein lassen. Das tut mir so leid.

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394 | Es ist 6.45 Uhr. Ich bin wach.

Der erste Spaziergang im Schnee. In diesem Winter. Klara ist in sich gekehrt. Im Laufen kommen wir ins Reden. Sie sagt, ich habe mich hilflos gefühlt. So habe ich mich mit Josef noch nie gefühlt. Ich umarme sie.

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395 | Um 7.00 Uhr bin ich wach.

Über die Gefühle reden wir nicht. Die zeigen wir. Unsere Freude und Traurigkeit. Die Schwere. Das Leichte schimmert manchmal hervor. Wenn wir unsere Kinder berühren. Zärtlich über ihre Arme streifen. Sie küssen.

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