567 | Wach. Wach. Ich schalte den Wecker aus.

, Zu Hause 2

Wach. Wach. Ich schalte den Wecker aus. Es ist 6.30 Uhr. Es regnet. Die Tür klappert. Ich warte. Stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht.

Wie es dem Kind wohl geht, denke ich. Den Eltern. Geschwistern. Wo es wohl ist? Gerade. Das Kind. In meinem Kopf gibt es keine Option dafür, dass es nicht sterben wird. Dass es ein Wunder gibt. Darum geht es nicht.

Ich habe es erlebt. Dieses Kind. Es berührt. Es hat sich gezeigt. Fühlbar sein Sterben. Ein Geschenk, es erleben zu dürfen. Dieses schöne Kind. In seiner Verletzlichkeit. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Fragt. Ich sage, ich weiß es nicht. Gestern Abend brannte keine Kerze.

Uli setzt sich zu Klara. Ich gehe in Josefs Zimmer. Josef ist wach. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 95. Ich nehme ihn. Aus seinem Bett. Frage die Schwester nach der Nacht. Gegen Mitternacht war Josef sehr unruhig. Sie hat ihn extra inhaliert. Dann wurde es besser.

Das Sekret ist sehr zäh. Kein Fieber. Die Vitalwerte waren im Normbereich. Keine sichtbaren Krämpfe. Gut, sage ich. Gut. Die Schwester räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht auf.

Klara geht los. Los in die Schule. Ich winke ihr. Bis ich sie nicht mehr sehe. Josef liegt in meinem Arm. Die Schwester verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Uli kommt zu uns. Nimmt Josef in den Arm. Hält ihn. Es klingelt. Die Schwester. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Dann fahren wir los. Fragen, ob wir dürfen. Fragen um Erlaubnis. Ja, sagt sie. Wenn ihr das Telefon dabei habt. Ja. Ja. Ja. Wir fahren los. Nicht, ohne vorher im Kinderhospiz zu schauen. Ob eine Kerze brennt. Nein. Es brennt keine Kerze.

Wir sind da. Bei der Eröffnungsveranstaltung vom Oskar Sorgentelefon vom Bundesverband Kinderhospiz. Werden herzlich begrüßt. Im Mai hatten wir uns zum letzten Mal gesehen. Zu den Filmaufnahmen. In unserer Wohnung.

Es gibt Reden. Musik. Kuchen. Mein Telefon klingelt. Die Schwester. Josef, sagt sie. Hat plötzlich Fieber. Seine Atmung ist nicht gut. Wir kommen, sage ich. Kommen. Verabschieden uns. Von Sabine Kraft. Fahren los. Durch den Regen. Durch die Stadt.

Zu Hause. Josef liegt im Arm der Schwester. Seine Atmung zieht. Herzfrequenz 140. Sauerstoffsättigung 95. Ich nehme Josef. Inhaliere. Sauge ab.

Uli ruft beim SAPV-Team an. Sie kommen. Uli holt Klara ab. Vom Hort. Die Schwester verabschiedet sich. Tee. Kaffee. Kakao. Kekse. Josef in meinem Arm. Ich inhaliere ihn stündlich. Sauge ab.

Es klingelt. Das SAPV-Team. Ein Infekt. Eine Krise. Wie auch immer bezeichnen. Diese Zustände. Josef bekommt ein Antiobiotikum. Inhalieren. Wie gehabt. Wir kennen uns ja aus. Kennen Josef gut. Ja. Kennen wir dich gut, mein Josef? Gut genug? Um. Einatmen und Ausatmen.

Sie bleiben. Noch. Wir reden. Über das Sterben. Wieder über das Sterben. Weil es so nah ist. Gerade. Das Sterben. Wird es bei Josef auch so sein, wie bei dem Kind? Der Prozess des Sterbens? Wir wissen es nicht, sagt die Ärztin. Keiner weiß.

Ich weiß, sage ich. Ich weiß. Ich sammele innerlich. Um mich vorzubereiten. Geht das überhaupt? Sich auf das Sterben vorzubereiten? Wie auf eine Geburt? Einatmen und Ausatmen.

Es klingelt. Der Rehatechniker. Er bringt das Lagerungskissen „Malta“. Für Josef. Das SAPV Team verabschiedet sich. Uli packt das Kissen aus. Falsche Farbe. Uli ruft beim Hersteller an. Fragt, ob wir es umtauschen können. Ja. Das geht. Dauert aber noch mal vier Wochen. Okay, sagt Uli. Wir lassen es so.

Ich lege Josef auf das Lagerungskissen. Das Kissen passt sich Josef an. D.h. Josef bekommt keine Druckstellen. Josef, mein Josef. Er schläft sofort darauf ein.

Uli bringt Klara zur Musiktherapie ins Kinderhospiz. Kommt wieder. Sagt. Es sind viele Mensch bei dem Kind. Keine Kerze.

Josef schläft auf dem Kissen. Ich lege mich zu ihm. Uli holt Klara ab. Von der Musiktherapie. Sie kommen wieder. Sagen. Die Kerze brennt.

Josef wird wach. Ich zünde eine Kerze an. Wir sind still. Dann reden wir. Wir Vier. Über das Kind. Das Sterben. Tränen. Auch Tränen. Dann lache ich. Weil mir eine Situation einfällt. Vom Frühstück. Damals. Mit dem Kind. Es war sehr lustig. Wir haben gelacht. Das Kind auch. Es konnte lachen. Ab und an.

Ob wir es noch einmal sehen dürfen, Uli? Morgen. Vielleicht morgen. Es ist ruhig bei uns. Mit uns ruhig und still.

Zusammen essen wir Abendbrot. Ich inhaliere Josef. Sauge ihn ab. Lege ihn mir auf meine Brust. Atmen. Wir schauen Kinderfernsehen. Uli bringt Klara in unser Bett. Liest ihr vor. Sie erzählen noch lange. Er macht das Hörspiel an.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 110. Sauerstoffsättigung 96. Wir gehen ins Bett. Schlafen. Irgendwann.

Veröffentlicht am: 19. 06. 2019


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