Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Ich stehe auf. Bin ganz benommen. Fast taumelig. Ich gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe ins Wohnzimmer. Die Schwester inhaliert Josef.

Neben seinem Bett steht die Sauerstofftonne. Ich bin verwirrt. Josef schläft. Ganz friedlich liegt er in seinem Bett und schläft. Herzfrequenz 132. Sauerstoffsättigung 90.

Ich frage die Schwester nach der Nacht. Und was es mit der Sauerstofftonne auf sich hat. Was los ist.

Sie sagt, Josef hat durchgeschlafen. Sein Körpertonus war sehr schlapp. Seine Sauerstoffsättigung war sehr gering. Sie wollte ihn nicht wecken und so oft umlagern. Deshalb hat sie ihm Sauerstoff gegeben. Einatmen und Ausatmen. Einatmen und Ausatmen.

Ich sage, wir hatten doch gestern besprochen, warum er kein Sauerstoff bekommen soll. Die Ärztin hatte doch klare Anweisungen gegeben. Die Tagschwester hat es für alle verbindlich aufgeschrieben.

Josef muss doch das Atmen üben. Die Sauerstoffgabe führt in seinem Zustand dazu, dass er noch weniger atmet. Noch weniger. Noch weniger. Noch weniger. Ich frage sie, ab wann sie Sauerstoff gegeben hat. Ab 23.30 Uhr, sagt sie. Bis jetzt. Gerade hat sie den Sauerstoff ausgemacht.

Ich bin wütend. Sage, das war nicht abgesprochen. Wecke uns das nächste Mal, wenn du unsicher bist. Wecke uns.

Klara kommt. Ich gehe mit Klara in die Küche. Setzte Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch.

In mir brodelt es. Warum? Ist es die Angst? Warum hat sie Josef nicht umgelagert? Nicht gedehnt? Warum? Warum so? Entgegen der Absprachen. Gelten unsere Worte nicht? Die Worte der Palliativärztin? Ist ihr Josef egal? Geht es nur darum, den Dienst irgendwie zu schaffen? Über die Runden zu kommen?

Ich habe das Gefühl, mein Kopf platzt. Klara isst ihre Cornflakes. Ich streichele ihr über den Kopf. Küsse sie. Meine kleine große Klara. Uli kommt zu uns. Ich gehe ins Wohnzimmer. Die Schwester spült die Inhalette aus. Josef schläft.

Ich nehme Josef aus seinem Bett. Lege ihn auf meine Knie. Mit dem Kopf nach unten. Nehme seinen Arm nach vorn. Dehne seine Seiten. Damit er besser atmen kann. Die Schwester verabschiedet sich. Schlaf gut, sage ich. Sie antwortet nicht.

Klara geht los. Los in die Schule. Uli winkt ihr nach. Bis er sie nicht mehr sieht. Josef schläft. Seine Atmung klingt schwer. Nicht brodelig. Er ist schlapp, mein Josef. Mir laufen Tränen. Vor Wut. Laufen mir die Tränen.

Ich ziehe Josef vorsichtig um. Packe Quarkwickel auf seine Brust. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Er gibt mir Josef. Ich lagere ihn auf meinen Knien. Bewege ihn hin und her. Strecke seine Arme. Streiche mit meinen Händen über seine Rippenbögen. Versuche, das Sekret in Bewegung zu bekommen.

Um 9.00 Uhr klingelt es. Die liebe Physiotherapeutin. Ich bin froh um sie. Sehr froh. Ich erzähle ihr von der Nacht. Dass die Schwester Josef nicht umgelagert hat. Entgegen unserer Absprache Sauerstoff gegeben hat. In mir sprudelt es heraus.

Dann legt die Physiotherapeutin ihre Hände auf Josefs Brust. Wir sind ganz ruhig. Bei Josef. Bei Josef sein, das ist wichtig. Bei Josef sein, denke ich. Fühle ich. Nicht bei der Schwester. Sondern bei Josef sein. Die liebe Physiotherapeutin bewegt Josef. Bewegt mich.

Josef wird wach. Seine Atmung wird kräftiger. Könnte er husten, würde er. Kann er nicht. Braucht unsere Hilfe, mein Josef. Das Sekret fließt langsam. Zäh und langsam. Es fließt, denke ich. Es fließt. Zum Glück. Die Physiotherapeutin verabschiedet sich. Wir umarmen uns. Sind erleichtert. Etwas. Das Sekret fließt.

Ich gebe Josef vorsichtig seinen Morgenbrei. Inhaliere ihn. Sauge ihn ab.

Um 10.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Josef schläft ein. Liegt auf meinen Knien. Herzfrequenz 111. Sauerstoffsättigung 92. Josef, mein Josef. Wird inhaliert. Abgesaugt. Gelagert. Inhaliert. Abgesaugt gelagert. Quarkwickel werden neun gemacht.

Uli ruft beim SAPV-Team an. Sagt, das Sekret fließt besser. Heute Nacht wurde Josef nicht gelagert. Bekam gegen unsere Absprache Sauerstoff. Mit der Schwester haben wir gesprochen.

Jetzt in diesem Moment scheint es Josef besser zu gehen. Das Sekret fließt wieder. Etwas. Zäh. Es fließt. Gut, sagt die Schwester. Wir telefonieren. Ja, sagt Uli. Ja, das machen wir. Josef schläft. Schläft. Seine Werte sind etwas besser. Die Schwester hat Josef auf ihren Knien liegen. Dehnt seine Seiten.

Ich rufe die Pflegedienstleitung an. Berichte von Josef. Seinem Zustand. Meinem Eindruck, dass es schwierig ist. Für die Schwestern. Was wir tun können? Sie wird mit den Schwestern sprechen, sagt sie. Gut, sage ich. Gut.

Ich hole Klara ab. Aus dem Hort. Sie kommt gleich mit. Hüpft und springt. Sie sieht glücklich aus. Hat zum Glück nicht so viel mitbekommen von unserer Sorge. Denke ich. Hoffe ich.

Zu Hause. Gibt es Kakao und Kaffee. Josef schläft. Sein Körpertonus ist dabei nicht mehr so schlapp. Vielleicht wird es besser. Die Schwester verabschiedet sich. Wir essen Abendbrot. Brot. Ich inhaliere Josef. Sauge ihn ab. Wir schauen Kinderfernsehen.

Uli bringt Klara ins Bett. In unser Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 126. Sauerstoffsättigung 94.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir erklären ihr. Lagern. Inhalieren. Sauerstoff nur im Notfall. Im Notfall uns wecken. Bitte wecken. Ja, sagt sie. Ich weiß, sie meint es auch so. Wir gehen ins Bett. Schlafen.