417 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Aus dem Wohnzimmer höre ich die Inhalette. Alles nach Plan, denke ich. Alles nach Plan. Ich wasche mich.

Gehe ins Wohnzimmer. Josef, mein Josef schläft. Herzfrequenz 125. Sauerstoffsättigung 98. Die Schwester steht an seinem Bett. Streichelt seinen Arm. Das ist schön.

Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt. Ich küsse sie. Unser Ritual. Heimliche Küsse auf ihrem Kopf. Sie setzt sich auf den Stuhl. Frühstückt. Uli kommt. Setzt sich zu ihr.

Ich gehe ins Wohnzimmer. Frage die Schwester nach der Nacht. Josef schlief durch, sagt sie. Die Vitalwerte waren gut. Kein Fieber. Keine Krämpfe. Seine Atmung rasselt etwas. Sie hat ihn extra inhaliert. Gut, sage ich. Gut. Ich streichele seine schönen Locken. Küsse ihn. Meinen Josef. Die Schwester spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Klara geht los. Los in die Schule. Uli winkt ihr nach. Bis er sie nicht mehr sieht.

Josef wird langsam wach. Ich inhaliere ihn. Sauge ihn vorsichtig ab. Nehme ihn in meinen Arm. Spüre seine Wärme. Seine Josefwärme. Küsse ihn. Immer wieder. Dann nimmt Uli Josef.

Ich ziehe mich um. Hab einen Termin. Bei meiner Arbeitsvermittlerin. Ich fahre zum Bahnhof. Mit dem Rad. Dann mit dem Zug. Laufe durch die kleine Stadt. Bin angespannt. Aufgeregt. Was soll ich denn sagen? Die Wahrheit?

Ich komme gleich ran. Sitze vor ihr. Ich schiebe ihr das Schreiben von dem Sozialarbeiter des Kinderhospizes zu. Dort steht. Ich kann nur im unmittelbaren Umfeld arbeiten. Weil mein Kind palliativ krank ist. Sterben kann. Jederzeit.

Die Frau liest. Schaut mich an. Sagt, es tut mir leid. Ich sage, mein Sohn. Ich kann nicht weit fahren. Muss doch schnell zu Hause sein, wenn was ist. Ich verstehe, sagt sie. Sie tippt etwas in den Rechner. Sagt, machen sie ruhig. Ich melde mich bei ihnen. In drei Monaten. Gut, sage ich. Danke, sage ich. Stehe wieder vor der Tür. Einatmen und Ausatmen.

Wir wissen doch beide, dass ich nicht arbeiten kann. Denke ich. Das wissen wir doch. Ich gehe zum Bahnhof. Durch die kleine Stadt. Warte auf den Zug. Fahre nach Hause.

Josef ist wach. Herzfrequenz 140. Sauerstoffsättigung 95. Ich nehme ihn in meinen Arm. Halte ihn. Küsse ihn. Uli räumt in der Wohnung. Ich gebe Josef der Schwester. Ziehe mich um. Räume mit.

Um 13.00 Uhr klingelt es. Das Umzugsunternehmen. Sie bringen Kisten. Schauen sich an, was zu tun ist. Wir bezahlen einen Vorschuss. Am 9. Februar soll der Umzug sein. Um 10.00 Uhr werden sie da sein. Gut, sagt Uli. Gut. Wir falten die Kartons. Fangen an. Dinge einzupacken.

Um 15.00 Uhr gehen wir los. Los in den Hort. Zu Klara. Sie kommt gleich mit. Hüpft und springt.

Zu Hause. Gibt es Tee und Kaffee. Kakao für Klara. Sie zieht sich zurück. In ihr Zimmer. Möchte noch nicht packen. Mein Zimmer zum Schluss, sagt sie. Gut, sage ich. Gut. Setze mich zu ihr. In ihr Zimmer. Sie malt. Hört ein Hörspiel. Reden möchte sie nicht. Ich küsse sie. Auf ihren Kopf. Lasse sie malen.

Josef schläft. Die Schwester sitzt bei ihm. Wir reden. Sie sagt, sie ist traurig. Hat sich an Josef und uns gewöhnt. Kann uns aber verstehen. Dann komm doch mit, sage ich. Nein, sagt sie. Es ist mit zu weit weg. Das verstehe ich, sage ich. Dann lachen wir. Ein wenig. Um 18.00 Uhr verabschiedet sich die Schwester.

Josef, mein Josef schläft. Ich sitze bei ihm. Streichele seine Locken. Küsse ihn. er stöhnt etwas. Im Schlaf. Manchmal macht er das. Das Stöhnen. Es ist schön, seine Stimme zu hören. Seine zarte Stimme. Sonst hören wir sie nicht. Nur wenn er schläft. Stöhnt er manchmal. Ganz selten.

Uli bereitet das Abendbrot vor. Nudeln gibt es. Nudeln mit Pesto. Josef schläft. Wir lassen ihn in seinem Bett. Haben die Türen offen. Damit wir hören, wenn was ist.

Dann wird Josef wach. Uli inhaliert ihn. Saugt ihn ab. Ich halte ihn. Ziehe ihn um. Gebe ihm seinen Brei. Medikamente. Tee. Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Josef liegt auf mir.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef vorsichtig in sein. Bett. Herzfrequenz 136. Sauerstoffsättigung 94. Ich bleibe bei ihm. Bis er eingeschlafen ist. Dann gehe ich ins Bett. Schlafe. Irgendwann.

Veröffentlicht am: 20. 01. 2019