452 | Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr.

, Zu Hause 2

Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr. Ich habe unruhig geschlafen. Habe immer mal wieder gelauscht. Nur die Türen klappern hören. Ich habe keinen Josef gehört. Keine Absauge. Keine Inhalette. Nichts.

Wie ruhig wir es hier haben. Ganz abgeschieden. Von Josef. Von der Schwester. In der Nacht. Das wollten wir ja so. Wollten wir doch so. In der Nacht. Den Schlaf brauchen wir doch. Oder?

Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Auf dem Schulhof sehe ich die ersten Kinder.

Ich gehe in Josefs Zimmer. Die Tür knarrt. Die Schwester hat Josef im Arm. Sitzt mit meinem Josef auf dem Sofa und hält ihn. Ganz liebevoll. Das ist schön. Sie hat keine Angst vor Josef. Das spüre ich. Ich frage sie nach der Nacht. Josef hat durchgeschlafen, sagt sie. Das Sekret ist sehr zäh. Die Vitalwerte waren im Normbereich. Kein Fieber. Keine Krämpfe. Gut, sage ich. Gut.

Dann nehme ich Josef. Die Schwester. Sagt zu Josef, jetzt kommst du zu deiner Mama. Ganz selbstverständlich sagt sie das. Nicht, um mir zu gefallen. Einfach so. Das ist schön. Sie spült die Inhalette aus. Die Absaugbehälter. Tauscht die Spritzen aus. Zieht die Medikamente für 8.00 Uhr auf. Dann verabschiedet sie sich. Bis heute Abend.

Klara frühstückt. Uli sitzt bei ihr. Josef und ich kommen dazu. Klara geht los. Los in die Schule. Wir winken ihr aus Josefs Zimmer. Um 8.00 Uhr klingelt es. Zwei Schwestern. Einatmen und Ausatmen.

Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Beide Schwestern stehen dabei. Ich zeige ihnen die PEG. Alles gut. Dann erkläre ich noch einmal. Warum ich Josef umziehen möchte. Warum es mir wichtig ist. Es nicht bedeutet, dass ich ihnen das nicht zutraue. Ja, sagt die eine Schwester. Ist gut, die andere Schwester.

Ich küsse Josef. Mir ist es unangenehm. Soviel Initimität preiszugeben. Ich werde das Gefühl von Beobachtet-werden nicht los. Es klebt an mir. Ich gebe Josef der einen Schwester. Ziehe mich zurück. Lasse sie mit meinem Josef in seinem Zimmer allein. Habe das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Kein Platz gerade für mich im Zimmer von Josef.

Uli und ich. Gehen einkaufen. Laufen. Etwas. Kommen in Bewegung. Sind still. Erst. Reden. Dann. Uli sagt, er möchte wieder arbeiten. Es probieren. Ab März. Gut, sage ich. Gut. Vielleicht geht es. Der Frühdienst geht spätestens um 16.00 Uhr. Manchmal schon um 15.30 Uhr.

Josef, sage ich. Josef übernehme ich dann. Bin allein mit den Kindern am Nachmittag. Es wird schon gehen, sage ich. Wird schon gehen. Irgendwie. Mit Josef und Klara. Solange Josef keinen Infekt hat. Keine Krise. Stabil ist.

Ich verschließe meine Augen. Innerlich. Vor der Realität. Und wünsche es mir doch so sehr. Dass Josef stabil ist. Dass Uli arbeiten kann. Ich. Vielleicht auch. Es sich irgendwie. Wie auch immer. Normalisiert. Das wäre so schön. Ein Hauch von einem normalen Leben. Wir sind zu weit weg, denke ich. Von dem normalen Leben. Probieren es. Trotzdem. Uli. Wir probieren es. Ja, sagt Uli. Ja.

Zu Hause. Josef ist wach. Eine Schwester hat Josef auf ihre Knie gelegt. So wie ich ihr es gezeigt habe. Darüber freue ich mich. Die Physiotherapeutin war da, sagen sie. Tee und Medikamente hat Josef gut vertragen. Geschlafen hat er auch. Ich nehme Josef. Die Schwestern verabschieden sich.

Dann ziehen wir Josef an. Uli trägt die Absauge runter. Ich trage Josef. Im Tragetuch. Wir holen Klara ab. Von ihrer Freundin. Trauen uns mit Josef. Wir kommen an. Werden rein gebeten. Erzählen.

Die Eltern sind freundlich. Zugewandt. Dann bei sich. Dennoch tut es gut. Zu hören von anderen Kindern. Von anderen Josefkindern. Die sie in ihrer Familie hatten. Das Kind starb vor langer Zeit. Doch. Sie erinnern sich gut.

Wir verabschieden uns. Laufen nach Hause. Die Sonne geht unter. Es ist frühlingshaft heute. Fast Frühling. Klara hüpft und springt. Das erste Mal seit unserem Umzug. Ich freue mich.

Zu Hause. Uli deckt den Abendbrottisch. Essen. Ich gebe Josef seinen Brei. Dann lässt Uli die Wanne ein. Ich ziehe Josef aus. Klara und Josef baden. Klara hat ihre Taucherbrille auf. Ich nehme Josef aus der Wanne. Trockne ihn ab. Küsse meinen Josef. Öle ihn ein. Ziehe Josef an. Lege ihn mir auf meine Brust.

Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Josef, mein Josef. Schläft auf meiner Brust ein. Ich küsse immer wieder seinen Kopf. Halte seine Hände. Er ist ganz entspannt.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 115. Sauerstoffsättigung 95. Wir erzählen. Vom Tag. Dann gehen wir ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 24. 02. 2019


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