Ich bin wach. Vor dem Weckerklingeln.

Die Sonne scheint. Aus dem Wohnzimmer höre ich nichts. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe ins Wohnzimmer. Josef wird gerade wach. Die Schwester nimmt ihn aus dem Bett. Sie ist liebevoll mit ihm. Das ist schön und befremdlich zugleich.

Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Einatmen und Ausatmen. Ich gehe wieder ins Wohnzimmer. Die Schwester hält Josef im Arm. Er ist ganz ruhig. Seine Augen sind halb geöffnet. Ich nehme Josef. Küsse ihn, meinen Josef. Frage die Schwester nach der Nacht.

Sie sagt, Josef schlief nach der Chloralhydrathgabe gut. Seine Vitalwerte sind stabil. Temperatur 37,2. Das Sekret ist weißlich. Er brauchte keinen Sauerstoff mehr. Gut, sage ich. Gut. Das ist gut. Ja, sagt sie. Es geht ihm besser. Nur die Krämpfe sind mehr geworden. Ja, sage ich. Das stimmt. Die Schwester spült die Inhalette aus. Wir verabschieden uns. Schlaf gut, sage ich.

Danke, sage ich auch. Sie war meine Verbündete die letzten Nächte. Merkwürdig, wie sich die Beziehung wandelt. Ich ihr vertraue. Ich ihr die letzten Nächte vertraut habe.

Uli kommt ins Wohnzimmer. Aus dem Schlafzimmer höre ich den Fernseher. Klara schaut Kinderfernsehen. Es ist ja Wochenende. Wir trinken Kaffee im Wohnzimmer. Josef lege ich auf meine Knie. Mit dem Kopf nach unten. So kann das Sekret ablaufen. Ich fühle etwas Erleichterung. Gleichzeitig bin ich angespannt. Sage zu Uli, wenn wir das mit den Krämpfen hinbekommen. Sie weniger werden. Vielleicht stabilisiert sich Josef. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Wir wissen es nicht, sagt Uli. Heute ist Heute, sagt er auch. Ja, sage ich. Heute ist Heute. Manchmal so schwer auszuhalten das Heute. Josef schläft ein. Schlaf mein Josef. Schlaf. Ich drehe ihn vorsichtig um. Lege ihn in sein Bett. Er schläft weiter. Noch so müde von dem Medikament. Wir frühstücken. Klara im Schlafanzug. Es ist ja Sonntag.

Josef wird wach. Bewegt wieder seinen Kopf und seinen Rumpf. Es läuft viel Sekret. Ich nehme ihn aus seinem Bett. Küsse ihn. Lege ihn auf meine Knie. Sammele seine Arme und Beine ein. Wie ein Kugel liegt er auf meinen Knien. Dann hört es auf. Josef entspannt sich. Was ist das nur, mein Josef? Was passiert in deinem Kopf? Tut es dir weh? Was fühlst du, mein Bär? Wie können wir die Krämpfe verhindern? Können wir sie verhindern?

Alle die Fragen kreisen in meinem Kopf. Diese Krämpfe. Diese Krämpfe. So machtlos fühle ich mich. Kann immer nur reagieren. Immer nur reagieren. Ich sauge Josef ab. Auf das Inhalieren verzichte ich. Es läuft eh schon so viel Sekret. Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Sitze mit ihm im Wohnzimmer. Auf dem Sofa. Uli öffnet die Terrassentür. Lässt den Sommer rein. Es ist ja Sommer.

Mein Josef ist nun fast 8 Monate alt. Klara in diesem Alter. Was hat sie gemacht? Gedreht hat sie sich. Gelacht hat sie. Stopp. Stopp. Es tut weh. Ich küsse Josef. Du musst nichts müssen, mein Josef.

Das Telefon klingelt. Die Palliativärztin. Fragt, wie es Josef geht. Uli sagt, besser. Die Atmung ist stabil. Kein Fieber. In der Nacht hat Josef länger gekrampft. Heute morgen kurz, sagt Uli. Die Ärztin sagt, wir sollen die Erhöhung des Krampfmedikamentes vorziehen. Machen wir, sagt Uli. Morgen kommt sie zum Hausbesuch. Gut, sagt Uli. Wir freuen uns. Dann legt er auf.

Wir ziehen uns an. Wollen raus. Eine kleine Runde laufen. Die Decke. Sie fällt sonst. Auf unsere Köpfe. Heute nehmen wir den Kinderwagen. Die Absauge verstauen wir im Kinderwagenkorb. Josef schläft. Es ist schön, wie er im Kinderwagen liegt und schläft. Uli schiebt den Wagen. Meine Augen sind auf Josef gerichtet. Klara fährt mit ihrem Roller. Wir gehen heute durch den Park. Wollen dann Eis essen. Beim Eismann treffen wir eine Bekannte von uns. Mit ihrer Mutter. Es ist schön sie zu sehen. Sie ist herzlich.

Dann beugt sich ihre Mutter über den Kinderwagen. Ihr schießen Tränen in die Augen. Sie sagt: Das wünscht man noch nicht mal seinem ärgsten Feind. Ich bin sprachlos. Keine Worte. Wir sind dran. Zum Glück sind wir dran. Klara Vanille. Ich nichts. Uli nichts. Wir verabschieden uns. Schnell nach Hause. Nur schnell nach Hause.

Mir laufen Tränen. In meinem Kopf die Worte: Das wünscht man noch nicht mal seinem ärgsten Feind. Das wünscht man noch nicht mal seinem ärgsten Feind. Das wünscht man noch nicht mal seinem ärgsten Feind. In mir steigt Wut auf. Wut. Darauf. Was sich die Menschen erlauben. Grenzen überschreiten. Sich Urteile erlauben. Sie uns entgegen schleudern. Einfach so. Bin wütend darauf, dass ich sprachlos war. Nichts sagen konnte. Sich mir alles zugeschnürt hat.

Ich halte Josef. Küsse ihn. Sage, es tut mir leid, mein Bär. Es tut mir leid. Wir essen Abendbrot. Brot. Josef, mein Josef bekommt seinen Abendbrei. Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Josef liegt auf mir. Ganz entspannt. Wir atmen zusammen. Beruhigen uns. Josef beruhigt mich.

Ich schäme mich. Dafür, dass ich nicht schlagfertig war. Nicht zum Gegenschlag bereit war. Nicht damit gerechnet habe. Nicht gesagt habe, was willst du mir damit sagen? Was erlaubst du dir zu urteilen? Ich nichts sagen konnte. Sie es bestimmt nicht so gemeint hat. Wie hat sie es denn gemeint? Mir laufen Tränen. Wuttränen.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege den schlafenden Josef in sein Bett. Wir besprechen mit der Schwester die Medikamentenerhöhung. Gehen ins Bett. Gegen 3.00 Uhr werde ich wach. Im Wohnzimmer ist es ruhig. Ich schlafe wieder ein.