213 | Ich bin wach. Ich schalte den Wecker aus.

Ich gehe wieder ins Wohnzimmer. Frage die Schwester nach der Nacht. Sie sagt, Josef war sehr unruhig. Die Vitalwerte schwankten sehr. Ab 4.00 Uhr brauchte Josef kein Sauerstoff mehr. Nun schläft er.

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214 | Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker.

Wir hatten es uns vorgenommen. Zusammen mit Josef Pizza essen gehen. Wie schön das wäre, dachten wir. Für uns. Vielleicht wäre es für uns schön. Für Josef wahrscheinlich nicht.

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215 | Der Wecker klingelt um 5.30 Uhr.

Urlaub. So fremd der Gedanke an Urlaub. Vielleicht gehen wir für ein paar Tage ins Kinderhospiz. Urlaub. Im Kinderhospiz. Mit Josef. Wir wissen es nicht, sage ich. Wissen einfach nicht. Wie dieser Sommer sein wird. Können nicht planen.

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216 | Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker.

Plötzlich stehen ihr Tränen in den Augen. Sie sagt, so etwas Schlimmes habe ich noch nie gesehen. In mir steht alles still. Ihr laufen die Tränen. Am liebsten würde ich schreien. Laut schreien. Josef ist mein Kind. Er ist nichts „Schlimmes“.

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217 | Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker.

Zusammen sitzen wir auf der Terrasse. Haben eine Schüssel mit kaltem Wasser. Für die heißen Füße. Ich halte Josefs Füße ins Wasser. Er reagiert nicht. Du musst nicht Josef. Du musst gar nichts. Ich halte ihn. Küsse ihn.

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218 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Es gehört ja dazu. Zu unserem Leben mit Josef. Das Inhalieren. Das Absaugen. Medikamente geben. Nahrung durch den Nasenschlauch. Das gehört dazu. Zu unserem Leben mit Josef.

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219 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Bekannte. Kommen in unsere Wohnung. Wollten mal schauen. Uli bietet Getränke an. Dann sagt der Bekannte: Wäre es nicht besser, Josef wäre tot. Das ist doch kein Leben. Für Josef und uns. Mir schnürt es den Hals zu. Sage, nein, es wäre nicht besser.

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220 | Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker.

Ich rufe beim SAPV-Team an. Erzähle von den Übergriffen. Dass wir nicht wissen, was wir tun sollen. Wenn die Schwester nicht mehr kommt, können wir nicht mehr zu Hause bleiben. Müssen woandershin. Wo sollen wir denn hin?

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221 | Der Wecker klingelt. Um 5.30 Uhr.

Dann sagt die Osteopathin, ich spüre so viel Leben in Josef. In Josef ist so viel Leben. Mir laufen Tränen. Weil es so schön ist. In Josef ist so viel Leben. Wir vereinbaren einen neuen Termin.

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222 | Der Wecker klingelt um 5.30 Uhr.

Klara schläft ein. Ich bleibe noch liegen. Bei ihr. Dann stehe ich auf. Mache kein Hörspiel an. Josef liegt auf Uli. Ganz entspannt. Sohn und Vater. Bauch an Bauch. Wie schön.

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223 | Der Wecker klingelt um 5.30 Uhr.

Liebste Klara, wir sind stolz auf dich. Nun sind Ferien. Deine erste Sommerferien. Wie werden sie sein? Wir wissen es nicht. Können nicht planen. Nichts planen.

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224 | Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker.

Ich sitze mit Klara in der Küche. Josef in meinem Arm. Es ist schön. Fühlt sich für einen Moment ganz normal an. Ganz normal. Wäre da nicht die Nasensonde. Wäre da nicht. Wäre da nicht. Ist aber nicht.

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225 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Im Zug. Es sind wenig Menschen im Zug. Ich bin froh darum. Schaue aus dem Fenster. Sehe die Welt an mir vorbeifliegen. Da fliegt sie. Die Welt. An mir vorbei. Als hättte sie nichts mehr mit mir zu tun. Diese Welt.

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226 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Wir gehen noch ein Eis essen. Klara Vanille. Uli Erdbeere. Ich Schoko. Dann fahren wir nach Hause. Wir allein im Auto. Nur wir drei. Es fühlt sich merkwürdig an. Ohne Josef.

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227 | Der Wecker klingelt um 5.30 Uhr.

Josef ist eingeschlafen. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 133. Sauerstoffsättigung 93.

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228 | Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker.

Deshalb habe ich keinen Appetit, denke ich. Deshalb. Weil ich so satt bin. Von den vielen Menschen in unserer Wohnung.

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229 | Der Wecker klingelt um 5.30 Uhr.

Um 13.00 Uhr klingelt ihr Telefon. Der Arzt, sagt die Schwester. Sie wird blass. Noch blasser. Sie legt auf. Sagt, es ist nicht gut. Soll ins Krankenhaus. Sofort. Sie ruft ihren Mann an. Er soll sie abholen. Sofort. Ich halte Josef.

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230 | Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker.

Aus Klaras Zimmer höre ich es laut lachen. Es ist schön. So schön. Vielleicht ist es nicht so schlimm, denke ich. Dass es anders ist mit Klara, als ich mir gewünscht habe. Das sie schneller größer wird.

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231 | Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker.

Heute erzählen wir. Die Schwester und ich. Sie erzählt von ihrem Kummer. Von Krankheiten in der Familie. Dann sagt sie, sie fühlt sich wohl bei uns. Darüber freue ich mich. Denke dann. Denke dann und schäme mich, es zu denken.

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232 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Josefs Augen sind halb geöffnet. Ich sehe die Augen wandern. Von links nach rechts. Dann bleiben sie rechts. Als würde er aus dem rechten Augenwinkel schauen. Gleichzeitig wirken seine Augen, als würde er nach Innen schauen.

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233 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Sind das Krämpfe? Die SAPV-Schwester sagt, es kann sein. Vielleicht fiebert Josef zentral. Wir sollen ihn beobachten, den Josef. Mehr Flüssigkeit geben. Weniger Nahrung. Nochmal telefonieren. Wir können immer anrufen, wenn wir uns unsicher sind.

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234 | Der Wecker klingelt um 5.30 Uhr.

Josef liegt auf meiner Brust. Einatmen und Ausatmen. Wir entspannen uns. Mir laufen Tränen. So weit weg ist Josef. Ich habe das Gefühl, er entfernt sich, mein Josef. Wo bist du nur?

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235 | Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker.

Die Schwester hält Josef im Arm. Er krampft wieder. Ich gebe ihm ein Notfallmedikament. Dann hört es auf. Das Zucken. Ich nehme meinen Josef. Halte ihn. Küsse ihn. Josef, mein Josef.

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236 | Der Wecker klingelt um 5.30 Uhr.

Halte ihn. Spreche mit ihm. Über das Leben. Unser Leben. Darüber, dass ich ihn so sehr liebe. Ihn bewundere. Mir laufen die Tränen. Ich lache auch. Genieße die Zwiesprache mit meinem Sohn. Fühle mich stark mit ihm.

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237 | Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker.

Wir sprechen lang. Über Josef. Über uns. Darüber, dass es nicht besser werden wird. Mit Josef. Das die Krisen zu Josef gehören. Wir es aushalten müssen. Irgendwie. Das Aushalten.

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238 | Es klopft an der Tür. Mein Herz schlägt bis zum Hals.

Zum Abschied umarmen wir uns. Sie sagt, bis nächste Woche. Es klingt fast wie ein Versprechen. Ein Versprechen, dass Josef nächste Woche noch lebt.

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239 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

Vor zwei Tagen dachte ich, Josef stirbt. Jetzt ist er wieder stabil. Es kippt immer so schnell, sage ich zu Uli. Von einem Moment auf den anderen. Plötzlich geht es Josef schlecht. Dann wieder besser. So schnell. Werden wir uns daran gewöhnen?

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240 | Ich bin wach. Vor dem Weckerklingeln.

Beim Eismann treffen wir eine Bekannte von uns. Mit ihrer Mutter. Es ist schön sie zu sehen. Sie ist herzlich. Dann beugt sich ihre Mutter über den Kinderwagen. Ihr schießen Tränen in die Augen. Sie sagt: Das wünscht man noch nicht mal seinem ärgsten Feind.

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241 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Sie öffnet die Fenster. Sagt, der Sommer. Anne, kannst du ihn spüren, den Sommer? Ich weiß nicht, sage ich. Ich weiß es nicht, ob ich ihn spüre. Den Sommer.

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242 | Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr.

Die Schwester hält Josef im Arm. Er nickt mit dem Kopf nach vorn. Auch mit dem Rumpf. Ich zeige der Schwester, was sie tun soll. Josef auf die Knie legen. Ihn einkugeln. Mit dem Daumen auf die Stirn drücken und an einer Stelle unter der Nase.

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