Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Ich pumpe Milch ab. Stehe ganz leise auf. Klara und Uli schlafen noch. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe ins Wohnzimmer. Josef ist wach. Liegt im Arm der Schwester. Sie inhaliert ihn gerade. Herzfrequenz 145. Sauerstoffsättigung 94.

Ich gehe in die Küche. Stelle die leeren Milchflaschen in den Geschirrspüler und die vollen in den Kühlschrank. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee.

Gehe ins Wohnzimmer. Frage nach der Nacht. Er hat gut geschlafen, sagt sie. Bis auf ein paar unruhige Phasen. Gegen 23.00 Uhr hat Josef gezuckt. Sie hat es ins Krampfprotokoll geschrieben. Gut, sage ich. Dann weiß ich Bescheid. Ich nehme Josef. Küsse ihn. Die Schwester spült die Inhalette aus. Uli kommt zu uns. Ich gebe ihm Josef.

Ich packe meine Sachen zusammen. Für mein Seminar. Die Milchpumpe, Flaschen, Tee, Unterlagen und einen Apfel. Ich fühle mich dumpf heute. Irgendwie dumpf. Die Schwester verabschiedet sich. Aus dem Schlafzimmer höre ich den Fernseher. Ich gehe zu Klara. Küsse sie. Sage, hab einen schönen Tag. Ja, sagt sie. Schaut weiter fern. Ist ganz versunken in die Welt von Bibi und Tina. Ich gehe zu Uli und Josef. Frage Uli, ob es okay ist. Das ich jetzt fahre. Ja, sagt er. Fahr los. Sonst kommst du zu spät.

Dann gehe ich los. Mit dem Fahrrad fahre ich zum Bahnhof. Schaffe den Zug. Gerade noch. Sitze ganz dumpf im Zug. Nehme die Welt um mich nicht wirklich war. Im Seminar. Heute sind wir eine kleine Gruppe. Selbsterfahrung. Erst mag ich mich nicht öffnen. Zuviel immerzu. Das Öffnen und Abgrenzen. Möchte mich schützen. Für mich sein. Irgendwann geht es doch. Ganz leise. Und zaghaft. Spüre, ich kann mich einlassen. Ein geschützter Ort.

In der Mittagspause rufe ich Uli an. Frage, alles gut? Ja, sagt er. Josef ist entspannt. Er hat geschlafen. Gleich kommt ja die Schwester zur Unterstützung. Gut, sage ich gut. Frage, ob er mich abholen kann. Mit dem Auto. Nachher. Ob das geht? Mag nicht mit dem Zug fahren. Dem Zug mit den vielen Menschen. Ja, sagt Uli. Das mache ich. Der Nachmittag ist intensiv. Er verfliegt. Der Nachmittag.

Um 17.00 Uhr holen Uli und Klara mich ab. Mit dem Auto. Wir zu dritt in unserem Auto. Ohne Josef. Ohne Schwester. Ohne die Absauge. Josef ist zu Hause. Mit der Schwester. Es fühlt sich merkwürdig an. Er fehlt. Der Josef. Dann ist es auch gut. Allein zu sein. Ohne eine Schwester. Kurz sprechen zu können. Ohne von jemand anderen gehört zu werden. Ganz geschützt. Erzähle ich Uli. Wie es für mich war. Heute. In dem Seminar. Das es gut war. Für mich. Das ich etwas mitgenommen habe. Bestärkt wurde.

Dann sind wir da. Josef liegt im Arm der Schwester. So wie ich es ihr gezeigt habe. Josef schlummert. Seine Augen fallen immer wieder zu. Ich nehme ihn. Küsse ihn. Halte ihn in meinem Arm. Ich frage, wie es war. Sie sagt, ich war mit Josef auf der Terrasse. Er hat es sehr genossen. Es war viel Sekret abzusaugen. Es ist etwas gelblich. Das Sekret. Sie bereitet die Inhalette vor. Ich gebe ihr Josef zum Inhalieren. Ziehe mich um. Bereite das Abendbrot vor. Brot gibt es. Und die übrig gebliebenen Bouletten. Dann nehme ich Josef. Die Schwester verabschiedet sich. Bis morgen.

Zusammen essen wir Abendbrot. Ich gebe Josef die Abendmilch. Ganz vorsichtig lasse ich die Milch durch den Nasenschlauch fließen. Achte auf die Luftblasen. Bloß keine Luftblasen einschließen. Dann schauen wir zusammen Kinderfernsehen. Uli bringt Klara in unser Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an.

Josef liegt auf mir. Wir atmen zusammen. Einatmen und Ausatmen. Mit jedem Atemzug entspannt er sich. Mein Josef. Ich mich auch. Meine Gedanken fliegen. Die Dumpfheit von heute morgen ist weg. Hat sich aufgelöst.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef schlafend in sein Bett. Herzfrequenz 126. Sauerstoffsättigung 95. Um 3.00 Uhr pumpe ich Milch ab. Gehe ins Wohnzimmer. Josef schläft. Alles gut? Ja. Ich gehe in die Küche. Stelle die Milch in den Kühlschrank. Gehe ins Bett. Schlafe.