Um 6.30 Uhr bin ich wach.

Das Gesicht von Klara ist mir zugewandt. Es ist schön, sie schlafen zu sehen. Wie schön sie ist, meine Klara. Uli ist wach. Steht auf. Geht ins Bad. Wäscht sich. Kommt wieder. Sagt, ich fahre zum Arzt. Gut, sage ich. Gut.

Ich bleibe noch liegen. Bei Klara. Gegen 7.30 Uhr wird Klara wach. Räkelt sich. Ich sage, du darfst fernsehen. Dein Papa ist beim Arzt, wundere dich nicht. Ja, sagt Klara. Ja. Was Schlimmes, fragt Klara. Nein, sage ich. Nein. Nichts Schlimmes. Keine Angst, sage ich auch.

Wie ist das mit der Angst, denke ich. Ist es nicht normal, diese Angst zu haben? Diese Angst vor dem Verlust. Ist sie nicht berechtigt? Diese Angst? Nicht bei ihrem Papa, denke ich. Da nicht. Aber bei Josef.

Ich frage, hast du Angst, meine Klara? Nein, sagt Klara. Gerade nicht. Gerade habe ich keine Angst. Sagst du mir Bescheid, meine Klara? Wenn du Angst hast? Ja, sagt Klara. Darf ich in Ruhe fernsehen, sagt sie dann auch. Ich umarme sie. Dann sagt sie, jetzt möchte ich aber wirklich fernsehen. Wir lachen.

Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Ziehe mich an. Gehe in den Gemeinschaftsraum. Hole mir einen Kaffee. Plaudere ein wenig mit der Hauswirtschaftsfrau. Wie gut sie mir tut. Diese Frau.

Ich gehe den Gang entlang. Rechts. Josef liegt im Arm der Schwester. Er wird inhaliert. Ich streichele seine schönen Locken. Die Nacht war ruhig, sagt die Schwester. Heute morgen nach dem Baden hatte Josef eine verlängerte Ausatmung. Deshalb wird er noch einmal mit Salbutamol inhaliert. Okay, sage ich.

Dann nehme ich Josef in meinen Arm. Küsse ihn. Guten Morgen, mein Bär. Ich setze mich mit Josef. Halte ihn in meinem Arm. Spüre ihn. Seinen Körper. Wie er sich hebt und senkt. Sein Körper. Wie er mit seinem ganzen Körper atmet. Die Schwester lässt uns allein. Geht zu einem anderen Gast.

Wir gehen in den Gemeinschaftsraum. Langsam werden die Gäste gebracht. Pfleger kommen. Schwestern. Eltern. Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Medikamente. Tee. Er schläft langsam wieder ein. In meinem Arm. Klara kommt. Die Geschwisterkinder. Heute wollen sie weiter basteln. An ihrem Kostüm.

Gegen 10.00 Uhr gehe ich ins Foyer. Mit meinem Josef im Arm. Meine Mutter kommt zu Besuch. Wir gehen in den Gemeinschaftsraum. Lassen uns ein. Auf den Trubel. Nach und nach ziehen sich alle zurück. Wir sitzen. Erzählen. Sie hält Josef. Tränen in ihren Augen. So schwer, sagt sie. Anne, das ist schwer für euch.

Ich nehme Josef. Halte ihn. Wir sind still. Sie streichelt mir den Rücken. Uli kommt. Vom Arzt. Löst die Schwere auf. Ein wenig. Uli sagt, bis auf Weiteres bin ich arbeitsunfähig. Die Ärztin fragte, wie das denn gehen soll mit Josef und der Arbeit. Ich weiß es nicht, hat Uli gesagt. Dann hat sie ihm den Krankenschein gegeben. Einatmen und Ausatmen.

Wir begleiten meine Mutter ins Foyer. Verabschieden uns. Umarmen uns. Dann geht sie. Einatmen und Ausatmen. Mir laufen Tränen. Ihre Traurigkeit. Spürbar. Ihre Traurigkeit um ihren Enkelsohn. Um ihre Tochter.

Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich gebe Josef seinen Mittagsbrei. Medikamente. Tee. Josef schläft ein. Ganz müde, mein Josef. Ich lege ihn in sein Bett. Schalte den Monitor ein. Herzfrequenz 125. Sauerstoffsättigung 96. Wir gebe der Schwester Bescheid.

Wir gehen ins Elternzimmer. Ich schreibe einen Brief. An meinen Arbeitgeber. Bitte um Auflösung des Arbeitsverhältnisses. Mir ist es nicht möglich. Ab dem 1.12. die Arbeit unter den Bedingungen wieder aufzunehmen. Es ist nicht möglich.

Ich gehe zur Post. Schicke den Brief ab. Einschreiben. Ohne Rückschein. Einatmen und Ausatmen.

Im Kinderhospiz. Josef schläft. Wir sitzen im Gemeinschaftsraum. Schauen aus dem großen Fenster. Jemand hat Kuchen gebacken. Dann kommt die Schwester. Mit Josef im Arm. Ich nehme ihn. Küsse ihn. Halte ihn. Meinen Josef. Spüre. Ich habe es richtig gemacht. Dieses Schreiben. Bitte um Aufhebungsvertrag.

Es kommen Gäste. Den Nachmittag verbringen wir im Gemeinschaftsraum. Erzählen. Lachen. Klara kommt ab und zu vorbei. Verschwindet dann wieder. Kostüme wollen gebastelt werden.

Zum Abendessen. Gäste werden gebracht. Pfleger kommen. Schwestern. Eltern. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich lege Josef auf meine Brust. Wir atmen zusammen. Mit jedem Atemzug löst sich seine Spannung. Wird er weicher. Ich lege ihn in sein Bett. Schalte den Monitor an. Herzfrequenz 125. Sauerstoffsättigung 98.

Wir geben der Schwester Bescheid. Gehen zu Klara in das Jugendzimmer. Werden nicht weggeschickt. Sitzen dort. Erzählen. Lachen. Dann gehen wir ins Elternzimmer. Uli liest Klara vor. Sie schläft ein.

Ich sage zu Uli, es wird langsam leichter. Ich fühle mich leichter. Hier. Erholter. Entscheidungsfähiger. Wir schaffen es, Uli. Ich spüre, wir schaffen es. Ja, sagt Uli. Ja. Wir schlafen ein.