Sonntagmorgen.

Sehr früh bin ich heute wach. Klara und Uli schlafen noch. Ich pumpe Milch ab. Dann rufe ich in der Klinik an. Guten Morgen, die Mama von Josef. Wie war seine Nacht? Stabil. Josef war lange wach in der Nacht und mußte sehr oft abgesaugt werden. Die Nachtschwester hat ihn zum Kuscheln für eine halbe Stunde aus seinem Bett genommen. Schön. Wir kommen. Wir fahren bald los. Die Schwester fragt, heute soll er gebadet werden. Möchten sie das machen? Oh ja, sehr gern.
Heute sind wir schwerfüßig. Wir brauchen lange um zu frühstücken und uns bereit für den Tag zu machen. In meinem Kopf kreisen die Gedanken: Ziehen wir mit Josef ins Kinderhospiz? Oder dürfen wir mit ihm nach Hause? Ist Josef stabil? Oder nicht? Stirbt er? Oder nicht? Nicht jetzt? Wir fahren los. Los in die Klinik.
Die Großeltern wollen heute zu Besuch kommen. Weihnachtsbesuch auf der Neonatologie. Als wir ankommen scheint die Sonne. Durch die Notaufnahme gehen wir. Die Treppe rauf, den Gang entlang. Wir stehen vor der Schleuse und klingel. Gehen den Gang runter. Dann rechts. Wir schließen unsere Sachen ein. Desinfizieren die Hände. Ich stelle die Milch in den Kühlschrank. An den zwei Inkubatoren gehen wir vorbei in Josefs Zimmer. Es steht eine Babybadewanne bereit. Sie ist knallrot. Guten Morgen, mein lieber Josef! Heute dürfen wir dich baden. Wer hätte das gedacht? Die Schwester kommt zu uns. Ich darf Josef ausziehen. Ganz vorsichtig. Seine Nasensonde darf nicht verrutschen. Ich fühle mich etwas unbeholfen. Josef streckt sich sehr. Nackt. Nur noch mit Nasensonde und den Klebern mit den Sensoren für die Herzfrequenz und Atemfrequenz läßt die Schwester Josef ins Wasser gleiten. Josef schaut ganz aufmerksam. Scheint es zu genießen. Er sieht so perfekt aus. Fast als wäre er gesund.
Wir waschen ihn. Auch Klara nimmt den Waschlappen und wäscht seinen Bauch. So ein schöner Junge. Unser Josef, so schön ist er. Ich lege saubere Sachen zurecht. Josef wird von Uli in ein Handtuch gewickelt. Dann trockne ich Josef ab und ziehe ihn ganz vorsichtig an. Mit seinen Streckungen muss ich mich erst einmal vertraut machen. Ich rede ihm gut zu. Lege ihn immer wieder vorsichtig auf den Rücken, weil ich das Gefühl habe, die Streckungen werden dann weniger. Nach dem Baden legen wir Josef in sein Bett. Sofort schläft er ein, unser Josef. Müde bist du, lieber Josef, müde.
Die Großeltern kommen dazu. Uli holt sie vor der Klinik ab und begleitet sie auf die Station. Um Josef sitzen wir. Dem schlafenden Josef. Wir murmeln. Stabil ist Josef. Wir wissen nicht. Der Oberarzt meint, er kann nach Hause. Mit Pflegedienst. Morgen dann. Morgen ist die Elternberatung da. Josef bekommt von den Großeltern ein erzgebirgischen Bergmann geschenkt. Klara hat zu ihrer Geburt einen Engel bekommen. Bergmann und Engel. Zu Weihnachten stellt man sie ins Fenster. Sagen sie.
Am späten Nachmittag verabschieden wir uns. Von den Großeltern und von Josef. Er schläft. Unser Josef schläft. Etwas benommen fahren wir nach Hause. Morgen, lieber Josef, morgen wissen wir mehr. Vielleicht.
Zu Hause schalten wir den Rechner ein. Josef bei uns auf dem Bildschirm. Schlaf gut weiter, lieber Josef.