485 | Vor dem Weckerklingeln bin ich wach.

, Zu Hause 2

Vor dem Weckerklingeln bin ich wach. Ich schalte den Wecker aus. Bleibe kurz liegen. Uli ist wach. Sagt, alles Gute zu deinem Geburtstag. Danke, sage ich. Danke.

Mir ist nicht nach Geburtstag, sage ich. Mir ist nicht so. Ist mir abhanden gekommen. Das Geburtstagsgefühl. In diesem Jahr. Ach, sagt Uli. Vielleicht schleicht es sich noch an. Das Geburtstagsgefühl. Vielleicht. Vielleicht.

Ich stehe auf. Die Tür klappert. Ich warte. Gehe ins Bad. Wasche mich. gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Gehe in Josefs Zimmer. Josef schläft. Herzfrequenz 117. Sauerstoffsättigung 97. Alles gut, denke ich. Alles gut. Die Schwester. Sagt, alles Gute zu deinem Geburtstag. Schenkt mir rote Tulpen. Zum Geburtstag. Ich bin gerührt. Bedanke mich. Ach, sage ich. Ach. Es ist doch nur mein Geburtstag. Eben, sagt sie. Eben.

Ich frage nach der Nacht. Josef hat gut geschlafen. Die Vitalwerte waren im Normbereich. Das Sekret ist sehr fest und zäh. Okay, sage ich. Okay. Die Schwester verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Ich streichele Josef. Küsse ihn. Wer hätte das gedacht, mein Josef? Wir feiern noch einen Geburtstag zusammen. Meinen Geburtstag feiern wir zusammen. Danke, mein Josef. Danke. Danke, dass du bei uns bist. Dass du noch da bist. Hier bei uns. Ich dich spüren darf. Dich berühren. Danke, mein Bär. Welch ein Geschenk. Mir laufen Tränen.

Jetzt schleicht es sich wirklich an. Das Geburtstagsgefühl. Die Dankbarkeit. Für die Zeit mit Josef. Mit Josef und Klara. Uli deckt den Tisch. Geht los. Zum Bäcker Brötchen holen. Kommt mit Blumen, einem Brief und frischen Brötchen zurück. Ich freue mich. Der Brief ist von Klara. Herzen hat sie gemalt. Mir laufen Tränen. Ich bin berührt.

Josef wird wach. Ich inhaliere. Sauge ab. Lege ihn mir auf die Knie. Wir essen Frühstück. Josef im Schlafanzug. Auf meinen Knien. Draußen ist es bedeckt. Irgendwann ziehe ich Josef an. Küsse ihn. Er ist entspannt heute. Bei uns. Ganz ruhig. Wir sind ruhig heute. Miteinander. Wir gehen spazieren. Josef eingekuschelt in Decken. In seinem Kinderwagen. Die Absauge dabei. Medikamente. Tee. Brei.

Wir laufen. Laufen und laufen. Gartenrunde, Bürgerpark, Schloßpark. Stunden sind wir unterwegs. Stunden. Es tut gut. Das Laufen. Das Draußensein.

Am Nachmittag sind wir zu Hause. Es gibt Kuchen. Aufgetauten Kuchen. Kaffee. Tee. Glückwünsche erreichen mich. Ich freue mich. Josef halte ich im Arm. Klara. Klara fehlt. Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Seine Atmung zieht. Inhalation. Absaugen. Ganz automatisch. Es geht alles ganz automatisch.

Vor einem Jahr, denke ich. Vor einem Jahr. Hatten wir Hoffnung? Auf Besserung? Vor einem Jahr. War das so? Wie war das da? Das war kurz vor unserem Einzug ins Kinderhospiz. Wir haben die Leichtigkeit gespürt. Im Kinderhospiz. Die Leichtigkeit im Schweren. Wie das Schwere auch leicht werden kann. Wenn wir gehalten werden. Gesehen werden. Angenommen werden. So wie wir gerade sind. Dann kann das Schwere auch leicht werden. Einatmen und Ausatmen.

Es war ein gutes Jahr, denke ich. Doch, denke ich. Ich bin dankbar für das vergangene Jahr. Dankbar. Aus tiefstem Herzen dankbar. Tränen laufen mir über die Wangen. Weil sie dazu gehören. Heute. Wie das Lachen. So auch das Weinen.

Zum Abendessen bestellen wir. Indisches Essen. Josef bekommt Brei. Tee und Medikamente. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Küsse ihn immer wieder. Sein Zeh sieht schon besser aus. Ich lege Josef auf meine Brust. Er entspannt sich mit jedem Atemzug. Wir atmen zusammen. Das ist schön. Wunderschön.

Wie geht es Klara? Wie mag es ihr gehen? Uli ruft bei der Betreuerin an. Es geht keiner ans Telefon. Wer weiß, sagt Uli. Wer weiß? Vielleicht essen sie gerade Abendbrot. Ja, sage ich. Ja. Spüre meine Unruhe. Klara. So weit weg. Mit fremden Menschen. Sie ist doch erst 7 Jahre alt.

Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 124. Sauerstoffsättigung 97. Alles gut. Alles gut.

Ich rufe wieder an. Die Betreuerin geht ans Telefon. Sagt, sie sind gerade in der Abschlussrunde. Gibt mir kurz Klara. Klara gratuliert mir. Sagt, es geht mir gut. Schlaf gut. Schlaf gut, sage ich. Sie legt auf. Ich bin durcheinander. Bin ich überfürsorglich? Darf ich nicht anrufen? Ich kann doch Klara sonst anders nicht erreichen. Sie hat kein eigenes Handy. Hätten wir ihr eins mitgeben sollen? Eins für sie kaufen? Einatmen und Ausatmen.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir erzählen vom Tag. Gehen ins Bett. Schlafen. Irgendwann.

Veröffentlicht am: 29.03.2019


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