484 | Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker. Klara liegt neben mir. Ich küsse sie. Guten Morgen flüstere ich ihr ins Ohr. Sie dreht sich noch einmal um. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe in die Wohnküche. Einatmen und Ausatmen.

Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Schmiere Brote für Klara. Für die Fahrt. Packe Saft, Wasser, Brote, Gummibärchen und Kekse ein. Klara kommt. Uli auch.

Die Tür klappert. Die Schwester. Geht ins Bad. Spült die Absaugbehälter und die Inhalette aus. Die Tür zu Josef Zimmer steht offen. Josef schläft. Ich gehe in sein Zimmer. Herzfrequenz 130. Sauerstoffsättigung 94. Ich lege meine Hand auf seinen Kopf. Küsse ihn.

Klara und Uli kommen zu uns. Müssen los. Im Hof sehen wir schon den Vater mit den beiden Geschwisterkindern. Ich umarme Klara. Küsse sie. Wünsche ihr eine gute Zeit. Klara streichelt Josef. Sagt, mach keinen Quatsch, wenn ich nicht da bin. Ich bin berührt von ihren Worten. Dann gehen sie los. Ich winke. Bis ich sie nicht mehr sehe.

Die Schwester. Steht bei uns. Sagt, Josef hatte sehr hohe Herzfrequenzen. Hat ein Schmerzmedikament bekommen. Das Sekret ist sehr fest und zäh. Okay, sage ich. Okay. Für uns heißt das am Tag viel Inhalieren und Spazierengehen. Zum Mobilisieren des Sekretes. Sie verabschiedet sich. Schlaf gut, sage ich. Danke.

Josef und ich. Wir sind allein. Ich setze mich zu ihm. Die Tür bleibt offen. Ich trinke Kaffee. Schaue auf Josef. Den Monitor. Bin angespannt. Besonders am Morgen hat Josef große Schwierigkeiten mit dem Sekret. Er muss es von der Nacht mobilisieren. Ich inhaliere Josef. Eine Meeresbrise für dich, mein Josef.

Er wird wach. Mein Josef wird wach. Ich schalte den Monitor aus. Nehme Josef aus seinem Bett. Küsse ihn. Ich lege Josef über meine Knie. Kuschel ihn ein. Helfe ihm beim Atmen. Saug ihn vorsichtig ab. Seine Atmung zieht. Ich inhaliere noch einmal.

Uli kommt nach Hause. Hat Brötchen mitgebracht. Deckt den Frühstückstisch. Ich ziehe Josef vorsichtig an. Ganz vorsichtig. Er ist angespannt, mein Josef. Mir laufen Tränen. Klara fehlt mir jetzt schon.

Es ist schwer für mich auszuhalten, wenn wir nicht alle zusammen sind. Und doch weiß ich, es ist wichtig für Klara. Weiß es. Weiß es. Weiß es. Und doch. Es fühlt sich nicht gut an. Sie fehlt. Ein Stück von uns fehlt. Einatmen und Ausatmen.

Ich halte Josef. Wir frühstücken. Josef in meinem Arm. Heute setze ich ihn nicht in den Therapiestuhl. Heute halte ich Josef in meinem Arm. Nach dem Frühstück gehen wir spazieren. Eine Gartenrunde. Josef ist eingeschlafen. Wir erweitern unsere Runde. Gehen in den Schlosspark.

Meine Augen sind immer auf Josef gerichtet. Tee, Medikamente und Brei haben wir dabei. Die Absauge auch. Natürlich. Ohne sie geht es ja nicht. Sie ist lebenswichtig für Josef. Die Absauge. Uns tut es gut zu laufen. Es ist noch kalt. Die Sonne zeigt sich nur selten. Wärmt noch nicht.

Irgendwann wird Josef wach. Ich nehme ihn aus dem Kinderwagen. Setze mich auf eine Bank. Uli saugt Josef ab. Menschen sind im Park. Nehmen uns nicht wahr. Ich gebe Josef Brei durch den Bauchschlauch. Tee und Medikamente. Halte ihn und küsse ihn immer wieder. Dann gehen wir nach Hause.

Josef auf meinen Knien. Auf meiner Brust. Auf Ulis Bauch. Tee. Medikamente. Brei. Josef atmet schneller. Seine Temperatur steigt. 38,0. Herzfrequenz 160. Sauerstoffsättigung 95. Schmerzmedikament. Küsse. Josef schwitzt. Ich ziehe ihn um. Halte ihn. Er schläft ein. Tränen. Ob Klara schon angekommen ist? Am Meer?

Wir essen Abendbrot. Brot und Tomaten. Josef bekommt Brei. Tee. Medikamente. Inhalation. Absaugen. Ich ziehe Josef um. Sehe an seinem großen Zehnagel eine entzündete Stelle. Rufe das SAPV-Team an. Eine Salbe sollen wir auf die Stelle machen. Eine Zugsalbe. Deshalb denke ich. Deshalb. Die hohen Herzfrequenzen. Die Temperatur. Oder nicht? Wir wissen es nicht. Was wissen wir schon? Josef schläft ein. Auf Uli. Uli und Josef. Bauch an Bauch. Wie schön.

Ich versuche die Betreuerin von Klara zu erreichen. Ihr Telefon ist aus. Ich spreche auf die Mailbox. Sorge mich. Wir schauen fern. Ich bin unruhig. Rufe immer wieder an. Irgendwann geht die Betreuerin ran. Ich frage, ob alles in Ordnung ist. Ja, sagt sie. Alles gut. Klara spreche ich auch. Kurz. Es geht ihr gut, sagt sie. Dann legt sie auf. Einatmen und Ausatmen.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Uli legt Josef ins Bett. Herzfrequenz 119. Sauerstoffsättigung 96. Wir erzählen vom Tag. Gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 28. 03. 2019

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