607 | Es klopft an der Tür.

, Zu Hause 2

Es klopft an der Tür. Mein Herz. Bis zum Hals. Ich stehe auf. Tür. Die Schwester mit Josef im Arm. Wir gehen in Josefs Zimmer. Uli kommt. Ich halte Josef im Arm. Seine Atmung setzt immer wieder kurz aus. Er ist unruhig. Herzfrequenz 160. Sauerstoffsättigung 90.

Die Schwester sagt, Josef kommt nicht zur Ruhe. Sie hat ihm Schmerzmedikamente gegeben. Inhaliert. Abgesaugt. Ich küsse Josef. Halte ihn. Seine Augen sind weit aufgerissen. Ich küsse und küsse Josef.

Uli holt das Schlafmedikament. Gibt es Josef über den Bauchschlauch. Ich halte Josef in meinem Arm. Es ist kurz nach Mitternacht. Josef, mein Josef. Er schläft ein. Wir sind still. Keine Zeit für Worte. Ich lege Josef wieder in sein Bett. Küsse ihn. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 96.

Es ist 2.00 Uhr. Wir gehen ins Bett. Schlaf?

Um 6.30 Uhr schalte ich den Wecker aus. Die Katze liegt auf Ulis Sachen. Die Tür klappert. Ich warte. Stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Tränen. Leise Tränen. Erschöpfungstränen. Trauertränen. Einatmen und Ausatmen.

Josef. Ich verlange zu viel. Verlange zu viel. Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Gehe in Josefs Zimmer. Er schläft. Schlaf, mein Josef. Schlaf. Herzfrequenz 110. Sauerstoffsättigung 97. Die Schwester steht an Josefs Bett. Gibt ihm Medikamente. Tee. Über den Bauchschlauch. Ich streichele seinen Kopf. Küsse ihn. Küsse meinen Josef.

Ich frage nach den letzten Stunden. Josef schläft seitdem. Kein Fieber. Keine Krämpfe. Keine Atemaussetzer. Gut, sage ich. Gut. Die Schwester räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht auf. Uli kommt zu uns. Die Schwester verabschiedet sich.

Josef wird wach. Ich schalte den Monitor aus. Küsse und küsse. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Es klingelt. Die Schwester. Ich ziehe Josef aus. Ganz vorsichtig. PEG reizlos dokumentiert die Schwester. Uli lässt Wasser in die Badewanne. Ein Morgenbad, mein Josef. Ein Morgenbad.

Klara ist wach. Möchte mit in die Wanne. Die Schwester lassen wir in Josefs Zimmer. Zu intim die Badesituation mit den Kindern. Es ist schön. Klara setzt ihr Taucherbrille auf. Josef in ihren Armen. Sie gleiten durch das Wasser. Wir genießen es.

Uli nimmt Josef aus der Wanne. Ich trockne ihn sanft ab. Küsse ihn. Überall. Öle Josef ein. Ziehe ihn an. Ach Josef. Mein Josef. Die Schwester inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich lasse ihn bei ihr. Liebevoll ist sie. Liebevoll. Und. Keine gemeinsame Sprache mit uns.

Klara, Uli und ich frühstücken auf dem Balkon. Sitzen nebeneinander auf der Hollywoodschaukel. Essen Cornflakes und Toastbrot. Trinken Kaffee. Kakao für Klara. Schauen den Kindern zu. Wie sie von ihren Eltern in den Hort gebracht werden.

Klara möchte heute zu Hause bleiben. Vielleicht noch ins Kinderhospiz. Nachher. Ich gehe in Josefs Zimmer. Er schläft. Die Schwester hat ihn in sein Bett gelegt. Herzfrequenz 130. Sauerstoffsättigung 96. Ich küsse Josef. Streichele seine schönen Locken.

Es klingelt. Die Physiotherapeutin. Josef wird wach. Die Schwester inhaliert ihn. Saugt Josef ab. Heute hat sie Zeit, sagt die Physiotherapeutin. Ist nicht so gehetzt. Sie dreht und wendet Josef. Ist bei ihm. Das ist auch für mich spürbar. Ihre Präsenz, wenn sie wirklich da ist. Ihre Ruhe und Energie sind fühlbar.

Genauso hatte ich sie erlebt. Ganz am Anfang. Doch dann ist etwas passiert. Zu viele Patienten? Zu viel Eile? Zu viel von anderen Dingen? Einatmen und Ausatmen. Hörst du, mein Josef? Hörst du? Nur ein wenig. Einatmen und Ausatmen. Oder. Verlange ich zu viel? Verlange zu viel. Die Physiotherapeutin verabschiedet sich.

Josef schläft wieder. Klara und Uli spielen Karten. Josef wird wach. Inhalation. Absaugen. Kurze Atemaussetzer. Tee. Medikamente. Ich nehme Josef in meinen Arm. Küsse ihn. Die Schwester verabschiedet sich.

Wir gehen spazieren. Mit Josef. In seinem Buggy. Trauen uns. Wagen es. Meine Augen sind immer auf Josef gerichtet. Eine kleine Gartenrunde. Mit Klara auf ihrem Fahrrad.

Zu Hause. Wir essen Abendbrot. Brot. Josef bekommt seinen Abendbrei. Schläft ein. Auf Uli. Vater und Sohn. Bauch an Bauch. Wie schön. Wir schauen Kinderfernsehen. Ich bringe Klara ins Bett. Lese ihr vor. Wir erzählen noch eine Weile. Kuscheln. Morgen möchte sie ins Kinderhospiz zu den Geschwisterkindern. Morgen ganz bestimmt. Ich mache das Hörspiel an. Josef schläft auf Uli.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Uli legt Josef in sein Bett. Herzfrequenz 117. Sauerstoffsättigung 96. Wir gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 29.07.2019


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