487 | Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr.

, Zu Hause 2

Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr. Ich stehe auf. Die Tür klappert. Ich warte. Gehe ins Bad. Wasche mich. Schaue in den Spiegel. Ich sehe blass aus. Oder ist es das Licht im Bad? Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Auf dem Schulhof ist es ruhig. Es sind Ferien. Osterferien. Ein Kind wird von seinem Vater gebracht. Es gibt eine Umarmung und einen Kuss. Dann eilt der Vater davon. Wie mag es Klara wohl gehen? Ich hoffe, es geht ihr gut. Meiner Klara. Ich vermisse sie. Sehr.

Ich gehe in Josefs Zimmer. Er schläft noch. Herzfrequenz 130. Sauerstoffsättigung 96. Die Schwester steht bei ihm. Gibt ihm Tee und Medikamente über den Bauchschlauch. Ich frage nach der Nacht. Josef schlief durch, sagt sie. Vitalwerte waren im Normbereich. Heute Morgen hatte er zähes Sekret.

Die Versorgungen (Windeln, Sensor umsetzen) hat er verschlafen. Gut, sage ich. Gut. Die Schwester verabschiedet sich. Gespült, gewechselt und aufgezogen hatte sie schon. Schlaf gut, sage ich. Danke, sagt sie.

Josef, mein Josef wird wach. Seine Atmung verändert sich. Ist angestrengter. Ich inhaliere ihn. Schalte den Monitor aus. Nehme ihn aus seinem Bett. Ich küsse ihn. Wie schön du bist, mein Josef.

Wie schön es ist, dich zu spüren. Deine Wärme. Deine Haut. Dein Herz zu spüren. Wie es schlägt in deiner Brust. Deine Atmung. Wie sich der Brustkorb hebt und senkt. Sich viel kräftiger hebt und senkt. Weil du ja alle Kraft brauchst. Für das Atmen, mein Josef. All deine Kraft.

Uli kommt zu uns. Fragt. Die Nacht war okay, sage ich.

Es klingelt. Die Schwester. Uli zieht sich zurück. Ins Schlafzimmer. Arbeitet. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Josefs Atmung ist angestrengt. Die Schwester bereitet die Inhalation vor. Ich gebe ihr Josef. Sie inhaliert ihn. Saugt ihn vorsichtig ab. Wir reden kaum. Sind still. Josef schlummert ein. Wird wach. Schlummert. Wird wach.

Es klingelt. Die Physiotherapeutin. Sie dreht und wendet Josef. Er schläft ein. Sie legt ihn ins Bett. Dann ist sie weg. Hat noch Termine.

Josef wird wieder wach. Er krümmt sich nach vor. Wird blau. Ich nehme ihn. Drehe ihn auf den Bauch. Sauge ihn ab. Die Schwester. Inhalation. Absaugen. Wir sind still miteinander. Ruhig und still. Es wird besser. Mit Josef. Er erholt sich.

Ich lege ihn auf meine Knie. Helfe ihm beim Atmen. Ein Infekt, denke ich. Ein Infekt. Es schmerzt, Josef so zu sehen. Zu sehen, wie er blau wird. Keine Luft bekommt. Wie mag sich das anfühlen? Keine Luft zu bekommen. Ich weine nach innen.

Die Schwester fragt, was das war. Ich erkläre. Sage, wenn sich das Sekret verlegt, dann bekommt er keine Luft. Oder, wenn ein Infekt. Oder ein Krampf. Oder. Dann atmet er nicht mehr. Dann müssen wir ihm helfen. Helfen zu atmen. Meinem Josef.

Die Schwester ist still. Wieder. Ruhiger. Ich bin froh darum. Froh darum, nichts hören zu müssen. Über andere Kinder. Andere Situationen. Habe gerade keine Kapazität dafür. Innerlich. Josef bekommt seine Medikamente. Brei. Tee. Er schläft kaum. Ist entweder im Arm der Schwester oder in meinem. Um 15.30 Uhr geht sie.

Josef sitzt im Therapiestuhl. Ich schiebe ihn ins Wohnzimmer. Setze mich zu ihm. Es gibt Tee und Kaffee für mich. Uli macht Feierabend. Kann sich nicht konzentrieren, sagt er. Josefs Atmung verändert sich. Wird schneller. Seine Lippen werden blau.

Ich nehme ihn aus dem Stuhl. Küsse ihn. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich weine. Halte Josef. Und weine. Leise Tränen. Für die lauten Tränen reicht die Energie nicht. Josef liegt auf meinen Knien. Ich helfe ihm beim Atmen. Wir essen Abendbrot. Brot. Schauen fern. Josef auf meinen Knien. Mit dem Kopf nach unten. Damit das Sekret laufen kann.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef ins Bett. Herzfrequenz 140. Sauerstoffsättigung 96. Wir gehen ins Bett.

Um 23.00 Uhr klopft es an der Schlafzimmertür. Die Schwester. Hält Josef im Arm. Seine Atmung ist schlecht. Wir gehen in Josefs Zimmer. Herzfrequenz 194. Sauerstoffsättigung 88. Wir geben ihm Sauerstoff. Er bekommt Cortison. Inhalation. Temperatur 40.

Uli ruft das SAPV-Team an. Die Ärztin ruft gleich zurück. Ich halte Josef. Küsse ihn. Immer wieder. Irgendwann müssen sie doch helfen. Die Küsse. Wir sind ruhig. Ganz ruhig. Wir sind immer ruhig in Krisen. Funktionieren dann. Wie ferngesteuert. Wissen, was zu tun ist. Keine Zeit für die Gefühle. Die kommen später. Nach.

Veröffentlicht am: 31. 03. 2019


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