463 | Der Wecker klingelt. Es ist 7.00 Uhr.

, Zu Hause 2

Der Wecker klingelt. Es ist 7.00 Uhr. Ich stehe auf. Die Tür klappert. Ich warte. Kurz. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee.

Draußen ist es ruhig. Ganz still. Ich sehe einen Fuchs über den Schulhof schleichen. Ich freue mich. Ein Fuchs in dieser großen Stadt. Ich gehe ins Josefs Zimmer. Er ist wach. Mein Bär. Liegt im Arm der Schwester. Ganz eingekuschelt und liebevoll.

Ich frage nach der Nacht. Bis 5.30 Uhr schlief Josef durch. Seine Atmung war ganz angestrengt. Nach dem Erwachen. Sie hat ihn mit Salbutamol inhaliert und abgesaugt. Dann war es deutlich besser. Kein Fieber. Vitalwerte waren im Normbereich. Gut, sage ich. Gut.

Ich nehme Josef. Küsse ihn. Er ist ganz warm gekuschelt. Das ist schön. Die Schwester spült die Inhalette aus. Die Absaugbehälter. Tauscht die Spritzen aus. Zieht die Medikamente auf. Wir reden noch ein wenig. Das ist schön. Ganz schön ist das. Sie strahlt Vertrautheit aus. Das ist mir sehr angenehm. Uli kommt. Die Schwester verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Klara schaut fern. Es ist ja Wochenende. Ich setzte mich mit Josef auf das Sofa. In der Wohnküche. Uli in den Sessel. Wir trinken Kaffee. Tee. Sind still. Ein stiller Samstag.

Ich lege Josef auf meine Knie. Mit dem Kopf nach unten. Er entspannt sich dabei. Kann besser atmen. So. Ich kuschele ihn ein. Gebe ihm die Medikamente. Tee. Über den Bauchschlauch. Streiche mit meinen Händen die Rippen entlang. Versuche Sekret zu lockern. Plötzlich zieht die Atmung von Josef.

Uli bereitet die Inhalette vor. Inhaliert seinen Josef. Ganz automatisiert. Nach dem Muster: Josefs Atmung zieht. Vorbereiten der Inhalette. Inhalation. Absaugen. Die Handlungen sind in uns übergegangen. In uns drin. Wir denken nicht mehr nach. Wir machen. So wie Eltern von gesunden Kindern an der Stimme hören, was gerade ist. So hören wir an der Atmung von Josef, was wir zu tun haben.

Einatmen und Ausatmen, mein Josef. Einatmen und Ausatmen. Das Plötzliche. Das Unberechenbare. Unvorhersehbare. Die Anspannung und Konzentration. Auf Josef. Kostet Kraft. Energie. Wir müssen bereit sein. Immer. Wenn etwas ist, müssen wir handlungsfähig sein. Sonst erstickt Josef. Sonst erstickt er. Stirbt, weil er keine Luft mehr bekommt.

Zum Glück haben wir die Nachtschwestern. Können schlafen. Die Verantwortung ein wenig abgeben. Für die Stunden. Sonst weiß ich nicht. Weiß ich nicht, was dann wäre. Mit den Nachtdiensten klappt es gut, sage ich zu Uli. Ja, sagt Uli. Wir bekommen kaum etwas mit. Sind abgegrenzt. Die Rolle ist klar. Keine Vermischung. Das geht gut.

Klara weiß gar nicht mehr, welche Schwester in der Nacht da ist. Grenzt sich ab. Sagt ihrem Bruder nur kurz guten Morgen. Winkt ihm zu, wenn wir ihr aus seinem Zimmer winken. Das reicht ja auch. Sie muss ja nicht. Muss sie nicht alle kennen, die Schwestern.

Es verändert sich hier in der Wohnung. Das Leben mit Josef. Dem Pflegedienst. Den Therapeuten. Unserer Klara. Die Muster verschieben sich. Verändern sich. Das ist gut, Uli. Ja, sagt Uli. Das ist gut. Nur am Tag ist es schwierig. Mit den Rollen. Den Aufträgen.

Die Schwester. Eigentlich nur auf Abruf da. Ist gleichzeitig unzufrieden. Möchte ja entlasten. Doch Josef ist keine Last. Ich brauche Hilfe in Krisen. Und die sind unvorhersehbar. Brauche Hilfe in den Nachmittagsstunden. Wenn Klara da ist. Und ich allein. Doch das geht nicht. Passt nicht ins Leben der Schwestern. Wir müssen Rücksicht nehmen. Auf die Schwestern.

Wir gewöhnen uns daran, Uli. Ja, sagt Uli. Ja. Einatmen und Ausatmen. Der Tag. Verfliegt. Dahin. Wir bleiben im Schlafanzug. Alle. Kuscheln uns ein. Schauen fern. Inhalieren Josef. Saugen ihn ab. Küssen ihn. Reichen Josef von Arm zu Arm. Spielen mit Klara Karten. Josef schläft kaum. Ist angespannt. Seine Herzfrequenzen sind hoch. Kein Fieber.

Zum Abendessen gibt es einen Auflauf. Nudelauflauf. Immerhin. Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Lesen Klara vor. Machen ihr das Hörspiel an. Josef liegt auf mir. Sein Kopf. Ganz dicht an meinem Herzen. Einatmen und Ausatmen. Mein Josef.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Josef ist wach. Wir erzählen. Das ist schön. Ich gebe ihr Josef. Sie kuschelt ihn ein. Hält ihn. Wir gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 07. 03. 2019


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