464 | Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 2

Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker. Klara ist wach. Darf ich fernsehen, fragt sie. Ja, sage ich. Leise. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Ich höre die Tür klappern. Warte. Kurz.

Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Halte nach dem Fuchs Ausschau. Keiner zu sehen. Ich gehe in Josefs Zimmer. Josef schläft. Liegt in seinem Bett. Seine Augen sind halb geschlossen. Oder halb offen. Er schläft gerade wieder ein, sagt die Schwester. Gegen Mitternacht hat sie Josef ein Schmerzmedikament gegeben. Seine Herzfrequenzen waren sehr hoch.

Kein Fieber, sagt sie. Mit dem Schmerzmittel gingen die Herzfrequenzen runter. Er schlief durch. Bis 6.00 Uhr. Das Sekret am Morgen war gelblich bis grün. Ein Infekt, sage ich. Wahrscheinlich. Okay, sage ich. Okay.

Die Schwester spült die Inhalette aus. Die Absaugbehälter. Wechselt die Spritzen aus. Zieht Medikamente auf. Uli kommt. Wir erzählen. Kurz. Die Schwester ist müde. Sie verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Uli und ich. Wir setzen uns in die Wohnküche. Die Tür zu Josefs Zimmer steht weit auf. Damit wir mitbekommen, wenn was ist. Uli bereitet das Frühstück vor. Holt Brötchen vom Bäcker.

Josef wird wach. Ich inhaliere Josef. Sauge ihn ab. Gebe ihm seine Medikamente. Tee. Ziehe Josef vorsichtig an. Ganz vorsichtig. Heute bekommen wir Besuch, mein Josef. Heute schlumpern wir nicht nicht so rum. Ich setze Josef in seinen Therapiestuhl. Schiebe ihn an unseren Küchentisch.

Klara kommt. Im Schlafanzug. Wir frühstücken. Ich gebe Josef vorsichtig seinen Morgenbrei. Medikamente. Tee. Fast fühle ich mich wie eine normale Familie. Fast. Wie fühlt sich eine normale Familie, denke ich? Fühlt sie sich anders? Sind es weniger Sorgen? Andere Sorgen? Sind es weniger? Normale Familie. Was ist das? Was ist eine normale Familie?

Ich drehe mich im Kreis. Mit meinen Gedanken. Unnötigen Gedanken. Wir sind eine Familie. Punkt. Wir wissen nur, wie wir uns fühlen. Andere Familien fühlen sich so, wie sie sich fühlen. Punkt. Einatmen und Ausatmen.

Josef schlummert ein. Uli setzt ihm eine Mütze auf. Kuschelt ihn ein. Schiebt ihn an das Balkonfenster. Frischlufttherapie. Wir decken den Tisch ab. Sortieren und räumen. Josef bekommt seine Medikamente. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Ich nehme Josef in den Arm. Küsse ihn. Josef ist heute schlapp. Sein Körper hat wenig Spannung. Gleichzeitig ist Josef wach.

Gegen 14.00 Uhr klingelt es. Freunde. Mit ihren Kindern. Es ist trubelig in unserer Wohnung. Schön ist da. Und dann fürchte ich, ich verliere Josef aus meinem Blick. Aus meinem Fokus. Könnte übersehen, wenn es ihm plötzlich schlecht geht.

Die Kinder gehen auf den Spielplatz. Aus unserem Schlafzimmerfenster können wir sie beobachten. Zum Kaffee gibt es Kuchen. Aufgetauten Kuchen. Für mehr hat unsere Energie nicht gereicht. Dazu gibt es Quarkbällchen. Kaffee. Tee.

Der Nachmittag ist schön. Josef wird umhergereicht. Gehalten. Geküsst. Fast wie eine normale Familie. Dann ziehen wir uns an. Gehen noch eine Runde spazieren. Bringen unsere Freunde zur Bahn. Josef liegt im Kinderwagen. Die Sonne scheint ein wenig. Frühblüher sind zu sehen. Frühling. Noch ein Frühling, mein Josef. Welch ein Glück. Dein zweiter Frühling.

Eine Runde gehen wir. Um das Kinderhospiz. Dann zur Bahn. Umarmen uns. Bis bald. Gehen dann noch einmal ins Kinderhospiz. Hallo sagen. Ein Sonntagshallo. Klara verschwindet. Mit den Geschwisterkindern. Kurz für eine Stunde. Wir sind mit Josef im Gemeinschaftsraum. Sind einfach da. Schauen aus dem Fenster.

Wenige Gäste sind da. Pfleger. Eltern. Vor einem Jahr haben wir uns das Kinderhospiz angeschaut. Vor einem Jahr. Da habe ich geweint. Hier. Vor einem Jahr waren hier noch Gäste. Die nicht mehr da sind. Gestorben sind.

Du bist noch da. Josef, mein Josef. Du bist noch da. Wir sind noch da. Welch ein Glück. Welch ein Geschenk. Diese Zeit.

Nach dem Abendessen gehen wir nach Hause. Klara und Josef gehen in die Wanne. Sonntagsbaden. Ich öle Josef ein. Küsse ihn. Ziehe ihn an. Weine. Weine und weine. Weiß nicht. Warum. Suchen sich ihren Weg. Die Tränen.

Wir schauen Kinderfernsehen. Alle zusammen im Schlafzimmer. Uli liest uns vor. Michael Ende. Jim Knopf. Uli macht das Hörspiel an. wir gehen in die Wohnküche. Josef liegt auf meiner Brust. Schläft ein. Mein Josef. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 130. Sauerstoffsättigung 97.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir erzählen ihr. Vom Tag. Sie von ihrem. Dann gehen wir ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 08. 03. 2019


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