Um 6.00 Uhr klingelt der Wecker.

Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Ich bin müde. Fühle mich zerschlagen. Aus dem Wohnzimmer höre ich die Inhalette rauschen. Alles nach Plan, denke ich. Alles nach Plan.

Es hat fast schon etwas Beruhigendes. Dieses morgendliche Rauschen der Inhalette. Der immer wiederkehrende Ablauf. Von Inhalieren, Absaugen, Medikamente geben, Tee, Umlagern. Das Klingeln an der Tür. Die Therapeuten. Schwestern. Ärzte. Sauerstoffmann. Immer wiederkehrend.

Als könnten wir uns daran festhalten. Festhalten. Als wäre das alles ein Versprechen. Ein Versprechen, dass Josef lebt. Leben bleibt. Noch eine Weile. So lange. Alle nach Plan. Ich wasche mein Gesicht. Mit kaltem Wasser. Weiß doch. Dass das kein Versprechen ist. Mir laufen Tränen. Woran festhalten? Woran nur festhalten, wenn alles wankt? In Frage gestellt wird? Das bisherige Leben. Nicht mehr passt. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe ins Wohnzimmer. Josef liegt im Arm der Schwester. Er schlummert. Herzfrequenz 145. Sauerstoffsättigung 97. Temperatur 36,7. Ich frage nach der Nacht. Bin besorgt. Josef hat durchgeschlafen, sagt sie. Um Mitternacht hatte er eine Temperatur von 38,8. Sie hat ihm Schmerzmedikamente gegeben. Das Sekret ist flüssig und weiß. Okay, sage ich. Das Palliativteam kommt heute Vormittag. Einatmen und Ausatmen.

Ich gehe in die Küche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Öffnet den Weihnachtskalender. Gummibärchen. Sie setzt sich. Isst ihre Cornflakes. Uli setzt sich zu ihr. Ich gehe wieder ins Wohnzimmer. Nehme Josef in den Arm. Küsse ihn. Halte ihn. Die Schwester spült die Inhalette aus. Verabschiedet sich. Schlaf gut, sage ich. Danke.

Klara geht los. Los in die Schule. Uli winkt ihr. Bis er sie nicht mehr sieht. Ich ziehe Josef vorsichtig an. Gebe ihm seinen Morgenbrei. Medikamente. Tee. Dann gehen wir in die Küche. Öffnen den Kalender am Fenster. Lesen Josef vor.

Um 9.00 Uhr klingelt es. Der Palliativarzt und die Palliativschwester. Der Arzt untersucht Josef. Sagt, Josef hat eine verlängerte Ausatmung. Wir sollen ihn weiter inhalieren. Gegen das Fieber Medikamente geben.

Wir reden lange. Über Josef. Seinen Zustand. Seinen Weg. Über das Sterben. Das Leben im Sterben. Das Leben. Solange Josef lebt. Lebt er. Und wir leben. Klara lebt. Wir leben alle. Einatmen und Ausatmen. Sie verabschieden sich.

Mir ist es leichter. Leichter, wenn wir sprechen. Über Josef. Die Situation. Solange sprechen, bis wir uns sicher fühlen. Wissen. Das wir nicht allein sind. Wir zusammen Josef sehen. Sehen, was mit ihm ist. Ihn ernst nehmen. Josef ernst nehmen. Ihn halten. Wir ihn alle halten.

Um 10.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Dann schläft er. Herzfrequenz 143. Sauerstoffsättigung 95. Ich rufe beim Supervisor an. Mittwoch können wir kommen, sagt er. Es ist ja dringend bei ihnen, sagt er auch. Danke, sage ich. Bis Mittwoch. Es ist dringend. Das ist es.

Um 13.00 Uhr klingelt es. Die liebe Logopädin. Ich wecke Josef. Ganz sanft. Sie legt sich alles zurecht. Nimmt Josef in den Arm. Begrüßt ihn. Mit ihren Worten. Und Berührungen. Heute ist Josef angespannt. Das ist nicht schlimm, mein Josef. Du musst nicht. Du musst nicht. Sie verabschiedet sich.

Ich gebe Josef seinen Mittagsbrei. Josef schlummert wieder ein. Herzfrequenz 145. Sauerstoffsättigung 98. Temperatur 37,5. Uli und ich gehen los. Klara vom Hort abholen. Sie kommt gleich mit, unsere Klara. Wir gehen vorn entlang. Sie hüpft und springt.

Zu Hause gibt es Kaffee und Kakao. Pfefferkuchen dazu. Josef schläft noch. Liegt in seinem Bett und schläft. Oder nicht? Seine Herzfrequenzen sind so hoch. Kann er überhaupt schlafen bei den Frequenzen? Geht das denn? Josef, mein Josef. Wo bist du? Wo bist du, mein Bär?

Um 18.00 Uhr verabschiedet sich die Schwester. Uli bereitet das Abendbrot vor. Brot gibt es. Brot mit Wurst und Käse. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Zusammen schauen wir Kinderfernsehen.

Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Ich halte Josef. Er schläft ein. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 126. Sauerstoffsättigung 94. Einatmen und Ausatmen. Es ist besser, denke ich. Besser.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir gehen ins Bett. Schlafen.