556 | Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 2

Um 6.30 Uhr klingelt der Wecker. Ich stehe auf. Die Tür klappert. Ich warte. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee.

Decke den Frühstückstisch. Gehe auf den Balkon. Es ist mild. Bewölkt und mild. Einatmen und Ausatmen. Klara kommt. Kuschelt sich an mich. Ich küsse sie auf den Kopf. Uli kommt. Setzt sich mit Klara an den Tisch.

Ich gehe in Josefs Zimmer. Josef schläft. Herzfrequenz 110. Sauerstoffsättigung 95. Die Schwester steht an seinem Bett. Gibt ihm Medikamente und Tee über den Bauchschlauch. Ich frage nach der Nacht. Josef schlief ruhig, sagt sie. Sie hat ihn extra inhaliert. Das Sekret ist sehr zäh. Kein Fieber. Vitalwerte waren im Normbereich. Gut, sage ich. Gut.

Die Schwester räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht auf. Verabschiedet sich. Klara geht los. Los in die Schule. Ich winke ihr nach bis ich sie nicht mehr sehe. Josef schläft. Ich küsse ihn. Lege meine Hand auf seinen Kopf. Josef, mein Josef. Uli kommt zu uns. Bereitet die Inhalette vor.

Es klingelt. Die Schwester. Josef wird wach. Uli nimmt Josef aus seinem Bett. Inhaliert. Saugt ab. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Zeige der Schwester die PEG. Reizlos.

Uli geht los. Hat einen Termin. Ich halte Josef in meinem Arm. Setze ihn in den Therapiestuhl. Mein Josef. Wie schnell sich alles verändert. Anders ist. Heute sitzt du wieder in deinem Therapiestuhl. Als hätte es die Krise nicht gegeben.

Ich küsse Josef. Mit der Schwester rede ich wenig. Bin konzentriert auf die Dinge, die Josef betreffen. Ich gebe Josef seinen Morgenbrei. Tee. Medikamente.

Um 10.15 Uhr klingelt es. Die liebe Logopädin. Ich freue mich. Sie begrüßt Josef mit ihren Händen. Berührt seine Arme und Beine. Arbeitet sich bis zu seinem Gesicht vor. Seinen Kopf hat Josef zur Seite gedreht. Ich küsse ihn. Josef, mein Josef. Er reagiert auf die Reize. Nicht.

Du musst nicht, mein Josef. Du musst nichts müssen. Ich bin einfach nur erleichtert. Froh und erleichtert über die Krisenpause. Die Momentane Krisenpause. Josef, mein Josef.

Die Logopädin verabschiedet sich. Ich mich auch. Frage die Schwester, ob ich gehen darf. Eine kleine Runde Laufen. Nur für mich. Eine halbe Stunde nur. Ob ich darf? Das Telefon werde ich dabei haben. Erreichbar sein.

Ja, sagt sie. Ja. Ich gehe los. Laufe. Laufe. Versuche mich zu spüren. Mich in mir zu verorten. Das Telefon klingelt. Die Schwester. Josef ist zyanotisch geworden. Ganz plötzlich. Sie hat ihn abgesaugt. Inhaliert. Herzfrequenz 150. Sauerstoffsättigung 95. Ich komme, sage ich. Komme. Bin in Gedanken und Gefühlen schon wieder dort.

Ich war zu früh erleichtert, denke ich. Zu früh. Denke dann. Ich kann nur im Moment sein. Weder vorfühlen noch nachfühlen. Weder vorerleichtert sein noch nacherleichtert. Einatmen und Ausatmen.

Zu Hause. Josef in den Armen der Schwester. Ganz schwer ist seine Atmung. Seine Augen sind halboffen. Oder halbgeschlossen. Ich nehme ihn. Küsse ihn. Er schläft in meinen Armen ein. Ich halte ihn. Bleibe auf dem Sofa neben der Schwester sitzen. Es ist zu nah. Sie setzt sich unaufgefordert auf ein Kissen auf den Boden. Wir sind still miteinander.

Um 12.45 klingelt es. Die Physiotherapeutin. Zu früh. Egal, denke ich. Egal. Hauptsache, sie kommt. Ist da. Sie dreht und wendet Josef. Mobilisiert Sekret. Es ist grün. Grün. Grün. Ich weiß, was das bedeutet. Ein Infekt. Medikamente. Inhalieren. Es geht wieder los. Einatmen und Ausatmen.

Dabei, denke ich. Dabei habe ich noch gar nicht genug Kraft getankt. Josef schläft ein. Die Physiotherapeutin legt ihn in sein Bett. Geht wieder. Ich habe ihr heute nicht wirklich zugehört. Ihren Geschichten von dort draußen. Von den anderen kranken Kindern nicht gelauscht. Hatte keinen Platz dafür in mir. Kein Platz und keine Energie.

Uli kommt. Bringt Klara mit. Die Schwester verabschiedet sich. Josef, mein Josef. Uli ruft das SAPV-Team an. Sagt, Josef. Es geht wieder los. Grünes Sekret. Schlechte Atmung. Sie besprechen den Plan. Inhalation. Medikamente. Morgen dann Hausbesuch. Einatmen und Ausatmen.

Wir essen Abendbrot. Ich gebe Josef den Abendbrei. Küsse ihn. Halte ihn. Wir schauen zusammen Kinderfernsehen. Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht das Hörspiel an.

Josef liegt auf mir. Seine Atmung zieht. Inhalation. Absaugen. Tee. Medikamente. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 110. Sauerstoffsättigung 95.

Es klingelt. Die Schwester. Wir gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 08.06.2019


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