465 | Der Wecker klingelt. Es ist 6.30 Uhr.

, Zu Hause 2

Der Wecker klingelt. Es ist 6.30 Uhr. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Begegne der Schwester im Flur. Guten Morgen, sage ich. Guten Morgen. Einatmen und Ausatmen. Es ist mir unangenehm. Mich im Schlafanzug zu zeigen. Ungewaschen. Einatmen und Ausatmen.

Ich wasche mich. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Draußen ist es hell. Kinder kommen. Werden in den Frühhort gebracht. Die Schule wird munter. Reckt und streckt sich. In den Klassenzimmern gehen die Lichter an. Nach und nach.

Ich decke den Frühstückstisch. Klara ist schon da. Kuschelt sich an mich. Kurz. Ich komme gar nicht dazu, sie zu küssen. Uli setzt sich zu Klara. Ich gehe in Josefs Zimmer. Er ist wach. Mein Josef.

Er liegt auf den Knien der Schwester. Mit dem Kopf nach unten. Das Sekret läuft aus seiner Nase und seinem Mund. Seine Augen fallen fast wieder zu. Er sieht entspannt aus. Ich knie mich zu ihm. Streichele seinen Kopf. Küsse ihn.

Frage die Schwester nach der Nacht. Naja, sagt sie. Er schlief unruhig. Sie hat ihm mehr Flüssigkeit gegeben. Extra inhaliert. Die Herzfrequenz war erhöht. Kein Fieber. Keine Krämpfe. Heute Morgen hat er stark gepresst. Stuhlgang. Jetzt schlummert er wieder ein.

Ich nehme Josef. Ganz vorsichtig. Weiß ich doch. Jede Lageveränderung stresst ihn. Kann eine Krise auslösen. Krämpfe. Oder Sekretverlegung. Oder Beides. Ich lege Josef auf meine Knie. Die Schwester räumt auf. Spült die Inhalette aus. Die Absaugbehälter. Wechselt die Spritzen aus. Zieht die Medikamente auf.

Klara geht los. Los in die Schule. Ich sehe sie. Kann nicht aufstehen und winken. Josef liegt ja auf meinen Knien. Einatmen und Ausatmen. Die Schwester verabschiedet sich. Schlaf gut. Danke.

Uli kommt ins Zimmer. Er hat heute Urlaub. Am Nachmittag fahren wir zur Osteophatin. Allein. Ohne Schwester. Nur Josef, Klara, Uli und ich.

Um 8.00 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich bin noch gar nicht bereit für sie. Innerlich nicht und äußerlich auch nicht. Ich bleibe einfach sitzen. Mit meinem Josef. Die Schwester wäscht sich die Hände. Kommt in Josefs Zimmer. Stellt sich ans Bett. Ich sitze auf dem Sofa. Ich frage, ob es in Ordnung ist. So. Ich Josef gleich waschen und anziehen werde.

Ja, sagt sie. Ja. Ja, denke ich. Ja, ja, ja. Dann drehe ich Josef. Ganz vorsichtig. Die Schwester saugt ihn ab. Ich ziehe Josef vorsichtig aus. Die Schwester bringt eine Schüssel mit Wasser. Ich wasche Josef. Ziehe ihn vorsichtig an. Dann gebe ich ihn ihr. Verlasse das Zimmer.

Um 9.40 Uhr klingelt es. Die Physiotherapeutin. Zu spät. Ich muss aufhören, darauf zu achten, denke ich. Sie dreht und wendet Josef. Er schläft ein. Sie legt ihn ins Bett. Herzfrequenz 128. Sauerstoffsättigung 95.

Ich frage die Physiotherapeutin nach einem zweiten Therapeuten. Da ich den Eindruck habe, sie kann die Verordnungen vom Pensum kaum bewältigen. Sie ist verwundert. Sagt, sie fragt nach. Gut, sage ich. Gut. Merke, dass ich sie irritiert habe. Einatmen und Ausatmen.

Josef, mein Josef schläft. Ich mache mir zu schaffen. In der Wohnung. Sortiere Wäsche. Putze die Bäder. Josef in seinem Zimmer. Mit der Schwester.

Gegen 13.00 Uhr hole ich Klara vom Hort. Der Schwester begegnen wir auf dem Hof. Bis morgen, sagt sie. Bis morgen. Uli winkt uns. Aus Josefs Zimmer. Mit Josef im Arm. Die Sachen sind gepackt. Ich lege Josef in den Kinderwagen.

Wir fahren mit dem Bus und der S-Bahn. Versuchen es. Josef im Kinderwagen. Die Absauge. Im Kinderwagen. Die Wickeltasche mit den Kathetern. Medikamenten. Tee. Brei. Wir kommen gut durch. Es fällt keine Bahn aus. Ich bin angespannt. Die ganze Zeit.

Niemand nimmt wahr, dass Josef schwerstkrank ist. Niemand stört es. Wir tauchen ein. In der großen Stadt. Mit Josef. In dieser Welt. Es fühlt sich befreiend an.

Bei der Osteophatin. Wir kommen gleich ran. Ich ziehe Josef aus. Ihre Hände. Sie legt ihre Hände auf seinen Rücken. Dann auf seinen Kopf. Sagt wenig. Spürt. Spürt Leben. Es strömt, sagt sie. Klara sitzt dabei. Langweilt sich. Dann sind wir fertig. Ich gebe Josef seinen Brei. Medikamente. Tee.

Wir fahren wieder los. Durch die Stadt. Kaufen unterwegs einen Donut für Klara. Einen bunten. Mit Streuseln.

Zu Hause. Josef schläft. Ganz entspannt. Das ist schön. So friedlich, mein Josef. Wir essen Abendbrot. Schauen Kinderfernsehen. Uli liest Klara vor. Macht ihr das Hörspiel an. Josef liegt auf meiner Brust. Wir atmen zusammen. Einatmen und Ausatmen.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 110. Sauerstoffsättigung 98. Wir erzählen vom Tag. Gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 09. 03. 2019

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