526 | Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker.

, Zu Hause 2

Um 7.00 Uhr klingelt der Wecker. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Ich bin angespannt. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee.

Es ist bewölkt. Den Schulhoffuchs habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Ich gehe in Josefs Zimmer. Er ist wach. Mein Josef. Die Schwester saugt ihn gerade ab.

Ich nehme Josef in den Arm. Seine Atmung zieht. Ich küsse ihn. Vielleicht hilft es. Ich frage nach der Nacht. Josef schlief mit dem Schmerzmittel ganz gut, sagt sie. Die Vitalwerte waren im Normbereich. Okay, sage ich. Okay. Weiter beobachten.

Ja, sagt sie. Wer weiß? Wer weiß schon was wie wird, denke ich. Wer weiß das schon? Und doch ist es schwer. Im Hier und Jetzt zu sein. Das Gefühl, hilflos zu sein. Auszuhalten. Einzuatmen. Auszuatmen.

Nicht zu verschwinden in den Spekulationen. Und doch. Und doch. Und doch. Es hilft ja nichts. Zu verschwinden im ausgedachten Morgen. Ich kann nicht fliehen vor dem Heute. Vor dem was jetzt ist. Und jetzt. Jetzt gerade zieht Josefs Atmung.

D.h. ich muss ihn inhalieren. Seine Atmung frei machen. So wie wir es immer machen. So wie wir es mit den Ärzten abgesprochen haben. Über Monate ausgetüftelt haben. Mit den Ärzten und Josef zusammen. Einatmen und Ausatmen. Ich inhaliere Josef. Die Schwester verabschiedet sich.

Uli kommt zu uns. Mir laufen Tränen. Uli saugt Josef ab. Weil er es besser kann als ich. Josef unerschrockener helfen kann. Klara schaut fern. Ich bringe ihr Tee. Einen warmen Tee. Für einen warmen Bauch.

Ich nehme Josef wieder. Lege ihn mir über die Knie. Helfe ihm beim Atmen. Uli deckt den Frühstückstisch. Holt Brötchen vom Bäcker. Ich küsse Josef. Ziehe ihn vorsichtig um. Habe das Gefühl, er schwebt. Nicht sanft wie in den letzten Tagen. Es ist ein anderes Schweben.

Wir frühstücken. Josef bekommt seinen Morgenbrei. Ich setze ihn vorsichtig in seinen Therapiestuhl. Seine Augen sind halb geöffnet. Ich schiebe Josef an das Fenster. Mütze auf seinem Kopf. Eingekuschelt. Frischlufttherapie. Einatmen und Ausatmen.

Ich telefoniere mit der Mutter. Mit der Mutter von Klaras Freundin. Die Freundin darf uns besuchen. Uli und ich haben es so beschlossen. Es ist wichtig. Für Klara. Für uns. Für Josef. Josef wird inhaliert. Abgesaugt.

Dann gehen wir spazieren. Halten es nicht aus. In der Wohnung. Das Warten. Das Warten auf was auch immer. Uli schiebt Josefs Wagen. Ich schaue immer Josef an. Immer. Meine Augen sind auf ihn gerichtet. Wir gehen mit Josef eine Gartenrunde.

Dann sind wir zu Hause. Haben Kuchen mitgebracht. Vom Bäcker. Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Josef schwebt. Josef, mein Josef. Es klingelt. Die Freundin. Klara freut sich. Sie setzten sich auf den Balkon. Auf die Schaukel. Erzählen. Schaukel. Essen Donuts. Trinken Kakao. Und Josef schwebt.

Uli und ich. Wir warten. Auf was warten wir, Uli? Auf was? Ich lege mir Josef auf meine Brust. Wir atmen zusammen. Das Sekret läuft aus seiner Nase und seinem Mund. Das ist gut. Josef ist blass. Blass und erschöpft. Inhalieren. Absaugen. Inhalieren.

Es klingelt. Klaras Freundin wird abgeholt. Sie umarmen sich. Lachen laut miteinander. Das ist schön. Das ist doch auch unser Leben. Das ist es doch auch.

Zusammen essen wir Abendbrot. Ich gebe Josef seinen Abendbrei. Tee. Medikamente. Uli lässt Wasser in die Wanne. Für die Kinder. Ich ziehe Josef langsam aus. Er ist schlapp. Schwebt.

Das fühle ich. Seinen Schwebezustand. Wie verhält man sich in solch einem Zustand, denke ich. Wir leben mit dir, mein Josef. Auch wenn du schwebst. Nicht mehr ganz hier zu sein scheinst. Wir leben mit dir.

Klara und Josef baden. Josef ist blass. Schwebt im Wasser. Auch hier schwebst du. Das darfst du, mein Josef. Das darfst du. Uli nimmt Josef aus der Wanne. Ich trockne ihn vorsichtig ab. Küsse Josef. Öle ihn ein. Ziehe ihm den Schlafanzug an.

Lege mir Josef auf meine Brust. Er ist ganz entspannt. Schlapp. Wir atmen zusammen. Schauen Kinderfernsehen. Uli bringt Klara in unser Bett. Liest ihr vor. Macht das Hörspiel an. Josef liegt auf mir. Schläft.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 135. Sauerstoffsättigung 92. Wir besprechen mit der Schwester den Plan für die Nacht. Zusätzliche Inhalationen. Sollte sich Josefs Zustand verschlechtern, soll sie uns wecken. Ja, sagt die Schwester. Ich hoffe nicht. Wir gehen ins Bett.

Veröffentlicht am: 09. 05. 2019


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