Vor dem Weckerklingeln bin ich wach.

Klara und Uli schlafen noch. Ich pumpe Milch ab. Stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe ins Wohnzimmer. Josef liegt im Arm der Schwester. Sie inhaliert ihn gerade. Josef schlummert noch. Seine Augen fallen immer wieder zu. Ich traue mich nicht, ihn vor der Schwester zu küssen. Sie ist mir so fremd.

Ich gehe in die Küche. Stelle die leeren Milchflaschen in den Geschirrspüler und die vollen in den Kühlschrank. Ich setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Dann gehe ich ins Wohnzimmer. Die Schwester ist mit dem Inhalieren fertig. Saugt Josef ab. Ich nehme Josef. Küsse ihn dann doch. Frage nach der Nacht. Sie sagt, es war ruhig. Gegen Mitternacht hatte Josef wahrscheinlich Bauchschmerzen. Er hat ein Kümmelzäpfchen bekommen und ein Wärmkissen. Dann war es besser. Das Sekret ist etwas fester, sagt sie. Dann spült sie die Inhalette aus. Verabschiedet sich.

Uli kommt zu uns. Öffnet die Terrassentür. Die frische Sommerluft strömt ins Wohnzimmer. Ich nehme meinen Josef. Wir setzen uns auf die Schaukel. Uli bringt den Kaffee. Josef ist das Schaukeln zu viel. Er wird ganz fest in seinen Armen und Beinen. Ich setze mich auf einen Stuhl mit meinem Josef. Küsse ihn. Halte ihn. Er beruhigt sich. Wird weicher. Schlummert wieder ein.

Heute sind wir nicht so still. Erzählen über gestern. Wie gut es uns tat. Schmieden Pläne. Wollen heute mit den Kindern an den Badesee. Vielleicht kann das gut klappen? Wir sind mutig heute. Und stark. Uli deckt den Frühstückstisch. Schiebt Brötchen in den Ofen. Josef liegt auf meinem Schoß. Noch im Schlafanzug. Heute frühstücken wir im Schlafanzug. Ich gebe ihm vorsichtig seine Morgenmilch. Ganz vorsichtig. Ich achte darauf, keine Luftblase einzuschließen. Nach dem Frühstück packen wir die Sachen zusammen.

Ich ziehe Josef vorsichtig um. Wäre da nicht die Nasensonde, könnte man denken. Einatmen und Ausatmen. Ich sage mir, stopp. Nicht denken, was die anderen Menschen denken. Bei uns bleiben. Das tun, was uns gut tut.

Heute sind wir stark. Heute fahren wir an den Badesee. Mit Klara und Josef. Wir verstecken uns heute nicht. Uli trägt die Sachen ins Auto. Absauge. Katheter. Brei. Spritzen. Medikamente. Eine Decke. Handtücher. Badesachen. Wasser. Sonnencreme. Klara freut sich. Sie freut sich so sehr. Hatte kaum zu glauben gewagt, dass wir an den Badesee fahren. Ich bin ganz erfüllt von ihrem Glück.

Die Autofahrt klappt gut. Wir suchen uns einen ruhigen Platz. Im Schatten. Klara und Uli wollen gleich ins Wasser. Ich halte Josef in meinem Arm. Er hat nur noch den Body an. Einen blauen Sonnenhut auf seinem schönen Kopf. Neben uns steht die Absauge. Er ist ganz entspannt. Die Menschen um uns herum nehme ich kaum wahr. Sie uns auch nicht. Jeder ist bei sich. Das ist schön.

Uli und Klara kommen wieder. Ganz kalt sind sie. Vom Wasser. Klara berührt Josef. Mit ihrer kalten, nassen Hand. Josef reagiert nicht. Spürt er sie nicht? Oder kann er nicht reagieren? Du musst nicht, mein Josef. Du musst nichts müssen. Uli nimmt Josef. Ganz vorsichtig. Geht mit ihm zum See. Stellt Josefs kleine Füßchen in den See.

Er reagiert nicht. Josef reagiert auf die Reize nicht. Mir versetzt es einen Stich. Einen Stich in mein Herz. Von so Vielem müssen wir uns verabschieden. Haben keine Wahl. Müssen es annehmen. Aushalten. Das Alles so anders ist, mein Josef. Du musst nichts müssen, mein Josef. Dann fahren wir nach Hause. Es ist zu voll und zu warm geworden. Die Energie verbraucht.

Zu Hause. Ich inhaliere Josef. Uli saugt ihn ab. Wir sortieren die Sachen. Klara ist glücklich. So glücklich. Ein fast normales Wochenende. Josef schläft ein. Ganz müde und geschafft, mein Josef. Der Nachmittag verfliegt. Fliegt dahin. Die Terrassentür steht auf. Wir fühlen uns fast, als würden wir in den Bäumen sitzen. Zum Abendbrot gibt es Brot. Wir essen auf der Terrasse. Josef in meinem Arm. Ich gebe ihm vorsichtig seine Abendmilch.

Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Zusammen mit Klara schauen wir Kinderfernsehen. Uli liest ihr vor. Macht Klara das Hörspiel an. Josef liegt auf mir. Er entspannt sich. Mit jedem Atemzug entspannen wir uns. Heute bin ich glücklich. Schmerzhaft glücklich.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege den schlafenden Josef ins Bett. Herzfrequenz 130. Sauerstoffsättigung 95.

Um 3.00 Uhr pumpe ich Milch ab. Gehe ins Wohnzimmer. Josef schlummert. Alles gut? Ja, sagt die Schwester. Ich gehe in die Küche. Stelle die Milch in den Kühlschrank. Gehe wieder ins Bett.