618 | Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr.

, Zu Hause 2

Der Wecker klingelt um 6.00 Uhr. Ich schalte ihn aus. Die Katze liegt eingekuschelt auf Ulis Sachen. Klara schläft neben mir. Sie atmet unhörbar. Ich küsse sie. Sage, guten Morgen. Heute fährst du an den Chiemsee. Aufwachen, meine Klara. Aufwachen. Sie schaut mich an. Dreht sich wieder um.

Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Kaltes Wasser in meinem Gesicht. Mir ist es schwer. Klara fährt heute. Ich packe ihr Waschtasche. Die Tür klappert. Ich warte im Bad. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee. Kaffee. Decke den Frühstückstisch.

Gehe auf den Balkon. Wolken sind am Himmel. Zarte Wolken. Ich gehe in Josefs Zimmer. Er schläft. Die Schwester inhaliert ihn im Schlaf. Meeresbrise, mein Josef. Meeresbrise. Ich streichele seine schönen Locken. Küsse ihn. Josef, mein Josef. Ich küsse ihn noch einmal.

Ob er wartet, denke ich. Bis seine Schwester wieder da ist. In mir zieht sich alles zusammen. Ich schäme mich für den Gedanken. Schäme mich. Ich verlange zu viel. Verlange zu viel. Ich frage nach der Nacht. Josef schlief durch. Allerdings nur mit Schmerzmitteln und Notfallmedikament. Er hatte viele Atemaussetzer. Hohe Herzfrequenz. Kein Fieber. Okay, sage ich. Okay.

Klara kommt. Ich gehe mit ihr in die Wohnküche. Sie schiebt sich auf den Stuhl. Ist still. Isst ihre Cornflakes. Ich küsse sie immer wieder auf ihren Kopf. Uli kommt. Ich stehe auf. Packe Klaras Sachen zusammen. Schaue, ob sie alles hat.

Mein Herz ist schwer. Und doch weiß ich, es ist wichtig. Wichtig, dass sie Ferien hat. Nicht nur mit uns ist und wartet. Auf was auch immer. Warten. Nichts tun können. Klara geht zu Josef. Küsst ihn. Verabschiedet sich. Ich umarme Klara. Küsse sie. Umarme sie noch einmal.

Dann fahren Uli und Klara los. Zum Bahnhof. Die Schwester räumt. Spült. Wechselt aus. Zieht auf. Geht los. Schlaf gut. Danke. Ich öffne die Fenster. Lass den Sommermorgen in Josefs Zimmer. Der Sommer, mein Bär. Noch ein Sommer.

Ich setze mich zu Josef. Trinke meinen Kaffee. Bin angespannt. Hoffe. Hoffe. Er bleibt stabil. Bis Uli da ist. Josef wird wach. Ich schalte den Monitor aus. Nehme ihn vorsichtig aus seinem Bett. Küsse ihn. Er ist schlapp. Hat kaum Körperspannung. Ich inhaliere Josef. Sauge ihn vorsichtig ab. Lege ihn über meine Knie. Damit das Sekret rauslaufen kann.

Er atmet unregelmäßig. Ich küsse ihn. Drehe ihn wieder um. Halte ihn in meinem Arm. Er zuckt. Seine Augen wandern immer nach rechts oben. Seine Zunge wackelt. Ich hole das Notfallmedikament. Gebe es Josef. Tee. Dazu. Über den Bauchschlauch. Küsse Josef. Mir laufen Tränen.

In deinem Kopf, mein Josef. Spielt alles verrückt. Alles verrückt. Kaputt. Soviel kaputt. In deinem Kopf. Josef fällt in sich zusammen. Ich halte ihn in meinem Arm. Lege ihn dann auf das Lagerungskissen. Malta heißt es. Malta das Lagerungskissen. Weil es so aussieht wie die Insel, sagte der Rehatechniker.

Uli kommt nach Hause. Erzählt. Klara im Zug. Eine lange Reise. Dieses Mal haben wir ihr ein Handy mitgegeben. Wir frühstücken. Josef schläft den ganzen Tag. Sobald er wach wird, krampft er. Wir geben ihm großzügig Medikamente. Damit er und wir die Krämpfe nicht aushalten müssen. Ich und wir wissen nicht, was gut oder falsch ist. Aushalten. Der Krämpfe. Etwas dagegen geben. Dafür schläft Josef. Die ganze Zeit. Wie wissen es nicht.

Heute entscheiden wir uns für die Medikamente. Möchten mit Josef nicht die vielen Atemaussetzer aushalten. Das Zucken. Krampfen. Stöhnen. Weinen. Am Nachmittag gehen wir spazieren. Legen Josef in seinem Rehabuggy. Ein Tuch spanne ich über eine Seite. Wegen der Sonne. Josef schläft. Seine Augen sind halb offen. Oder geschlossen. Kann sie nicht ganz schließen. Seine Augen.

Zu Hause. Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Er schlummert. Die ganze Zeit. Mein Herz ist schwer. Heute. Ob Klara schon angekommen ist? Wir essen Abendbrot. Brot. Josef bekommt seinen Abendbrei. Tee. Medikamente.

Das Telefon klingelt. Klara ist dran. Sie weint. Hat Heimweh. Es ist so anders dort, sagt sie. So viele Kinder. Sie gibt mir ihre Betreuerin. Wir erzählen kurz. Ich bitte sie, Klara zu trösten. In den Arm zu nehmen, wenn sie es möchte. Dann spreche ich mit Klara.

Sie sagt, es geht schon. Wird schon besser. Nachher gehen sie zusammen zum See. Ich höre ihr zu. Sage, ich denke an sie. Sage, wie lieb ich sie habe. Sage, wie stolz ich bin. So eine lange Reise. So viele neue Menschen. Wünsche ihr eine gute erste Nacht. Mir laufen leise Tränen. Leise Tränen. Sie ist doch erst 8 Jahre. Acht Jahre.

Uli spricht auch mit ihr. Sie lachen, bevor er auflegt. Josef, mein Josef. Er schläft auf mir. Ich lege ihn in sein Bett. Herzfrequenz 130. Sauerstoffsättigung 93.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Wir gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 09. 08. 2019


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