Klara schläft. Ganz eingekuschelt liegt sie im Bett.

, Kinderhospiz

Klara schläft. Ganz eingekuschelt liegt sie im Bett. Im Elternzimmer. Uli. Wo ist Uli? Es ist 6.00 Uhr. Ich schwebe. Außerhalb von. Wie in einer Blase. Fühle mich nicht.

Kein Schlaf. Kein Hunger. Atmen. Atmen. Ja. Josef, mein Josef. Hörst du? Tränen. Laute Tränen. Ich darf Klara nicht wecken. Ich ziehe mich an. Gehe ins Bad. Wieder zu Klara. Küsse sie. Sie schläft weiter. Schlaf, meine Klara. Schlaf.

Ich gehe die Treppe runter. Durch das Foyer. Den Gang entlang. Zum Abschiedsraum. Öffne die Tür. Mein Herz. Bis zum Hals. Eine Kerze brennt. Josef, mein Josef. Uli steht daneben. Tränen. Laute Tränen. Ich streiche über seinen Rücken. Wir halten uns.

Josef, mein Josef. Wie schön du doch bist. Ich berühre ihn. Ganz kalt ist Josef. Ganz kalt. Ich streichele seine schönen Locken. Seine wunderschönen Locken. Küsse ihn. Ganz kalt. Mein Bär, ganz kalt. Ich decke dich zu, mein Bär. Decke dich zu. Blumen liegen bei Josef. Blumen.

Irgendwann klopft es. Der Pfleger. Welch ein Segen. Fragt, was kann ich tun? Kaffee? Tee? Wasser? Ich weiß nicht, sage ich. Weiß doch nicht? Kaffee, sagt er. So wie ihr ausseht. Gut, sage ich. Gut. Uli und ich. Stehen da. Tränen. Laute Tränen. Lautes Schluchzen. Halten uns fest.

Es klopft. Der Pfleger. Mit Kaffee. Tee. Wasser. Für den Fall, sagt er. Wir reden. Er fragt, ob er sich kümmern soll? Mit dem Bestatter telefonieren. Ja, sage ich. Ja. Er geht. Kommt. Sagt, der Bestatter kommt nachher. Kurz. Bringt einen Sarg mit. Gut, sage ich. Gut. Weiß nicht mehr, was gut für mich bedeutet. Weiß nicht mehr, was was bedeutet.

Wir sitzen bei Josef. Haben uns gesetzt. Trinken heißen Kaffee. Ganz heiß. Brote hat er auch mitgebracht. Der Pfleger. Ich habe keinen Hunger. Spüre nicht mehr. Hunger. Durst. Schmerz. Den ja. Den ja.

Zu Klara. Wir gehen zu Klara. sie wird wach. Fragt, ob sie fernsehen darf. Ja, sage ich. Ja. Es ist ja Wochenende.

Frühstück. Im Gemeinschaftsraum. Stille. Menschen berühren mich. Umarmen. Sprechen mit mir. Ich erzähle immer wieder. Von Josef. Sage, ich bin stolz auf Josef. Ganz stolz. Gut hat er es gemacht. Gut. Menschen kommen mit. Zu Josef. Wir sind dabei.

Entscheiden dann. Decken ihn zu. Schützen Josef. Schützen unseren Josef. Seine Hand ist zu sehen. Darf berührt werden. Seine kleine schöne Josefhand. Josef, mein Josef. Menschen kommen. Von weit her. Sprechen. Weinen. Jemand bringt Donuts mit. Bunte Donuts.

Die Hauswirtschaftsfrau hat einen Kuchen gebacken. Kaffee. Tee. Wasser. Klara. Klara, meine Klara. Sie kommt und geht. Spielt mit den Geschwisterkindern. Blumen. Viele Blumen. Ein Apfel. Für Josef. So viele Blumen, mein Bär. So viele.

Der Bestatter kommt. Wir reden. Sitzen im Wintergarten. Den Sarg hat er mitgebracht. Fragt, wo Josef beerdigt werden soll? Weiß nicht. Weiß doch nicht. Sollen uns Zeit lassen, sagt er. Zeit. Am Dienstag, sagt er, müssen wir Josef spätestens abholen. Tränen. Ja, sage ich. Ja. Weiß nicht, was soll es bedeuten. Was? Er geht.

Den Sarg. Den Sarg tragen wir in einen anderen Raum. Morgen wollen wir ihn bemalen. Den Sarg bemalen. Mir geht alles so schnell. Und muss doch so. Ich bin nicht da. Und ganz präsent. Gleichzeitig. Menschen kommen. Gehen.

Josef, mein Josef. Die Sonne scheint. Ein schöner Herbsttag. Klara? Wo ist Klara? Im Jugendzimmer. Schaut einen Film.

Ich gehe in unsere Wohnung. Allein. Tränen. Laute Tränen. Ich packe Katheter. Spritzen. Schläuche zusammen. Den Monitor. Die Absaugen. Medikamente. Will das nicht mehr. Will es nicht.

Ich gehe ins Kinderhospiz. Wir sind allein. Mit Josef. Mit Klara. Ich küsse ihn. Klara ist langweilig. Bei Josef. Geht wieder zu den Geschwisterkindern. Ich spüre Ruhe. Tiefe Ruhe. Nie gefühlte Ruhe.

Es klopft. Das SAPV-Team. Umarmungen. Tränen. Wir reden lange. Über Josef. Uns. Lachen. Dann auch. Über was? Über was nur? Es tut mir gut. Die Pause. Von den Tränen. Der Pfleger. Immer noch da. Für uns. Er wechselt die Tücher aus. Unter Josefs Mund. Ich fühle mich sicher mit ihm. Dem Pfleger. Hier mit uns. Ganz sicher. Gehalten.

Das SAPV-Team verabschiedet sich. Umarmungen. Es fühlt sich warm an. Ganz warm und gut. Ruhe. Ich spüre Ruhe. Schmerz. Glück. Wärme. Traurigkeit. Josef, mein Josef. Ich küsse ihn. Wir gehen zu Klara. Bringen sie ins Bett. Schlafen. Irgendwann.

Veröffentlicht am: 04.10.2019


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