Es ist immer noch weiß draußen

Der Schnee blieb über Nacht liegen. Schön ist das. Ich rufe in der Klinik an. Guten Morgen, hier ist die Mama von Josef. Wie geht es ihm? Wie war seine Nacht? Ach, die Mama von Josef. Ein Lachen am Telefon. Gut, geht es ihm. Er hat gut geschlafen. Lassen sie sich Zeit, heute. Wir sind ja bei ihm. Sie haben sicher Einiges zu tun. Ja. Wir kommen trotzdem. Heute Vormittag. Heute nicht so lange. Danke. Ich pumpe Milch ab. Uli kocht Kaffee und deckt den Frühstückstisch. Klara ist heute sehr müde. Freitag. Das kann ich verstehen. Nach dem Frühstück bringen wir Klara in die Schule. Am Schultor wartet schon Emma. Zusammen laufen sie in die Schule. Es ist schön die beiden zusammen zu sehen.
Durch den Berufsverkehr fahren wir in die Stadt. Heute geht es gut voran. Die Stadt scheint sich an den Schnee gewöhnt zu haben. Heute müssen wir weider etwas länger in die Klinik laufen. Der Schnee knirscht unter unseren Schuhen und wir reden darüber, was heute noch zu tun ist. In ein Möbelgeschäft wollen wir fahren. Regale und Kisten kaufen für Josefs Dinge zu Hause. Für die Katheter, Spritzen, Schläuche. Das alles wird viel Platz brauchen. Einen Wasserkocher wollen wir auch besorgen. Großen Respekt haben wir vor den Empfehlungen der Palliativärztin.
Am Abend wollte ich mit der zukünftigen Kinderärztin von Josef telefonieren. Bisher hatten wir Mails hin und her geschickt. Nun wird es Zeit miteinander zu sprechen.
Wir gehen durch die Notaufnahme. Die Treppe rauf. Klingeln. Die Schleuse öffnet sich. Wir gehen den Gang runter. Rechts. Schließen unsere Sachen ein. Desinfizieren unsere Hände. Ich stelle dich Milch in den Kühlschrank. An den beiden Inkubatoren vorbei gehen wir in Josefs Zimmer. Er wird wach. Ich höre es an seiner Atmung. Sie wird lauter und rauschender. Ich küsse ihn. Möchte mit Berührungen warten bis meine Hände warm sind. Guten Morgen, lieber Josef, guten Morgen. Josef müßte abgesaugt werden. Was machen wir? Uli benutzt die Klinikabsauge. Das geht jetzt erstmal schneller. Guten Morgen, mein Josef. Ich berühre ihn ganz vorsichtig. Etwas durchgeschwitzt ist er. Ich liebe seinen Geruch. Vorsichtig ziehe ich Josef aus. Ganz vorsichtig. Damit die Magensonde nicht raus rutscht. Haben wir eigentlich gefragt, ob der Pflegedienst Nasensonden wechseln kann? Nein. Nachher müssen wir die Pflegedienstleitung anrufen und fragen, ja. Ich mache die Windeln. Messe seine Temperatur. 37,1. Alles gut.
Uli legt mir Josef zum Kuscheln auf den Schoß. Die Schwester bringt die Milch zum Sondieren. Ganz langsam fange ich an zu sondieren. Nebenbei sprechen wir. Sprechen und sprechen über alles was noch zu tun ist. Josef, mein Josef, du kommst nach Hause. Nur noch wenige Tage. Unser Baby kommt nach Hause. Die Elternberatung schaut nach uns. Wir sprechen über die Dinge. Über Katheter der Absauge, Spritzen, Schläuche, Elektroden, Nasensonden. Ob wir alles haben und es erstmal reicht. Wir denken schon. Wir wissen es nicht. Denken aber schon. Wir sind aufgeregt, sagen wir. Ja, das glaube ich ihnen. Sie schaffen es. Gut. Wenn sie das sagen, dann schaffen wir es.
Die Physiotherapeutin kommt dazu. Ob wir die Babyschale dabei haben. Sie ist noch im Auto. Uli eilt und holt sie. Unglaublich schnell ist er wieder da. In der Zeit bin ich mit dem Sondieren fertig. Vorsichtig setzen wir Josef in die Schale. Josef dreht den Kopf zur Seite. Wir kippen die Schale so, dass er fast liegt. Die Physiotherapeutin meint, so müßte es gehen. Doch, so müßte es gehen. Josef sieht fast gesund aus, wenn die Nasensonde nicht wäre. Ist er aber nicht. Josef ist nicht gesund. Nach der Physiotherapie legen wir Josef in sein Bett. Am frühen Nachmittag verabschieden wir uns. Müssen ja noch in das Möbelhaus. Lieber Josef, hab einen guten Tag. Bis morgen, lieber Josef. Bis morgen.
Wir fahren in das Möbelhaus und sind überfordert. Mit den vielen Menschen, der Musik aus den Lautsprechern. Fokussiert versuchen wir unsere Dinge zusammen zu suchen. Danach verlassen wir sehr schnell den Möbelladen. Nun müssen wir noch einen Wasserkocher kaufen. Das geht zum Glück schnell. Dann holen wir Klara aus dem Hort ab. Die Erzieher meiden mich. Offensichtlich. Zu Hause machen wir den Rechner an. Josefkino.
Schön ihn zu sehen. Ich telefoniere lange mit der Ärztin. Nett ist sie. Sehr nett. Sie fragt, ob ich mit Josef nicht noch eine Reha machen möchte. Jetzt ziemlich schnell. Eine neurologische Reha. Ich sage, ich weiß nicht. Vielleicht später. Jetzt soll Josef nach Hause kommen. Erstmal. Gut. Sie hat zwei sehr gute Therapeuten für Josef. Eine Physiotherapeutin und eine Logopädin. Beide kommen nächste Woche zum Gespräch mit. Danke. So machen wir es. Uli fängt an, in der Wohnung zu räumen. Er hat einen Plan. Das ist gut. Uli hat einen Plan. Zum Abend essen wir Brot. Etwas anderes bekommen wir nicht hin. Brot, Brot und Brot. Zum Kochen nicht in der Lage. Egal. Ich rufe nochmal in der Klink an. Die Mama von Josef hier. Wie geht es ihm? Gut geht es ihm. Im Kinderwagen war Josef heute vorne mit am Tresen. Schön. Danke. Bis morgen dann! Küssen sie den Josef doch bitte. Ja. Schlaf gut Josef. Schlaf gut Klara.