Um 6.00 Uhr bin ich wach.

Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Dusche. Sage Uli, ich gehe zu Josef. Schnell laufe ich den Gang runter. Dann links. Ich habe das Gefühl, unbedingt bei ihm sein zu wollen. Jetzt. An diesem Morgen.

Um 6.30 Uhr. Josef, mein Josef schläft. Herzfrequenz 127. Sauerstoffsättigung 96. Ich streichele seinen Kopf. Halte seine kleine Hand. Sein Mund steht offen. Seine Augen sind fast geschlossen. Wie wunderschön er doch ist, unser Josef.

Es ist ruhig. Im Flur. Alle schlafen noch. Dann höre ich Schritte. Uli kommt. Er bringt Kaffee mit. Wir sagen nichts. Ich sitze bei Josef. Uli steht am Fenster.

Josef wird langsam wach. Seine Atmung klingt angestrengter. Uli bereitet die Inhalette vor. Ich nehme Josef langsam aus seinem Bett. Küsse ihn. Guten Morgen, mein Bär. Ich schalte den Monitor aus. Ich inhaliere Josef. Uli saugt Josef vorsichtig ab.

Ganz leicht fängt Josef an zu krampfen. Nach wenigen Minuten hört es von allein auf. Ich ziehe Josef vorsichtig um. Ganz vorsichtig. Küsse ihn immer wieder. Immer diese Küsse, mein Bär.

Uli packt die Absauge ein. Tee. Medikamente. Spritzen. Wickelsachen. Wir haben einen Termin in der Klinik. Josef bekommt ein EKG. Für 24 Stunden. Die Schwester kommt zu uns. Ich frage sie nach der Nacht. Sie sagt, es gab keine Besonderheiten. Josef hat keine erhöhte Temperatur mehr. Gut, sage ich. Dann fahren wir los.

Um 8.30 Uhr sind wir in der Klinik. Josef kommt sofort ran. Als wüssten alle, dass wir nicht so viel Zeit haben. Mit Josef. Nur nicht unnötig die Zeit vertrödeln mit Josef! Er bekommt ein EKG. Morgen sollen wir es wieder abgeben.

Schon sitzen wir wieder im Auto. Josef ist wieder eingeschlafen. Ganz schläfrig, mein Josef.

Im Kinderhospiz. Wir setzen uns in den Gemeinschaftsraum. Zum Frühstück. Es sind schon alle da. Eine junge Frau liegt im Bett. Ihr geht es heute nicht gut. Ich bin froh, dass sie trotzdem bei uns ist. Nicht allein in ihrem Zimmer liegt.

Ein Vater kommt. Er bringt gute Laune mit. Begrüßt die Schwestern und Pfleger herzlich. Uns auch. Fragt uns, wie es geht. Wir gehören ja auch dazu. Zu dieser Gemeinschaft. Es ist schön, von ihm gefragt zu werden. Schön zu sprechen. Mit ihm und den anderen Eltern. Scheinbar unbefangen zu erzählen.

Bis zu einer Grenze. Einer magischen Grenze. Wenn es um die Zukunft geht. Dann werden wir still. In uns gekehrt. Stumm. Weil wir doch nicht wissen. Das mit der Zukunft ist doch ganz anders. Hier. Im Kinderhospiz.

Der Vater holt heute seinen Sohn ab. Zum Wochenendbesuch zu Hause. Am Sonntag werden wir uns wiedersehen. Wie schön. Dann sehen wir uns wieder. Hoffentlich.

Nach dem Frühstück setzen wir uns mit Josef in den Garten. Ich habe ihn warm angezogen. Warm in eine Decke gewickelt. Wir sitzen ein wenig. Dann gehen wir wieder ins Haus. Josef, mein Josef schläft. Ganz schläfrig heute. Mein Josef.

Wir übergeben Josef der Schwester. Fahren los. Los zu Klara. Wir kommen nicht gut durch. Durch diese Stadt. Es ist voll. Dann sind wir an der Schule.

Klara wartet schon. Sie kommt uns entgegen. Umarmt mich. Sagt, ich dachte ihr kommt nicht. Ich halte sie fest. Sage, meine Klara. Wir vergessen dich nicht. Niemals. Ich küsse sie.

Dann steigt sie ins Auto. Ich gebe ihr Gummibärchen. Trostgummibärchen. Einatmen und Ausatmen. Diese Zerissenheit. Zwischen den Orten. Den Welten. Den Kindern. Einatmen und Ausatmen.

Im Kinderhospiz. Josef schläft noch. Hat unser Wegsein einfach verschlafen. Alles gut, sagt die Schwester. Alles gut. Welch eine Leichtigkeit hier. Trotz der Schwere. Sie tut mir gut, die leichte Schwere. Klara und Uli bringen Klaras Sachen ins Elternzimmer.

Ich bleibe bei Josef. Langsam wird er wach. Ich inhaliere Josef. Sauge ihn ab. Ganz automatisch. Ich nehme ihn vorsichtig aus dem Kinderwagen. Küsse ihn. Bin ganz vorsichtig. Wegen dem EKG.

Die Klinkclowns sind da. Klara freut sich. Sie zieht mit den Clowns von Zimmer zu Zimmer. Singt und tanzt mit ihnen. Die meisten Gäste können es nicht mehr. Das Singen und Tanzen. Können es nicht mehr.

Den Nachmittag verbringen wir im Gemeinschaftsraum. Gäste kommen dazu. Pfleger und Schwestern. Eltern auch. Es ist ein schöner Herbstnachmittag. Uli und ich halten abwechselnd Josef.

Zum Abendessen kommen weitere Gäste. Schwestern. Pfleger. Eltern. Es gibt Pizza heute. Es fühlt sich leicht an. In der Schwere.

Nach dem Abendessen gehen wir in Josefs Zimmer. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab. Klara ist bei uns. Zusammen schauen wir Kinderfernsehen. Josef liegt auf meiner Brust. Er entspannt sich. Ich spüre seine Atmung. Spüre wie die Spannung in seinem Körper nachlässt. Ich lege ihn vorsichtig in sein Bett. Herzfrequenz 128. Sauerstoffsättigung 95.

Wir schleichen uns leise aus seinem Zimmer. Sagen der Schwester Bescheid. Im Gemeinschaftsraum sind die beiden Geschwisterkinder. Sie sind gerade gekommen. Klara freut sich. Sie verabreden sich für morgen. Planen, was sie tun wollen. Dann gehen wir ins Bett. Uli liest Klara vor. Macht das Hörspiel an. Wir schlafen. Irgendwann.