497 | Um 6.40 Uhr bin ich wach.

, Zu Hause 2

Um 6.40 Uhr bin ich wach. Klara schläft. Ihren Kopf hat sie zu mir gedreht. Ihr Gesicht ist hinter ihren Haaren versteckt. Ich berühre sie sanft. Ich bleibe liegen. Schaue Klara beim Schlafen zu. Sie atmet kaum hörbar. Ganz gleichmäßig. Anders als ihr Bruder.

Es ist schön, einfach so liegen zu bleiben. Zu wissen, hier ist niemand Fremdes in der Wohnung. Hier tickt keine Pflegeuhr. Ich höre in der Wohnung Türen klappern. Kinderstimmen. Die Ersten sind schon auf. Ich bleibe noch etwas liegen. Genieße. Klara wird langsam wach. Dreht sich noch einmal zur Seite. Guten Morgen, meine Sonne. Klara knurrt leise und sagt, ich bin müde. Bleib noch liegen, sage ich.

Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Packe meine Waschuntensilien zusammen. Gehe wieder ins Zimmer. Ziehe mich an. Packe Klaras und meine Sachen. Langsam wird Klara richtig wach. Steht auf. Geht sich waschen. Zieht sich an. Der Frühstückstisch wird gedeckt. Kaffee gekocht. Aufbruchstimmung.

Um 10.00 Uhr müssen wir aus der Wohnung sein. Wir tragen die Taschen ins Auto. Bringen den Müll weg. Kehren die Wohnung. Winken dem Meer. Fahren los. Mit schwerem und freudigem Herzen.

Ich rufe Uli an. Frage. Alles gut, sagt Uli. Alles gut. Er hat gut geschlafen. Freut sich schon auf uns. Wir uns auch, sage ich. Wir uns auch. Josef, sagt Uli, hat auch gut geschlafen. Er ist wieder etwas brodelig. Viel Sekret. Kein Fieber. Gut, sage ich. Gut. Wir umarmen uns durch das Telefon.

Gegen Mittag sind wir da. Uli trägt unsere Taschen in die Wohnung. Wir trinken alle zusammen noch einen Abschiedskaffee. Dann gehen wir zu Josef. Ins Kinderhospiz. Ich bin aufgeregt. Freue mich so sehr auf meinen Josef.

Wir fahren mit dem Fahrstuhl in die zweite Etage. Vorbei am Pflegezimmer. Ich frage nach Josef. Der ist im Garten, sagt die Schwester. Uli geht in Josefs Zimmer. Packt seine Sachen zusammen. Ich fahre mit Klara wieder runter.

Wir gehen in den Garten. Die Sonne scheint. Josef liegt im Arm der Schwester. Zwei weitere Gäste sind bei ihnen. Ich nehme Josef. Er seufzt leise. Ich küsse ihn. Küsse und küsse ihn. Sage, mein Josef. Mein Bär. Wir setzen uns auf die Bank. Neben die Schwester. Ich streichele Josef. Küsse ihn.

Wir erzählen ein wenig. Lachen. Genießen die Sonne. Ich gebe Josef Tee und Medikamente durch den Bauchschlauch. Die anderen beiden Gäste liegen auf einem Lagerungskissen. Lassen sich von der Frühlingssonne kitzeln. Es ist schön, hier zu sitzen. Nur da zu sein. Nichts tun zu müssen.

Klara sitzt in der Nestschaukel und liest. Uli kommt und bringt Kaffee. Eine lange Weile sind wir im Garten. Dann werden die beiden Gäste in die Therapiestühle gesetzt. Ganz behutsam. Jede Bewegung wird kommentiert. Die Schwester geht nicht über sie hinweg. Ist ganz konzentriert bei ihnen.

Gemeinsam gehen wir ins Kinderhospiz. Verabschieden uns im Foyer. Die Schwester fährt mit den Gästen in den ersten Stock. Wir gehen nach Hause. Mit Josef. Uli hat seine Sachen schon in unsere Wohnung gebracht.

Zu Hause. Endlich kann ich Josef die Mütze abnehmen. Seine neue Frisur betrachten. Josef, mein Josef. Mit seinem kurzen Haarschnitt sieht er nicht mehr wie ein Baby aus. Sondern wie ein kleiner Junge. Wie ein 16 Monate alter kleiner Junge.

Ich küsse Josef. Wie schön du bist. Was du jetzt schon alles könntest, schießt es mir in den Kopf. Laufen? Die ersten Worte sagen? Papa. Mama. Klara. Wir würden uns vielleicht Bücher anschauen. Mit Bauklötzen spielen. Einatmen und Ausatmen.

Ich küsse Josef. Schäme mich für meine Gedanken. Schiebe sie weg. Diese Gedanken. Die Was-wäre-wenn-Gedanken. Josef, mein Josef. Du bist wie du bist. Du atmest. Mehr musst du nicht. Du musst gar nichts.

Josef wird inhaliert. Abgesaugt. Bekommt Tee. Medikamente. Seine Atmung zieht etwas. Ich inhaliere Josef öfter. Klara ist in ihrem Zimmer. Hört Hörspiel. Gegen 17.00 Uhr gehen Uli und Klara ins Kinderhospiz. Zur Musiktherapie. Ich bin mit Josef allein. Sitze mit ihm im Arm im Wohnzimmer. Die Sonne scheint. Es ist schön. Mir laufen Tränen.

Uli und Klara kommen nach Hause. Bringen Pizza mit. Josef in meinem Arm. Heute habe ich ihn nicht mehr hergegeben. Meinen Josef. Ich durchspüre Josef. Mit all meinen Fasern. Hab ja was nachzuholen.

Wir schauen Kinderfernsehen. Ich inhaliere Josef. Sauge ihn ab. Ziehe ihn um. Uli bringt Klara ins Bett. Liest ihr vor. Macht ihr das Hörspiel an. Josef liegt auf meiner Brust. Wir atmen zusammen. Einatmen und Ausatmen. Mit jedem Atemzug entspannt sich Josef. Ich bin glücklich.

Um 21.30 Uhr klingelt es. Die Schwester. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 120. Sauerstoffsättigung 96. Wir erzählen. Ein wenig. Gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 10. 04. 2019


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