Sehr früh stehe ich auf.

Es ist dunkel und sehr kalt. Ich rufe in der Klinik an. Josefs Mama am Telefon. Guten Morgen. Wie war die Nacht von Josef? Wie geht es ihm? Er hat wenig geschlafen. Ist erst gegen drei tief eingeschlafen. Nun schläft Josef. Sonst geht es ihm gut. Es war viel Sekret aubzusaugen. Gut. Uli und Klara werden kommen. Am Abend werde ich da sein. Gut. Nach dem Telefonat pumpe ich Milch ab. Ich packe alles für das Seminar ein. Ein Hefter. Die Milchpumpe. Behälter für die Milch. Kühltasche. Stilltee. Thermoskanne. Frühstücken werde ich unterwegs. Uli und Klara werden wach bevor ich los fahre. Durch die Dunkelheit haste ich zum Zug.
Ich bin mir nicht sicher, ob es eine gute Idee ist zum Seminar zu fahren. Ich fürchte die Reaktionen. Ich sage mir, ich kann jederzeit wieder fahren. Aushalten muss ich beim Seminar nichts. Ganz andere Sachen muss ich aushalten. Als ich beim Seminar ankomme fühle ich mich erst fremd. Was hat diese Welt mit mir zu tun? Was mache ich hier? Doch dann. Dann kommen die Kommolitonen auf mich zu. Umarmen mich. Sagen nicht viel. Was sollen sie auch sagen? Geben mir aber das Gefühl, dass es gut ist das ich da bin. Ich bleibe so lange ich kann, sage ich. Gut. Alle zwei Stunden gehe ich aus dem Seminar und pumpe Milch ab. Von den Inhalten bekomme ich nicht viel mit. Es ist eher ein Rauschen in mir.
Gegen 14.00 Uhr fahre ich los. Los zu Josef auf die Neonatologie. In vertraute Umgebung. Wie soll das nur werden, wenn Josef bei uns ist? Mir wird die Neonatologie wahrscheinlich fehlen. Die Schwestern und Ärzte. Die vertrauten Wege. Nun bin ich erstmal bei Josef. Ich gehe durch die Notaufnahme. Die Treppe rauf. Den Gang entlang. Ich klingel. Gehe durch die Schleuse. Den Gang runter. Dann rechts. Ich schließe meine Sachen ein. Desinfiziere meine Hände. Stelle meine Milch aus der Kühltasche in den Kühlschrank. Gehe an den Inkubatoren vorbei in Josefs Zimmer. Mein Josef, ich bin da. Ich küsse ihn. Meine Hände sind noch nicht warm genug für Berührungen. Die Schwester kommt zu mir. Sie meint, mein Mann und Klara seien gerade los. Gut. ich nehme Josef aus seinem Bett. Halte ihn einfach. Spüre seine Körperspannung, seine Wärme und sein Gewicht. Ich setze mich mit ihm. Genieße es mit ihm allein zu sein. Die Schwester fragt, ob ich ihn sondieren möchte. Ja. Gern. Ganz langsam sondiere ich Josef. Ganz langsam. Ich fühle mich sicher mit Josef hier. Ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit auf der Intensivstation. Scheinbar absurd. Aber so ist es. Gerade. Nach dem Sondieren lege ich Josef in sein Bett. Josef, ich fahre nach Hause. Erschöpft bin ich heute. Ich habe mich heute auf andere Menschen und die Welt bevor du da warst eingelassen. Davon bin ich gerade erschöpft. Ich küsse Josef und mache mich auf den Heimweg. Josef, bald nehmen wir dich auch mit nach Hause. Dann kommst du mit. Auf den Heimweg.
Es ist dunkel als ich nach Hause komme. In unserer Wohnung ist überall Licht. Das Wohnzimmer ist nun koplett umgeräumt. Uli hat auch den Heizstrahler über den Wickeltisch von Josef angebracht. Josef kann nun nach Hause. Auch der Wasserkocher für die Pflegekräfte steht schon im Bad.
Ich fülle noch den Antrag für das Elterngeld aus. Habe es gestern nicht geschafft. Morgen früh möchte ich ihn gleich in den Briefkasten werfen. Den Antrag für das Kindergeld von Josef hatten wir schon gestellt.
Zum Abendbrot gibt es Brot. Zu etwas anderem sind wir nicht in der Lage.
Der Rechner ist die ganze Zeit an. Josefkino. Josef, mein lieber Josef, bald bist du zu Hause. Nur noch zweimal schlafen. Dann bist du hier. Schlaf gut, Josef. Schlaf gut, Klara.