440 | Vor dem Weckerklingeln bin ich wach.

, Kinderhospiz

Vor dem Weckerklingeln bin ich wach. Das Licht der Schule weckt mich. Es ist ungewohnt, soviel Leben am Morgen zu spüren. Ich schalte den Wecker aus. Klara und Uli schlafen noch.

Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Wasche mich. Hier ist nun unser neues zu Hause. Wann wird es sich so anfühlen? Als neues zu Hause? Ich gehe in unsere Wohnküche. Schalte das Licht an. Sehe die Kinder in die Schule gehen. In den Frühhort.

Ich setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Dann gehe ich wieder ins Schlafzimmer. Wecke Klara. Sie steht auf. Geht ins Bad. Wäscht sich. Kommt in die Wohnküche. Es kommen immer mehr Kinder auf den Schulhof. Wenige Eltern bringen ihre Kinder. Verabschieden sich.

Es wird lauter. Angenehm laut. Kinderlaut. Dann werden die Kinder in die Schule gelassen. Es sieht aus, als würde die Schule alle Kinder einsaugen. Klara geht los. Heute möchte sie allein gehen. Ich winke ihr nach. Bis ich sie nicht mehr sehe.

Uli ist aufgestanden. Wir sind still. Schauen auf den Schulhof. Trinken Kaffee. Tee. Dann besprechen wir, was zu tun ist. Heute. Überall stehen Kisten. Regale müssen aufgebaut werden. Es ist viel zu tun. Wo anfangen? Einatmen und Ausatmen.

Wir gehen ins Kinderhospiz. Erst einmal zu Josef. Josef. Mein Josef. Er wird gerade gebadet. Unser Josef. Wir gehen ins Bad. Der Pfleger lässt Josef in der Wanne hin und her gleiten.

Sagt zu Josef, als er mit seinen Beinen an den Wannenrand kommt: Hier sind deine Füße, Josef. Dann berührt der Kopf die Wanne: Hier ist dein Kopf, Großer. Es ist schön, dabei zu sein. Ich fühle mich leichter. Leichter, weil ich das Gefühl habe, Josef wird gesehen. Wahrgenommen. Nicht abgearbeitet.

Das ist schön. Dann hebt der Pfleger Josef aus der Wanne. Ich übernehme Josef. Küsse ihn. Trockne Josef ab. Küsse seinen Bauch mit seinem Bauchschlauch. Seine Brust. Seine Stirn. Seine Füße und Hände. Ich öle Josef ein. Uli erzählt mit dem Pfleger.

Er sagt, der Pflegedienst hat angerufen. Sie können schon eher Josef übernehmen. Eine Schwester wird heute eingearbeitet. Gut, sagt Uli. Ruft selber beim Pflegedienst an. Die Pflegedienstleitung geht ans Telefon. Sagt, sie wollte uns auch anrufen. Gleich. Welch ein Zufall.

Sie kann uns nächste Woche schon ein Team zur Verfügung stellen. Ein Team ist frei geworden. Ein Kind ist gestorben. Am Montag. Sie hat mit den Kollegen gesprochen. Ab dem 18.2. könnte Josef nach Hause. Heute wird schon eine Schwester kommen. Zur Einarbeitung. Ob das in Ordnung ist für uns. Ja, sagt Uli. Ja. Danke, sagt Uli auch. Einatmen und Ausatmen.

Zum Frühstück gehen wir in den Gemeinschaftsraum. Die Gäste werden gebracht. Pfleger kommen. Schwestern und Eltern. Ich gebe Josef vorsichtig seinen Morgenbrei.

Ich bin aufgeregt. Mit meinen Gedanken schon bei der Schwester vom Pflegedienst. Sie wird bald kommen. Um 10.00 Uhr. Einatmen und Ausatmen. Wieder neue Menschen. Fremde Hände, die unseren Josef halten werden. Fremde Menschen in unserer neuen Wohnung. Sich wieder öffnen.

Ich merke, wie müde ich bin. Müde davon, neue Menschen kennenzulernen. Sie dicht an Josef zu lassen. Dicht an uns. Merke, wie ich abstumpfe. Es mir schwer fällt, mich zu öffnen.

Muss ich das überhaupt, denke ich. Muss ich mich öffnen? Brauchen die Schwestern und Pfleger bei uns nicht einfach nur klare Anweisungen? Klare Aufträge? Klare Grenzen? Einatmen und Ausatmen.

Die Schwester kommt. Sie wirkt nett. Nett. Auf den ersten Eindruck gebe ich nicht mehr viel. Zu viele erste Eindrücke gehabt. Ich erzähle ihr von Josef. Dann nimmt der Pfleger Josef. Sagt, ich mach das schon. Lächelt. Danke, sage ich. Danke. Ich vertraue ihm. Die Schwester, Josef und der Pfleger gehen in Josefs Zimmer.

Uli und ich gehen in unsere Wohnung. Mir laufen Tränen. Uli hält mich. Es ist viel, Uli. So viel Veränderung auf einmal. So wenig Zeit zum Ankommen. Dann räumen wir. Ich fühle mich erschöpft. Müde. Mir schmerzt mein Körper.

Am Nachmittag hole ich Klara ab. Zusammen gehen wir zu Josef. Die Schwester vom Pflegedienst ist schon weg. Kommt morgen wieder. Einatmen und Ausatmen. Einatmen und Ausatmen.

Josef liegt entspannt in seinem Kinderwagen. Er schläft. Ich streichele ihn. Küsse seinen Kopf. Halte seine kleine Hand. Dann fahren wir noch einmal los. Regale kaufen. Für Klaras Zimmer. Klara bleibt im Kinderhospiz.

Am Abend sind wir wieder da. Josef ist wach. Uli inhaliert Josef. saugt ihn ab. Ich lege Josef auf meine Brust. Klara schaut fern. Dann lege ich Josef in sein Bett. Herzfrequenz 123. Sauerstoffsättigung 97. Alles gut. Wir geben der Schwester Bescheid.

Gehen in unsere Wohnung. Ich bringe Klara ins Bett. Lese ihr vor. Mache ihr das Hörspiel an. Uli und ich sitzen im Wohnzimmer. Eine Weile. Reden. Sind still. Erschöpft. Gehen ins Bett. Schlafen.

Veröffentlicht am: 12. 02. 2019


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