441 | Ich bin wach.

Ich bin wach. Das Licht der Schule weckt mich. Ich schalte den Wecker aus. Gehe ins Bad. Wasche mich. Gehe in die Wohnküche. Setze Wasser auf. Für Tee und Kaffee. Decke den Frühstückstisch. Bereite die Brote vor. Für Klara.

Klara kommt. Auf dem Schulhof sammeln sich langsam die Kinder. Es ist schön, ihr Treiben zu sehen. Sie hüpfen und springen. Spielen Fange. Uli kommt zu uns. Sagt, wir brauchen Gardinen. Wir sind wie auf einem Präsentierteller. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Die Kinder und Eltern können uns sehen. Wir sie und sie uns.

Klara geht los. Los in die Schule. Ich winke ihr nach. Bis ich sie nicht mehr sehe. Uli und ich gehen zu Josef ins Kinderhospiz. Es ist ungewohnt, nicht dort zu wohnen. Ganz ungewohnt. Wir fahren mit dem Fahrstuhl in den zweiten Stock. Gehen den Gang entlang.

Josef badet gerade. Der Pfleger ist bei ihm. Das ist schön. Ich übernehme Josef. Uli fragt nach der Nacht. Keine Besonderheiten, sagt der Pfleger. Dann fragt Uli nach der Schwester. Der Pfleger sagt, ja. Die Schwester ist erfahren. Etwas vorsichtig. Das muss ja nicht schlecht sein. Okay, sagt Uli. Okay.

Ich trockne Josef vorsichtig ab. Küsse ihn. Öle Josef ein. Bin gar nicht richtig bei Josef. Mit meinen Gedanken bin ich bei der Schwester. Bei den Schwestern, die noch eingearbeitet werden. In unserer neuen Wohnung. In unserer alten Wohnung.

Sie muss noch übergeben werden. Die alte Wohnung. Ich bin mit meinen Gedanken überall. Nur nicht richtig bei dir, mein Josef. Ich küsse Josef. Halte ihn in meinem Arm. Spüre seine Wärme. Heute kommt die Schwester schon um 9.00 Uhr.

Wir gehen in Josefs Zimmer. Die Schwester ist schon da. Ich setze Josef in seinen Therapiestuhl. Ich frage die Schwester, wie es war. Gestern. Sie sagt, sie muss Josef kennenlernen. Ja, sage ich. Ja.

Uli und ich erzählen von den Krisensituationen. Die unerwartet kommen. In denen gehandelt werden muss, weil Josef sonst erstickt. Erzählen von den Krampfanfällen. Zeigen ihr die Notfallpläne.

Sie schüttelt ihren Kopf. Ich bin verwirrt. Die Schwester sagt, sie ist keine Notfallschwester. Keine Intensivschwester. Sie ist Krankenschwester. Ich sage, die Krisen gehören doch zu Josef. Sie müssen doch reagieren können. Oder nicht? Wie soll das gehen?

Sie sagt, Josef hat doch nicht nur Krisen. Nein sage ich. Die Krisen gehören dazu. Sie kommen plötzlich. Sie müssen dann doch wissen und reagieren können. Sie ist still. Ich fürchte, zu direkt gewesen zu sein. Ich sage, ich bin ja zu Hause. Die erste Zeit bin ich zu Hause. So lange, wie sie sich sicher fühlen. Gut, sagt sie.

Dann muss sie mit uns wegen den Dienstzeiten sprechen. Sie kann erst später anfangen. Das besprechen wir mit der Pflegedienstleitung, sage ich. Die Schwester sagt, sie hat mit der Pflegedienstleitung gesprochen. Sie hat gesagt, sie soll es mit mir besprechen. Einatmen und Ausatmen.

Okay, sage ich. Dann fangen sie später an. Ich habe ja keine Wahl, denke ich. Keine Wahl. Uli und ich lassen die Schwester mit dem Pfleger allein. Ich habe das Gefühl von Widerstand. Als kommt mein Anliegen nicht an. Handlungsoptionen mitzugeben. In Notfallsituationen. Die so häufig vorkommen. Die Josef ausmachen. Gäbe es sie nicht, bräuchten wir doch keinen Pflegedienst.

Ich fühle mich gelähmt. Irgendwie gelähmt. Als würde ich gegen eine Mauer sprechen. Vielleicht bin ich auch zu schnell. Hole die Schwester nicht ab. Bin nicht einfühlsam genug. Ich habe keine Zeit mehr dafür, denke ich. Keine Zeit mehr und keine Energie. Dafür. Mich auf jede neue Schwester voll und ganz einzulassen. Raum zu geben. Den habe ich nicht mehr. Den inneren Raum für jede einzelne Schwester.

Uli und ich. Räumen. Kaufen ein. Fahren in die alte Wohnung. Räumen auf. Werfen Dinge weg. Am Nachmittag holen wir Klara ab. Vom Hort. Sie sagt, sie hat sich für eine Arbeitsgemeinschaft entschieden. Sie möchte Keramik machen. Ich fülle den Zettel gleich aus. Gebe ihn der Hortnerin. Klara wird dann Mittwoch zum Keramik gehen.

Den Nachmittag räumen wir in der Wohnung. Dann gehen wir zu Josef. Er ist wach, mein Josef. Ich nehme ihn in den Arm. Küsse ihn. Die Schwester sagt, Josef hat gekrampft. Er hat ein Notfallmedikament bekommen. Okay, sage ich. Okay. Wir gehen in Josefs Zimmer. Uli inhaliert Josef. Saugt ihn ab.

Klara schaut fern. Ich lege Josef auf meine Brust. Er schläft ein. Ich lege Josef in sein Bett. Herzfrequenz 124. Sauerstoffsättigung 98. Alles gut. Wir geben der Schwester Bescheid. Ich gehe noch einmal zu Josef. Lege meine Hand auf seinen Kopf. Küsse ihn. Schlaf gut, mein Josef. Schlaf gut. Dann gehen wir. Nach Hause.

Veröffentlicht am: 13. 02. 2019

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